Es liegt in der Natur von Sensationen, dass sie niemand vorausahnt. Anfang Februar wucherten die Gerüchte, umso schlichter fielen die Schlagzeilen aus: "Harper Lee, Autorin von Wer die Nachtigall stört, veröffentlicht ihren zweiten Roman", titelte die New York Times nüchtern über die Rückkehr der Urheberin dieses Klassikers, der sich seit 1960 millionenfach verkauft hat und längst zur Schullektüre gehört. Es geht darin, kurzer Hinweis, unter anderem um Rassendiskriminierung.

Womöglich ist es nur eine entfernte Tangente, aber vielleicht hat an jenem Februarmorgen ja auch Kendrick Lamar aufmerksam die Nachrichten zum Nachfolger von To Kill a Mockingbird verfolgt. Zumindest lässt sich eine gewisse Parallele nicht von der Hand weisen, wenn man sich das am Montag überraschend veröffentlichte Album des Rappers anschaut: Es heißt To Pimp a Butterfly.

Dass auch die LP das Thema Rassendiskriminierung aufgreifen würde, hatte schon die Vorab-Single The Blacker the Berry vermuten lassen. Der Song schlug ein wie ein mahnender Blitz. Fünfeinhalb Minuten knurrende Attacke, mit der Lamar die Zustände der amerikanischen Gesellschaft zerfetzt wie aufgeregte Kinder Geschenkpapier.

"I'm black as the moon", singt er, "came from the bottom of mankind. My hair is nappy, my dick is big, my nose is round and wide." Äußerlichkeiten, die nur symptomatisch für ein tiefer gehendes Problem stehen: "Du hasst mich, oder? Du hasst mein Volk, dein Plan ist, meine Kultur auszulöschen." Das ist genau Lamars Stärke: Er stellt sich selbst zur Schau, um sein Gegenüber zu konfrontieren. Er projiziert seine eigenen Sorgen auf das Allumfassende.


Chronist des Alltags

Nachdem er 2012 mit dem Album good kid, m.A.A.d city den Durchbruch geschafft hatte, verließ Kendrick Lamar die arme Nachbarschaft von Compton im Süden von Los Angeles, in der er aufgewachsen war. Anstatt über neu gewonnenen Reichtum zu rappen, wählte Lamar die subtilere und künstlerisch smartere Lösung: Er tat es den Großen gleich. Wie Marvin Gaye, James Brown und Nina Simone vor ihm machte er sich zu einem Chronisten des Alltags.

Lamar beobachtet die Nachrichtenlage, gleicht sie mit dem Puls der Black Community ab. Beim Schreiben seines neuen Albums wird ihm selbst die Halsschlagader heftig gepocht haben: Auf To Pimp a Butterfly arbeitet er sich mal beißend, mal verzweifelnd an Gewalt, Rassenhass, weißer Vormachtstellung und Polizeiwillkür ab. Er appelliert an den "Geist Mandelas", baut eine Referenz auf den Film Die Farbe Lila ein, zieht Vergleiche zur Geschichte des Sklaven Kunta Kinte. Während sich Jay Z dem Mogulsein widmet und sich Eminem dem Frauenhass hingibt, führt Kendrick Lamar den Hip-Hop zurück an seinen gesellschaftlichen Ursprung.

"Die, die tatsächlich auf der Straße leben, wollen keine Heldengeschichten über Mord und Drogengeschäfte hören. Die wollen endlich davon loskommen. Wenn man das alles ständig als ein bloßes Spiel verkauft, denken die Kids eines Tages noch, das sei wirklich nur ein Spiel", sagte Lamar kürzlich in der New York Times, die den gläubigen Christen prompt zum "evangelist of black power" ernannte.

