Charli XCX ist eine Wucht. Sie macht Punk-Musik, ohne nach den Sex Pistols zu klingen. Destilliert aus frischen Popsongs die Essenz einer Jugendbewegung, die sie nicht einmal selbst erlebt hat. Die 22-jährige Britin ist neuer Teenie-Star und neue Superproduzentin zugleich. Sie könnte der weibliche Pharrell der kommenden Jahre werden.

Erst einmal muss sich Charli XCX aber austoben. Ganz klar, sie ist die Königin des Schepperns. Synthesizer-Gewitter, Rückkopplungen, Gitarrenwand. So viel Wut, so viel Spaß. Das Leben drumherum erscheint nach elf Liedern ihres dritten Albums Sucker wie ein Kampf gegen tatsächliche und eingebildete Widerstände. Klassisches Jugendrebellionsgehabe. Eltern, Lehrer, Erwachsene – auf sie mit Gebrüll.

Was diese Platte von der Konfektionsware beispielsweise von Ariana Grande unterscheidet: Sucker ist rauer Selbstermächtigungspop einer starken jungen Frau, selbst geschrieben, mitproduziert und stilistisch erkennbar. Eine Umarmung von wenigstens 30 Jahren Popgeschichte, eine Hommage an die Spice Girls und Siouxsie Sioux. Charli XCX legt den Girl-Group-Pop der vergangenen Jahrzehnte neu auf. Wer braucht noch einen Drummer oder eine Gitarristin auf der Bühne, wenn der Computer alles kann? Wer will noch rätseln, wer Sporty Spice und wer Posh Spice war, wenn Charli alles in einer Person vereint?

Sofort mitsingen

Erinnert sich noch jemand an die Go-Gos oder die Bangles? Das waren erfolgreiche Frauenbands der achtziger Jahre, die zwischen Gitarrenpop und Rockattitüde pendelten. Charlis Breaking Up und London Queen hätten von ihnen stammen können, im Hintergrund klappert es wie die Flying Lizards und ihr unzerstörbares Money aus den frühen achtziger Jahren. Alles modern aufgemotzt, mit Keyboard-Kaskaden und sehr, sehr eingängigen Melodien. Will man sofort mitsingen.


Oder wenn man jung genug ist: mitbrüllen. Diese Songs sind herausgeschriene Statements, Texte mit Ausrufezeichen im Kopf: Ich will nicht zur Schule gehen! Ich will die Regeln brechen! (Break The Rules) Blödmann! (Sucker) Knall Bumm Bang! (Boom Clap). Energie! Energie! Energie! Schnelle Verausgabung, kein Song dauert länger als vier Minuten – was im Königreich des Pop eine gute Nachricht ist. Elf Statements im Kurznachrichtenstil, aufschäumend, mitreißend, schlicht: der Soundtrack des Winters. Ausrufezeichen!

Wer ist nun diese junge Frau, von der vermutlich wenige gehört haben, die jedoch seit geschlagenen fünf Jahren ihre Spuren im internationalen Musikgeschäft hinterlässt? Charlotte Emma Aitchison, geboren 1992, wuchs in der britischen Einöde namens East Hertfordshire auf, ihre Mutter ist indischer Abstammung, ihr Vater Schotte. Mit 14 Jahren begann sie, Lieder zu schreiben und sie auf der Plattform Myspace hochzuladen. Da wurden Talentscouts aufmerksam.

Sie trat mit ersten Songs auf Raves auf, Gelegenheiten, bei denen sie, so heißt es, von ihren Eltern begleitet wurde. Man muss sich erst mal dagegen zu wehren wissen, wenn Mutter und Vater selbst gern die Nacht durchtanzen. Vielleicht deshalb diese "Ich mach alles kaputt, kaputt, kaputt und hab Spaß, Spaß, Spaß"-Arie. Wie der Überproduzent Pharrell Williams stellt sich ihr Musik in Farben dar. Man kann nur vermuten, dass die Welt der Synästhetikerin neongelb und knallrot blinkt.

Sturm und Drang aus Mädchenperspektive

Vor zwei Jahren veröffentlichte sie bei einer größeren Plattenfirma das zweite Album True Romance, nur über einen Achtungserfolg kam es nicht hinaus. Dennoch haben Millionen Menschen ihre Songs gehört, die sie für Kolleginnen geschrieben hat: Zuerst half Charli XCX dem schwedischen Mädchenduo Icona Pop mit I Love It einen Welthit zu landen, dann verbündete sie sich mit der australischen Rapperin Iggy Azalea (Sommerhit Fancy) und feierte schließlich mit Boom Clap vergangenes Jahr ihren eigenen großen Erfolg.

Übrigens einer, der wie Pharrell Williams' Happy über einen Umweg in die Charts kam. Ursprünglich war das Lied als Beitrag zum Soundtrack des Teeniefilms Das Schicksal ist ein mieser Verräter (bei Pharrell war es der Animationsfilm Unverbesserlich Ich 2) geplant, wurde dann jedoch so beliebt, dass es langsam in die Top Ten verschiedener Länder hinaufschlich – als der Film längst aus den Kinosälen verschwunden war.

Charli XCX reiht sich in die Linie der Produzentenstars, die sich nicht mehr damit begnügen, anderen Künstlern zu helfen, sondern eigene Alben herausbringen. Mark Ronson tut dies gerade mit beachtlichem Erfolg als Erneuerer des Funk, ihm zur Seite steht Bruno Mars, der eine ähnliche Karriere genommen hat. David Guetta bearbeitet seit einer gefühlten Ewigkeit das Feld der Elektro-Schrott-Einweghits – und Millionen Menschen danken es ihm. Arme hoch, vergessen, vergessen, jetzt ist now.

Katy Perry, Gwen Stefani und Madonna sehen alt aus

Charlotte Aitchison ist anders. Sie singt ihre Lieder, weil sie damit die Kontrolle über ihre Kreationen behält. Dieses ungebändigte Herauslassen von Erzählungen, diese Sturm-und-Drang-Geschichten aus einer Mädchenperspektive – kleine Sketche, in denen Jungs nur als schmückendes Beiwerk auftauchen und von Selbstoptimierung in Fitnessstudios und Modeboutiquen nichts zu spüren ist. Man höre nur einmal Sucker, diese Anti-Industrie-Hymne, in der sie gegen alle und jeden wettert, ein Schlechte-Laune-Ohrwurm, der eine Gute-Laune-Hysterie heraufbeschwört.

Wie sie manchmal auftritt, mit einem karierten kurzen Rock, die Augen am Mikrofon geschlossen, den Körper angespannt: In solchen Momenten erinnert sie an Wendy James von der längst vergessenen Punkpopband Transvision Vamp – für eine kurze Zeit Ende der achtziger Jahre das Pin-up ganz Englands, das Riot Girl für die Hitmaschine. Jetzt ist sie wieder da, in Person dieser jungen Frau, die sich auf dem Cover ihres Albums mit Leopardentop und übergroßem Kirmesherz als britische Pub-Schönheit inszeniert.

Ach ja, auf der Grammy-Verleihung führte Madonna neulich ein offenherziges Bolero-Outfit vor und lupfte routiniert das Hinterteil. Charli XCX war auch auf dem roten Teppich. Sie trug einen weißen Hosenanzug – hochgeschlossen, mit einer rosafarbenen Fliege – und fiel damit stärker auf als die gesamte Bustier-und-Busen-Clique um sie herum. Gwen Stefani, Katy Perry, Madonna – auf sie mit Gebrüll!

"Sucker" von Charli XCX ist erschienen bei Asylum Records/Warner