Es folgt eine unvollständige Auflistung von Dingen, die Moritz Wilken und Hendrik Bolz zuwider sind: Homophobie und Deutschtümelei im Deutschrap, spießbürgerliche Kurzschlussreaktionen auf alles Fremde und Andere, Menschenaufläufe mit "-gida" und "-esa" im Vereinsnamen, Hipster und Hipster-Bashing, Verniedlichung und Verklärung von Straßenrap, Neuköllner Wohlstandsstudenten, Helmut Kohl, Bausparersoul und italienische Wohlfühlsystemgastronomie mit Firmensitz in Bonn.

Die Liste ließe sich fortführen: Mit seinem zweiten Album Alles brennt bezieht das Duo Zugezogen Maskulin, bestehend aus den Kunstfiguren Grim104 und Testo, Stellung als schlechtes Gewissen des deutschen Rap. Die aktuell beliebte These, populäre Musik habe ihre subversive Sprengkraft als Protestmedium verloren, widerlegen Wilken und Bolz mit einer Galavorstellung des Dagegenseins.

Zugezogen Maskulin sind Deutschrap durch und durch, trotz ihres kritischen Blicks auf die zunehmend unübersichtliche Situation im Genre. Sie schauen nicht von oben auf Verbündete und Konkurrenz herab. Sie wirken von innen heraus, als Unterwanderer genauso wie als Fans. Einerseits findet sich auf Alles brennt der Track Vatermord, mit dem Grim104 und Testo neue Trennlinien zwischen sich und ihren alten Vorbildern ziehen. Andererseits hat schon lange keine deutsche Rap-Platte mehr auf so intelligente Weise tatsächliche und abgewandelte Zitate abgefeuert.

Ironie lieben und hassen zugleich

Mit dieser Auskennerei erweist sich Alles brennt als Rap-Album auf der Höhe der Zeit. Musikalisch ist es noch weiter: Trap-Rap-Einflüsse aus den US-amerikanischen Südstaaten stehen neben Konfetti-Techno. EDM-Abstürze folgen auf dreckige Kanye-West-Fanfaren, ein bisschen Kriegsgeballer geht immer. Selbst die Trash- und Kitschverliebtheit von Hypnagogic-Pop-Künstlerinnen wie Fatima Al Qadiri hat sich eingeschlichen. Zugezogen Maskulin befinden sich damit in einem durchaus interessanten Zwiespalt: Ironie ist ihr Feind und liebstes Stilmittel zugleich. Beim Straßenrap verstehen sie keinen Spaß. Bei Autotune und Dubstep wahrscheinlich schon.


Das Unauflösliche dieses Widerspruchs prägt Alles brennt weit über die Musik hinaus. So gibt es kaum ein heißes Eisen im Leben junger und jung gebliebener Berliner und Wahlberliner, das Zugezogen Maskulin nicht anpacken würden: spanische Finanzkrisenflüchtlinge in Kreuzberg und die Studenteninvasion von Neukölln, Szenekneipen-Säufer am Oranienplatz neben Asylsuchenden, die galant von der Straße gekehrt werden. Immer wieder Schwanzvergleiche zwischen den Stadtteilen, außerdem das ewige Dilemma mit den Hipstern und Hipster-Hatern.

Schon der Bandname Zugezogen Maskulin signalisiert mit seiner Anspielung auf die Projekte diverser Berliner Alte-Garde-Rapper, dass sich Testo und Grim104 als Teil des Problems begreifen. Ihren galligen, von einer gewissen Grundprolligkeit bestimmten Stil überzeichnen sie bisweilen so dramatisch, dass er die vergleichsweise behütete Herkunft der Mittzwanziger sofort verrät. Aggro Berlin hat ihre Jugend geprägt. Stattgefunden hat sie in Stralsund und dem friesischen Zetel.