Allzu weit gefehlt ist das nicht. Der traurige Kontext, der Lamars Musik eben dieser Lesart öffnet, heißt Ferguson. Die Kleinstadt im Bundesstaat Missouri wurde nach den tödlichen Schüssen auf den schwarzen Teenager Michael Brown durch den weißen Polizisten Darren Wilson im August 2014 nicht nur zum Austragungsort für Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Staatsgewalt. Sie dient seitdem auch als Metapher für eine neu entfachte Debatte über Rassendiskriminierung in den USA.

Blut klebt am amerikanischen Traum

Ferguson, so wurde schnell klar, stand dabei lediglich als Einzelfall für ein Problem, das mehr umfasst als bl0ß den schnellen Finger am Abzug eines Polizisten. Im Zuge diverser Ermittlungen wich der Glaube an ein individuelles Fehlverhalten der Gewissheit von vorsätzlichem Versagen der US-Polizei. So war 2014 laut Justizministerium die Wahrscheinlichkeit, als schwarzer Bürger in Newark von der Polizei gefilzt zu werden, dreimal so hoch wie für weiße Bürger. Und das ist nur ein Beispiel von tagtäglichen Verstößen gegen einfache Bürgerrechte.

Mit Ferguson ist die Idee von einem post-racial Amerika, das sich viele liberale Stimmen nach Barack Obamas Wahl zum Präsidenten herbeigesehnt hatten, vorerst gestorben. An diesem Traum klebt jetzt das Blut schwarzer Jugendlicher.

Vor jenem Hintergrund kann man die Stücke auf Kendrick Lamars Album nicht als simple Klagelieder abtun. Man muss sie unbedingt einer fast ausgestorbenen Kunstform zuordnen: Genau genommen sind es Protestsongs. In ihrer verdichteten gesellschaftspolitischen Drastik kann man Nummern wie The Blacker the Berry oder Hood Politics nicht anders deuten. Wie jeder gute Protestsong vor ihnen reflektieren sie die soziale Stimmungslage, weisen auf Risse in der Gesellschaft hin. Schon das Cover ist ein politisches Statement. Fast wirkt es, als sei die feiernde posse größer als das Weiße Haus im Hintergrund. Und unten am Boden liegt einer, der über allem stehen müsste – ein Richter, blind und teilnahmslos.

"Musik, die dir deine Hautfarbe bewusst macht"

Liest man die Kommentare in den sozialen Netzwerken nach der Veröffentlichung von To Pimp a Butterfly, begreift man schnell, dass diese Lieder einen Nerv treffen. Einen Nerv, der zu lange entzündet offenlag. Clover Hope, Kolumnistin der amerikanischen Website jezebel.com umschrieb die unmittelbare Wirkung der Platte so: "Ich habe meine schwarze Hautfarbe nie so zu spüren bekommen wie in den vergangenen drei Jahren. Nie war ich stolzer und ängstlicher zugleich, was das zu bedeuten hat. Ich habe noch nie so ausführlich darüber nachdenken müssen wie in den vergangenen Tagen. (…) Kendricks neues Album ist Musik, die dir deine Hautfarbe hyperbewusst vor Augen führt."

Natürlich ist es schwierig, gesellschaftliche Abgründe in dreieinhalbminütigen Happen abzuhandeln. Andererseits, so will Hope sagen, helfen diese Lieder, Bilder in den Köpfen der Betroffenen festzusetzen. Für Aretha Franklin mögen die Buchstaben R-E-S-P-E-C-T lediglich für den Wunsch nach Anerkennung in einer Beziehung gestanden haben. Für Millionen andere bedeuten die sieben Lettern noch immer den gewichtigeren Wunsch nach Anerkennung in der Gesellschaft.

Im besten Fall, schreibt der britische Autor Dorian Lynskey in seinem Buch 33 Revolutions per Minute, böten Protestsongs Solidaritätsbekundungen oder dienten den Unterdrückten als Aufruf zum Ungehorsam. Anstatt jedoch Unruhe zu stiften, ist Lamars Musik vielmehr das bindende Element, durch das sich die chaotische Wut auf den Straßen langsam zu einer gemeinsamen, geistigen Bewegung fügt.

