Der Frühling naht und mit ihm die Zeit, in der uns die Magazine wieder "Deutschlands erfolgreichste Singles" und die besten Flirtapps präsentieren wollen. Die Kinder matchen auf Tinder, die Single-Eltern auf verschiedensten Portalen. Moderne Paare stehen im Dauerkontakt, Beziehungen spielen sich heute zu nicht unwesentlichen Teilen im Whatsapp-Chat oder Facebook Messenger ab. Doch wo man früher noch gefragt hat: Was nützt die Liebe in Gedanken?, muss es nun heißen: Was nützt sie im Digitalen?

Den möglichen Soundtrack für eine tiefere Überlegung in dieser Angelegenheit liefert aktuell das deutsche Trio Sizarr mit seinem zweiten Album Nurture. Fabian Altstötter, Philipp Hülsenbeck und Marc Übel sind alle Anfang 20 und somit qua Geburt digital natives. Ins Deutsche übersetzt kann der Titel ihres neuen Werks sowohl Erziehung wie Nahrung bedeuten, und was die Liebe betrifft, so wird hier durchweg ordentlich Futter geboten. Gesellschaftspolitische Bezüge werden außen vor gelassen, dafür geht es um Selbstfindung, Romantik und Beziehungskrisen.

Mag sein, dass diese Ich-Versessenheit, das Bad im Gefühl, typisch für die Generation der Musiker ist. Ganz und gar untypisch, um nicht zu sagen, aus der Zeit gefallen, sind allerdings ihre Sujets. Das Album spielt sich überwiegend draußen ab, Internet und Smartphones haben Sendepause. Es wird noch ins real existierende Kissen geheult, statt traurige Smileys zu verschicken. Bäume werden erklommen und Scooter Accidents gebaut. Der Blick geht nur nach unten, wenn man wie im Stück I May Have Lied To You gestehen muss, dass man die ersten erwachsenen Zweisamkeitsversprechen doch nicht einhalten konnte.


Und nicht nur, weil an einer Stelle noch die Mutter mit dem Essen zu Hause wartet, wirkt das alles wie identitäre Abiturienten-Musik, der ihre Urheber doch eigentlich längst entwachsen sind. Auch die Produktion gibt sich viel erwachsener. Nuture macht alles richtig, was Radio-Pop schon zwischen, sagen wir mal, den späten Ultravox, Toto und Taylor Swift gelang.  

Es gibt auch hier die klassische Piano-Ballade mit Meeresrauschen oder Streichern, aber alles wird behutsam eingesetzt und klug zwischen den Effektgeräten so hin und her geworfen, dass nie ein Beigeschmack von Kitsch aufkommt. Opulenz funktioniert am besten, wenn sie auf Reduktion basiert. Komplimente klingen schließlich auch schöner, wenn man sie im richtigen Moment und bewusst sagt.

Sizarr haben dafür erneut mit dem perfektionistischen Produzenten Markus Ganter zusammengearbeitet, der unter anderem auch mit Casper, Tocotronic oder dem Pop-Schnulzensänger Dagobert gearbeitet hat. Die Bassgitarre löst den Synthesizer als formgebendes Instrument ab.

Der innere Kompass

Jedes Lied hat zudem ein retardierendes Intermezzo. Das macht somit alle zehn Stück zu potenziellen Singles, ist auf Albumlänge dramaturgisch aber etwas eintönig. Es steht aber auch sinnbildlich für Nurture, das ein einziger Moment des Innehaltens ist. Man will die Uhr stoppen. Wer hat dieses Gefühl nicht schon einmal durchlebt? 

Und wer würde so schlichten Einsichten wie: "Some mess needs more than hands to be cleaned", oder: "The people having problems are more likeable than the ones causing them", ernsthaft widersprechen wollen? Ob Sizarrs jugendliche Hörer diese nun in ihren Papiertagebüchern, auf ihren Tumblr-Seiten oder gar als Tattoo auf ihrer Haut zitieren, ist nicht von Belang.

Es gibt auf Nurture einiges, was das Herz zum Rasen bringt – alles mit wohl dosiertem Pathos:

"She drank wine / I drank water / It was a night to slaughter (…) It was much easier to say / Than to really do / I may / Have lied to you". Oder: "Oh Zweisamkeit / How many more repeats / Until I learn the differences / Between desire and needs?"

Dennoch bleibt da immer noch eine seltsame Distanz zurück, letztlich hervorgerufen durch Fabian Altstötters markante, eigentümlich unterkühlte Stimme. Es ist ein bisschen wie mit den digitalen Liebesbekenntnissen: Man wird mit ihnen nicht so recht warm.