Am neunten Tag erschlug Steve Jobs die Liebe – Seite 1

Es tut sich was im Leben der jungen Erwachsenen. Montags verabreden sie sich nicht mehr zum Feierabendbier, um den anstrengenden Wochenstart abzudämpfen. Sie gehen stattdessen auf die Straße und demonstrieren. Gegen Pegida oder für mehr Flüchtlingsrechte. Wenn sie mit Freunden vor YouTube versacken, lachen sie nicht mehr über süße Katzen, sondern über das Image einer ostdeutschen politischen Aktivistin. Wer nicht gegen die Richtigen ist, wird mit der Unfriend-Funktion aus den sozialen Netzwerken gefiltert und gelöscht. "Du möchtest sehen, ob einem deiner Freunde die Alternative für Deutschland gefällt? Klicke hier."

Da trifft es sich gut, dass die deutsche Band Love A gerade ihr Album Jagd und Hund veröffentlicht hat. Wie gemacht für die neue Protestkultur: ironischer Indierock mit Fetzen aus Postpunk. Love A ist politisch und hat einen "Sinn für Nonsens und das Absurde", sagt der Sänger Jörkk Mechenbier.

Das kommt besonders auf YouTube gut an. Tom Bobo schreibt dort, dass Love A "seit dem Abifestival seine Lieblingsband" ist. Ein anderer, der eigentlich nur Rap hört, findet Love A auch "richtig nice". Jeder zweite hat "beim Hören Gänsehaut". Die YouTube-Anhänger haben Recht: Jagd und Hund, das dritte Album der vier Musiker aus Trier, Köln und Wuppertal ist eine muntere Angelegenheit. Man sollte sich während des Hörens unbedingt die ganzen, schönen Zeilen notieren, die Mechenbier skandiert. Der Fuß wippt mit.


Im Gespräch beschreibt der Sänger die Jagd und den Hund als "urdeutsche Laster". Und auch im Video zur neuen Single von Love A werden Feindbilder aus den Tiefen der deutschen Gesellschaft hervorgezerrt: In tristen Dorfstraßen schlackern die verschlissenen Deutschlandfahnen im Wind. Ein grimmiger, älterer Herr sitzt am Küchentisch, auf dem sich Stullen und Kaffeeweißer stapeln. Ist er einer der Wutrentner, die sich im Osten zur europäischen Großstreitmacht formieren wollen? Mechenbier verneint: "Er lebt in der ländlichen Idylle, wo schwelender Ausländerhass und Nationalismus aus Mangel an Aufgeklärtheit guten Nährboden finden. Der Mann aus dem Video ist geblieben, aber jetzt schaut er sich mit bitterem Blick um."

Love A singt über dörflichen Mief und verkalkte Köpfe, über Menschen, die ihre Umwelt gar nicht mehr kritisch wahrnehmen oder sich mit zu einfachen Erklärungen abfinden. Fröhlich ist die Band nicht unbedingt. Was ist falsch an der Welt, Love A? "Alles wurde schneller, und alles wurde mehr, und am neunten Tag erschlug Steve Jobs die Liebe", singt Mechenbier im Song Trümmer.

Musikalisch ist das nicht besonders avanciert, soll es auch nicht sein: "Wir sind halt einfach Punks, die eine Band gegründet haben. Da steckt vor allem der Do-it-yourself-Gedanke dahinter", sagt Mechenbier. Die Mitglieder von Love A kümmern sich selbst um Artworks oder die Buchhaltung und übernehmen Funktionen, die eigentlich von einer Plattenfirma besetzt werden.

Die Kehrseite dieses selbstermächtigenden Gestus ist eben eine sauber gespielte Simplizität, die sich auf Jagd und Hund bisweilen zeigt. Die Snare drischt auf die 2 und 4, der Bass zieht stoisch seine Linien. Ein wenig Variantenreichtum hätte dem Album gut getan.

"Opa will ins Internet"

Aber es gibt ja auch Songs wie Lose Your Illusion. Hier greifen Sprache und Musik auf beeindruckende Art ineinander. Die Gitarren drängeln, das Schlagzeug steigert das Tempo hitzig, man erwartet einen wütenden Hagelsturm, doch dann fließt die Energie in einen gebremsten Rhythmus, erschöpft wie die Zustände, die der Text beschreibt: "Die Bekannte eines Bruders/ Legte Tabletten auf den Tisch/ Doch die halfen nicht an jedem Tag/ Erst blieben Fragen, dann blieb nichts."

In der Single "100.000 Stühle leer" treten die eindrücklichen Verse überdeutlich hervor: "Man muss nicht alles mögen/ Man muss nicht alles ändern woll'n/ Wenn man sie kennt, kann man getrost die Regeln brechen/ Weil die meisten doof sind, fällt's uns gar nicht schwer./ Nur wer mal aufgestanden ist, der darf sich setzen/ Und darum bleiben hier so viele Stühle leer."

Und immer wieder feiner Humor, wie in Modem: "Opa will ins Internet, er hat gehört, dort gibt es Sex und weiße Tiger. Oma will ins Internet, sie hat gehört, dort gibt es Dinge, die sie braucht. Dringend!"

Humor, beinahe Comedy

Wie man es heute in diesem Musikbusiness so macht, hat natürlich auch Love A mehrere heitere Making-of-Videos auf YouTube veröffentlicht. Wie war die Zusammenarbeit mit Robert Whiteley, dem Starproduzenten des Albums? "Kosmisch. Top Atmo. Jeder hat sich geöffnet. Die Crew war entspannt, wir waren entspannt. Transzendental. Etwas Größeres als die Summe der einzelnen Teile." Humor, klar. Beinahe Comedy.


Derlei Plattitüden nutzt die Band nur zum Spaß. Und trotzdem sind Mechenbiers Texte so eingängig, dass man sie auf dem Konzert ordentlich mitschreien kann. Love A könnte somit ein Scharnier sein zwischen dem intellektuell aufgeladenen, deutschsprachigen Diskurspop von Tocotronic beispielsweise und Deutschpunk der Sorte Feine Sahne Fischfilet.  

Aber auch mit ihrer musikalischen Herkunft gehen die Vier ironisch um. Jagd und Hund wird von einem Chor beschlossen, der in klangvollen Schleifen einen Vers wieder und wieder singt: "Brennt alles nieder, fickt das System". Die Dosenbierparolen des Punkmilieus, dem sie entstammen, gibt es bei Love A nur noch in ironischer Brechung. Dann lassen sie sich auch viel besser auf Jutebeutel drucken.