Das Eigenleben der Ichs – Seite 1

Man wird ja mal fragen dürfen: Leiden Sie an musikalischer Schizophrenie, Herr Siebert? "Aber ja", sagt Tobias Siebert, "und das wird immer schlimmer mit den Jahren". So fröhlich ist wohl selten jemand zuvor mit seiner Diagnose umgegangen. Andererseits: Die Symptome dieser Krankheit sind ja auch keine Depressionen, sondern gepflegte Melancholie. Keine ausufernden Seelenqualen, sondern nur berückende Melodien und üppige Arrangements. Und zur Therapie braucht es eben auch keinen monatelangen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, sondern bloß ein Album mit gut 52 Minuten wundervoller Musik.

Another Half Life heißt dieses Album, aufgenommen hat es Siebert im Alleingang – von jeder einzelnen Gesangsspur bis zum allerletzten Jammern einer Waldzither, vom Schlagzeug bis zum Santur, vom Klavier bis zum Glockenspiel. "Um allein bleiben zu können", sagt Siebert, "musste ich mich vervielfältigen". Einer, der mehr als nur einer sein will, nennt sich entsprechend: And The Golden Choir.

Tatsächlich fällt an Another Half Life zuallererst der Chor auf, den Siebert durch die Multiplikation seiner selbst erschaffen hat. Ein Chor aus bis zu 25 Tonspuren mit seiner Stimme, der das Album mit einer kurzen A-cappella-Nummer eröffnet: Der Singekreis aus den vielen Sieberts blickt zurück, getragen, feierlich, fast an ein Kloster-Ensemble erinnernd, auf vergangene Jahre, auf die vielen Bilder aus ferner Zeit. Dazu intoniert er die Weisheit, dass man sich besser verändert, bevor es zu spät ist.


Man darf das als Motto verstehen. Sowohl in Arbeitsweise als auch Musik ist And The Golden Choir eine recht radikale Kehrtwende für den 38-jährigen Berliner, der sich als Mitglied verschiedener Bands und vor allem als Produzent einen Namen gemacht hat. Siebert war Gitarrist von Delbo, bei den immer noch existierenden Klez.e übernimmt er zusätzlich auch den Gesang. Beide Bands hatten eine Nische gefunden zwischen Grunge-Rock und Diskurs-Pop. Noch erfolgreicher war und ist Siebert als Soundverantwortlicher hinter Alben von Kettcar, Phillip Boa oder Me and My Drummer. Momentan nimmt er in seinem Kreuzberger Studio gerade mit Herrenmagazin und Enno Bunger deren kommende Werke auf.

Die Direktheit zurückholen

Von einem Bandmitglied ist Teamfähigkeit gefragt, vom Produzenten zudem noch psychologisches Talent im Umgang mit fragilen Gruppenzusammenhängen. Das kann schon mal zu viel werden und war ein Grund für den Alleingang, auf den sich Siebert mit And The Golden Choir begeben hat. Ein Alleingang, der sehr viel radikaler ist als das durch avancierte Technik weit verbreitete Phänomen vom jugendlichen Soundbastler, der zweieinhalb Orchester und eine Rockband in seinem Computer zum Leben erweckt und mit schicken Beats verziert. Siebert hat soweit wie möglich auf digitale Technik verzichtet, er wollte "konsequent analog denken". Inspiriert vom Dogma-Manifest dänischer Filmregisseure hat er sich selbst geschaffenen Regeln unterworfen: Jede Spur wurde live eingespielt, kein Klang nachbearbeitet. Die Idee dahinter: "Authentizität und Direktheit zurückholen in den Produktionsprozess".

Das hat man sich dann so vorzustellen: Siebert setzt sich ans Schlagzeug, das er eigentlich nicht beherrscht, und spielt die drei Minuten Rhythmus ein. Dann stellt er sich mit der Triangel vors Mikrofon, startet das Aufnahmegerät, wartet zweieinhalb Minuten, haut einmal gegen die Triangel und wartet die letzte halbe Minute noch ab. So geht das mit jedem Instrument, jeder der Dutzenden Gesangsspuren: Jede Aufnahmespur hat, so gering der einzelne Beitrag auch ist, immer die volle Länge des Songs. Wichtig ist die Atmosphäre, die nicht bewusst zu hören, aber doch zu ahnen ist. So entsteht das Hologramm einer ganzen Band, die doch nur aus einem einzigen Mitglied besteht. Wie ein Theaterstück, dessen Rollen alle derselbe Schauspieler übernimmt.

Jedes Stück in Vinyl geschnitten


Warum tut man sich das an? "Ich wollte mich vor allem mal sehr intensiv mit mir selbst beschäftigen", sagt Siebert. "Ich wollte den Moment, wenn Musik im Studio entsteht, einmal ganz allein genießen. Ich wollte das Unerwartete finden. Deshalb mag ich es auch, mich an Instrumente zu setzen, die ich eigentlich nicht spielen kann. Da entstehen Sachen, die sonst nicht entstehen. Ich wollte mehrere Sieberts, die ein Eigenleben bekommen. Ich wollte sehen, ob ich es schaffen kann, als Einzelperson zu einer Gemeinschaft zu werden."

Ist das schon Wahnsinn? "Im Moment fühlt es sich sehr gut an", sagt Siebert leise lächelnd, "ich genieße das gerade sehr. Vielleicht ist das ja meine Therapie."

Für die Bühne treibt er das radikale Konzept auf die Spitze. Anstatt eine Band zu rekrutieren, hat er sich die Musik von einem Presswerk in Augsburg auf Dubplates schneiden lassen, pro Vinyl-Seite jeweils ein Stück. Während seiner Konzerte singt Siebert und spielt einzelne Instrumente, die Band aus den vielen Sieberts aber kommt vom Plattenspieler. Nach jedem Song muss er zum Plattenspieler gehen und die Scheibe umdrehen oder eine neue auflegen. Dass die Dubplates mit jedem Auftritt weiter verkratzen, jedes Mal ein wenig lauter knistern und so ein zusätzliches Eigenleben entwickeln, das war zwar nicht geplant, passt aber natürlich zur Idee der musikalischen Geistersuche.

Klonung der Stimmen

Auch die Musik selbst klingt bisweilen geisterhaft. Nicht nur, weil der Rhythmus meist gemessen dahinschreitet und die Melodien schwerelos durch majestätische Klangräume schweben. Sondern auch, weil in den Chören, die aus der Klonung einer einzelnen Stimme entstanden sind, immer wieder andere, fremde Stimmen aufzuleuchten scheinen. Mal stammen sie von alten, längst verblichenen Soul-Größen, mal ist es die von Paddy McAloon, dessen Band Prefab Sprout großen Einfluss auf Sieberts Kindheit hatte, mal die von Antony Hegarty, den Siebert sehr verehrt.

Another Half Life aufzunehmen, hat nahezu vier Jahre lang gedauert. Es war die Mühe wert. Nicht nur, weil es ein Statement für den guten alten, warmen analogen Klang ist. Nicht nur, weil die Dogma-Idee einfach zu gut ist, um sie nicht auch einmal auf andere Kunstformen anzuwenden. Nicht nur, weil die verschiedenen Bedeutungs- und Klangebenen so herrlich miteinander verschmelzen, bis man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Sondern auch und vor allem, weil die Musik einfach wunderbar geworden ist.