Rückbesinnung auf die politischen Wurzeln des Rap

Der Rapper ist nur eine ihrer Stimmen. Diverse Musiker griffen die verheerende Stimmung nach dem Tod von Michael Brown, Trayvon Martin, Eric Garner, John Crawford und vielen anderen schwarzen Jugendlichen auf: Den prominenten Anfang machte Rapper J. Cole, der nach seinem Besuch in Ferguson das Lied Be Free aufnahm und den Demonstranten damit eine inoffizielle Hymne schenkte. Der Soulsänger D'Angelo ließ 14 Jahre ohne neue Aufnahmen verstreichen, bis er eilig vor der Jury-Entscheidung über Anklage oder Nicht-Anklage in Ferguson das Album Black Messiah als Ausrufezeichen veröffentlichte. Ungefähr zur selben Zeit widmete Lauryn Hill eine überarbeitete Version ihres Songs Black Rage den Demonstranten in Ferguson.

Andere lehnten sich wortreich in den öffentlichen Diskurs: Questlove, Schlagzeuger der Roots, appellierte an Musiker aller Art, das Jetzt aufzusaugen und Songs zu schreiben, die Fragen stellten oder Antworten lieferten, die nicht tanzbar, sondern schlichtweg wahrhaftig sein müssten. Als der Rapper Common gemeinsam mit John Legend im Februar den Oscar für Glory als besten Song gewann, schlug er in seiner Dankesrede die Brücke zwischen Selma, dem dazugehörigen Film über die Bürgerrechtsbewegung, und den Protesten in Ferguson. Legend erinnerte an Nina Simones Mantra, wonach es die Pflicht eines Künstlers sei, in seinem Werk die Gegenwart zu reflektieren: "Selma hat jetzt seinen Moment, weil wir im Hier und Jetzt um Gerechtigkeit ringen." Genauso wie Lamars Rückbesinnung auf die politischen Wurzeln des Rap war dies ein besonderer Moment, weil auf der vielleicht sterilsten Bühne dieser Welt, während der Oscar-Verleihung, von Herzen kommende Worte doch ein Millionenpublikum fanden.

Mittel gegen schwindendes Selbstbewusstsein

Am klügsten beschrieb das amerikanische Popkultur-Magazin The Fader die Antriebskraft dieser aktuellen Protestbewegung, indem es unter anderem in Beyoncés Gospel-Auftritt bei den Grammy Awards den Ausdruck einer kollektiven Pein erkannte. Während hinter ihr schwarze Männer, gekleidet in unbefleckten weißen Anzügen, barfuß wie Sklaven, die Hände in die Höhe rissen ("Don't shoot me!"), begann sie aufzuzählen: "Ich kann jetzt für den Schmerz meines Vaters singen, für den Schmerz meines Großvaters, ich kann für einige der Familien singen, die ihre Söhne verloren haben." Wen sie mit diesen Söhnen meinte, bedurfte keiner näheren Erklärung.

Gewiss, diese Inszenierungen kommen nie ganz ohne Kitsch aus, und kein Lied, kein Auftritt, keine Ansprache kann im Ernstfall Gewalt verhindern. Und doch tragen sie im Kollektiv zur Selbstermächtigung der schikanierten Jugendlichen bei. Es braucht punktuelle Schwingungen, um eine geschlossene Welle loszubrechen. Dieses kollektive Auflehnen der Popwelt gegen gesellschaftliche Missstände (etwas, das der fragmentierten Occupy-Bewegung nicht glücken wollte) wirkt wie das nötige Mittel gegen das Schwinden eines gemeinsamen afroamerikanischen Bewusstseins.

Übrigens wird das neue Buch von Harper Lee, das im Juli erscheinen soll, Go Set a Watchman heißen, angelehnt an ein altes Bibelzitat: "Gehe hin, stelle einen Wächter, der da schaue und ansage." Man möchte fast an Kendrick Lamar denken.