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José González – Vestiges & Claws (Peacefrog/Rough Trade)

Sieben Jahre hat der Schwede José González zwischen seinem zweiten und dem dritten Soloalbum verstreichen lassen und das hat mehrere Gründe: Zum einen war er hochbeschäftigt mit seiner Band Junip, dem Soundtrack zu Ben Stillers abenteuerlichen Reisen und Beiträgen zu verschiedenen Kunst- und Benefizprojekten. Zum anderen hat das Internet erst vor vier Jahren das Jucken hervorgebracht, gegen das seine Musik das Kratzen ist:

Der Begriff Autonomous Sensory Meridian Response beschreibt das wohlige Gefühl, das einem etwa Kopfmassagen oder das Geräusch von Buntstiften auf Papier verschaffen – oder eben das sanfte Ratschen, Klatschen und Klopfen, aus dem auch die zehn Songs auf dem Album Vestiges & Claws wieder bestehen. Wie schon auf den zwei Vorgängeralben beschränkt sich José González darauf, die Saiten seiner alten klassischen Gitarre im einsamen Studio zu zupfen und dazu kleine kluge Sätze zu singen, die nie weiter als bis zum Zeilenende reichen. Den Rhythmus trommelt er sachte aufs Holz, vielleicht tappt auch sein Fuß dazu. Die Gänsehaut ist eine gute.

 


© Bridge Nine

War On Women – War On Women (Bridge Nine/Soulfood)

Angebracht unangenehm fühlt es sich an, wenn War On Women sich gegen Sexismus, Rape Culture, Anti-Choiceler und Konsorten in Stellung bringen. Auf ihrem Debütalbum packt die Band aus Baltimore feministische Themen so unumwunden an, wie ihr Name das vermuten lässt, und bringt sie aufs Räudigste unter die Menschen. In ihrem Hardcore-Punk vermischt sich thrashiger Krach mit unironischen Riffs, atemlosem Gesang und Gruppengekreische, als wäre man nach einer Faust ins Auge mitten in den Neunzigern aufgewacht.

Musikalisch kann man das mögen oder nicht, es macht War On Women jedenfalls unhip genug, um nicht als nächstes schreiendes Gewissen der ironischen Eliten herhalten zu müssen und auch gar nicht erst in Verdacht zu geraten, sie hätten irgendwas mit zu vielen Katzen und zu wenig Humor zu tun. War On Women ist breitbeiniger Lärm mit saurem Schweiß und Stahlkappenstiefeln, der mit Songs wie Roe V. World oder Diana La Cazadora an allen Meta-Debatten vorbei auf die großen Themen zurückschießt, und dabei oft genug trifft.

  


© Downbeat

Locas In Love – Use Your Illusion 3 & 4 (Downbeat/Warner)

Noch mal Neunziger, aber eher schlafwandelnd: Wer sich bis heute nicht von Trainingsjacken und genäselten Liedern übers Befinden an bestimmten Orten trennen kann, findet in Use Your Illusion 3 & 4 einen neuen Begleiter. Zwar haben Locas In Love aus Köln ihr neues Doppelalbum nach einer der theatralischsten Rockbands der vergangenen Jahrzehnte benannt, drin steckt aber genau der schluffige Indiepop, mit dem sich behütete junge Menschen rund um die Jahrtausendwende vom geisteswissenschaftlichen Studieren ablenkten. Wer Die Sterne, Tocotronic oder Blumfeld zu intellektuell fand, hörte schon damals Locas In Love.

Dass die fast 15 Jahre nach Gründung jetzt bei einem Majorlabel gelandet sind, ist komisch und egal, weil ihr Publikum sich genauso wenig verändert hat wie die Band. Vorn singt Björn Sonnenberg possierlich ungelenke Sätze darüber, dass er sich seit 20 Jahren als Teenager fühlt, zu den Refrains kommt Stefanie Schrank dazu, und das Ruckeln und Flöten und Hauchen dahinter klingt so handgemacht wie eh. Die erwachsenen Geisteswissenschaftler wird das freuen, auch wenn nicht mal die viel mit den elf instrumentalen Stücken auf der zweiten Albumhälfte werden anfangen können.

  


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Drake – If You're Reading This It's Too Late (Cash Money)

Wenn der Künstler selbst von einem Mixtape spricht, wer darf es dann Album nennen? Im Zweifel immer das Label, das an 17 ohne jede Ankündigung veröffentlichten Tracks verdienen möchte. Letzte Woche tauchte If You're Reading This It's Too Late bei iTunes auf und schoss sofort an die Spitze der US-Charts. Bei aller Liebe zum Geld begreift Drake dieses Werk vor allem als Freiraum, in dem er sich melancholisch, düster und radiounfreundlich an die alten Zeiten erinnern kann.

Natürlich wird der Kanadier auch mit diesen untergründigen Songs nicht zum harten Polittheoretiker oder gar experimentell. Zwar haben die Beats eher nachdenkliches Tempo, es gibt kaum Hits und gesungene Parts, aber sein traurig schönes R'n'B-Feeling und die schlichten Songstrukturen bleiben wie sie waren. Wenn der Vergleich mit Beyoncé, der bei so einer Veröffentlichungsweise zwangsläufig in allen Besprechungen durchgenudelt wird, noch an anderer Stelle stimmt, dann an dieser: Auch ein poppigeres, gewöhnlicheres Album hätte Drake mehr Ruhm, Geld und Präsenz gebracht. Mit If You're Reading This It's Too Late bewahrt er sich den Respekt.