Sehr genau lässt sich etwa via Shazam beobachten, wie aus einem lokalen Musikphänomen langsam ein globales wird. Die Entwicklung des unerwarteten internationalen Erfolgs der gerade mal 18-jährigen Lorde beispielsweise, ursprünglich ausschließlich ein Star im Popniemandsland Neuseeland, ließ sich genau verfolgen: über sich weltweit ausbreitende Anfragen bei Shazam, die als Antwort immer "Lorde mit ihrer Single Royals" ausspuckte. Shazam konnte genau erkennen, wann das Interesse für Lorde auch New York erreicht hatte. "Manchmal", zitiert Derek Thompson einen ehemaligen Programmierer von Shazam, "können wir schon Monate, bevor die meisten Leute überhaupt von diesem Song gehört haben, sehen, ob dieser den richtigen Durchbruch schaffen wird". Shazam, schreibt Thompson, sei somit weit mehr als eine App, sie sei ein "Früherkennungssystem für Hits".

In den vergangenen Jahren wurde ein Abgesang auf die Musikindustrie nach dem anderen verfasst und die Branche selbst gefiel sich allzu sehr in ihrer Rolle des bedauernswerten Opfers der Digitalisierung. Der Verkauf von CDs ging stetig zurück, da halfen Kopierschutz und sämtliche Abmahnungen nichts. Langsam jedoch scheinen die wenigen wirklich großen Plattenfirmen, die es nach der Marktbereinigung in den Nullerjahren überhaupt noch gibt, in der Digitalisierung auch die Chancen zu erkennen und ihr Geschäft noch einmal neu aufzuziehen. Früher, in den goldenen Zeiten der Musikindustrie, schrieb, wenn es hochkommt, eine unter zehn Bands bei einer großen Plattenfirma überhaupt schwarze Zahlen. Big Data verspricht, diese Erfolgsquote dramatisch zu erhöhen, effizienter arbeiten zu können. Man muss nicht mehr versuchen, eine noch unbekannte Band bei einer Hörerschaft durchzusetzen, von der man nicht weiß, was diese eigentlich vorgesetzt bekommen möchte. Man hat es mit einer Masse gläserner Konsumenten zu tun: Es lässt sich genau registrieren, was diese gerade streamen, downloaden, teilen oder auf Wikipedia nachlesen. Man weiß, welche Altersgruppe welche Musik bevorzugt und ob darunter mehr Jungs als Mädchen sind oder umgekehrt.

Unterscheidung zwischen Künstlern und Dienstleistern

Weil die Labels nun immer präziser bestimmte Trends nicht nur aufgreifen, sondern auch mit passenden Acts befeuern können, werde, so Thompson, auch die Mainstreammusik, immer einförmiger. Immer mehr vom Immergleichen und Gewohnten wollen die Leute hören, das bestätigen auch neurowissenschaftliche Studien. Damit lässt sich zudem die grassierende Retromania erklären, die der englische Popjournalist Simon Reynolds 2011 in seinem gleichnamigen Buch beklagt hat. Und die Musikindustrie gibt ihren Zielgruppen eben, was sie wollen, so wie der Wirt seinem Stammgast die Leibspeise bringt, noch bevor der sie bestellt hat.

Liest man Thompsons Befund, lässt einen das schon kurz erzittern. Bedrohen Algorithmen die Vielfalt der Popkultur? Matthias Krebs, Leiter der Projektgruppe DigiMediaL_musik an der Berliner Universität der Künste, die Musiker bei allen Belangen rund um Musikmarketing im Social Web berät, glaubt das nicht. Er sagt, erst mal müsse man unterscheiden zwischen Musikern und Dienstleistern. Und bei den Musikern, die er berät und denen es zuvorderst um ihre Kunst gehe, stelle er sogar eine zunehmende Angst vor einer zu großen Abhängigkeit vom Internet fest. Die Musiker, sagt Krebs, wollten um jeden Preis vermeiden, in die Nähe von Dienstleistern zu rücken. Und dass Letztere dann tatsächlich mit Hilfe von Big Data Hits am Fließband produzieren können, das glaubt er auch nicht. Noch wichtiger für den Erfolg als der Song selbst, sei der Kontext, in dem dieser rezipiert werde, glaubt er, und wie dieser genau aussehe, das lasse sich während der Produktion des Songs höchstens erahnen. Auch der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen beschreibt in seinem Buch Über Pop-Musik, wie die Bedeutung und letztlich auch der Erfolg eines Popsongs erst durch einen bestimmten Umgang mit diesem entstehe, "die Fans setzen Pop zusammen", schreibt er. Und wie sie das genau tun, diese Hoffnung bleibt, lässt sich nie hundertprozentig errechnen.

Dass die Kulturindustrie ihre Methoden nochmals verfeinert hat, ihre Produkte leichter zu verkaufen, wird kaum zu einer Ausdünnung der Musiklandschaft führen. Matthias Krebs benennt ja bereits einen dialektischen Prozess, den die wachsende Bedeutung von Internetmarketing auch auslösen kann. Nein, man muss sich nicht fürchten vor dem Wiedererstarken der Musikindustrie durch das Internet. Letztlich macht sie alles wie immer, nur ohne Typen wie Steven Stelfox.