© Sony Music

Tyler, The Creator – Cherry Bomb (Sony Music)

Tyler, The Creator ist mit dem Entwurf seiner Pop-Persona Gr0ßes gelungen: Seitdem er im Rahmen des Odd-Future-Kollektivs erstmals in den Medien auftauchte, wird er als authentischer, irgendwie gefährlicher, talentierter Jungrapper rezipiert. Auf Cherry Bomb bedient er sich nun eines weiteren Topos der Erzählung wirkmächtiger Popstars: Sein neues Album hat er vor vier Tagen ohne große Ankündigung aus dem Ärmel geschüttelt, so fix, dass der physische Tonträger erst in zwei Wochen nachgereicht werden kann.

Auf Cherry Bomb rappt Tyler spannungsgeladene Miniaturen, die wie in Buffalo seine übliche Erzählperspektive gut illustrieren: "Cabbage was made, critic faggots was shook/ So I told 'em that I'll exchange the word 'faggot' with 'book'/ ... Eenie, meenie, miney, mo, nigger nigger on the wall/ Rap bars, jail bars, die or shoot a basketball/ Tyler the dark skin, arrested in Austin/ Cops know who I was cause their kid said the show was awesome". 

Erstens: Schwulenbeleidigungen, die laut Eigenaussage nicht schwulenfeindlich sein sollen, sondern eben typisches Straßenvokabular (als könne man Credibility nicht auf anderen Wegen erreichen). Zweitens: die Bezugnahme auf schwarze Stereotype (ist man dunkelhäutig, wird man entweder Rapper, Basketballer oder landet im Knast). Drittens: seine ambivalente Außenwirkung (nach einem Auftritt in Austin wurde er von der Polizei verhaftet, nachdem ihm vorgeworfen wurde, seine Fans zu Randalen angestachelt zu haben).

Konzeptionell könnte aber mehr hinter Cherry Bomb stecken. In der Mitte des Albums kündigt ein Radiomoderator an, dies sei der Soundtrack zu einem Film; immer wieder geht es in den Songs ums Filmeschauen, und auch das Video zu seiner neuen Single Fucking Young/Perfect zeigt Tyler in einem Kino, das einen Film über ihn selbst abspielt. Werden wir bald die Sessel mit Tyler tauschen, um die Verfilmung dieses noch jungen Lebens anzuschauen?

Bis es soweit ist, begnügen wir uns mit seiner Musik. Die gekonnt rhythmisierten Sätze versetzt Tyler mit Neo-Soul und manchmal auch Rocksplittern – vielleicht hat ihn Kanye West dazu motiviert, einer der Kollaborationspartner des Albums. West arbeitet jedenfalls mit ähnlichen Mitteln, schafft daraus aber viel eingängigere, flüssigere Tracks. Musikalisch wirkt Cherry Bomb manchmal etwas beliebig. Andererseits kann Tyler jetzt schon eindeutig besser rappen als sein älterer Kollege Kanye. Sein düsterer, hartleibiger Flow macht Cherry Bomb zu einem besonderen Vergnügen.

© Beggars Group

Alabama Shakes – Sound and Colour (Rough Trade/Beggars Group)

Die Alabama Shakes hingegen interessieren sich kaum für die Frage, wie man sich im Jahr 2015 medienwirksam als Popmusiker inszeniert. Nicht nötig. Sie sind ohnehin zurzeit die einzige Indieband, die die Massen erreichen könnte und trotzdem richtig gut ist. Ihr Garagensoul ist unfassbar eingängig, ohne je abgeschliffen zu klingen. Man könnte ihn als solide bezeichnen, aber das erinnerte viel zu sehr an irgendwelche Breitbeiner, die ihre Soli im Schlaf runterspielen. Nein, Brittany Howard, die Sängerin von Alabama Shakes, hat etwas nachtschwärzlich Aufgewühltes in ihrem Timbre, wenn sie über alte Lieben und andere Schmerzen singt. 

Erst füllt ihr heiserer Alt die Songs mit einer warmen Smoothness. Ziemlich schnell schraubt sie ihn aber in rauhfaserige Höhen, hin zu durchdringendem Gekrächze, fast wie Brian Johnson von AC/DC, als der noch eine Stimme hatte. Dazu pumpt das Schlagzeug den Takt in Slow Motion wie ein langsam erlahmender Herzschlag. 

Alabama Shakes haben außerdem eine große Sensibilität für dynamische Spannungsbögen. Das zeigen vor allem die zwei Gitarren und der Bass, deren ganz eigenständige Linien leichthändig miteinander interagieren. Aus der dunkel beleuchteten Soul-Bar können sie jederzeit in den nächsten Rockschuppen wechseln: Dann klingen Alabama Shakes nach wüstem, psychedelischem Seventiesrock. Eklektizistisch wirkt Sound and Colour trotzdem nicht, eher universell. Wie die Vertonung einer großen, amerikanischen Erzählung, die den Tiefen menschlicher Empfindung nachgeht.


© Sony Music

Passion Pit – Kindred (Columbia/Sony Music)

Die Musik von Passion Pit erinnert im Gegensatz dazu eher an eine Snapchat-Konversation: total zeitgemäß, irgendwie witzig, nach zwei Minuten dann super ätzend. Ihr Elektropop ist so übertrieben hochgepitcht und mit Hooks überladen, man muss einfach davon ausgehen, dass die Band ganz bewusst ihre eigene Künstlichkeit verhandelt. Das ist Musik für die Aufmerksamkeitsspannen von heute – ungefähr zwei Sekunden. 

Michael Angelakos, der Sänger und Songwriter der Band, hat in seinem Leben bestimmt schon viele Angebote von Handyfirmen bekommen. Kindred ist nicht nur die richtige Hintergrundmusik zur filtergetränkten Werbung mit feiernden Yolos. Es finden sich auch viele perfekte Klingeltöne darauf. Bestimmt ist das irgendwie schlau, weil gegenwärtig, aber es gibt ja einen Grund, warum auch Lady Gaga besser klingt, wenn man sie nicht hören muss. 


© Universal

Leslio Clio – Eureka (Universal)

Leslie Clio hingegen entdeckt erst einmal das YouTube-Narrativ für sich. Da lassen sich immerhin noch über drei Minuten hinweg pfiffige Geschichten erzählen. Zum Beispiel darüber, dass der blöde Arsch Pech gehabt hat, wenn er so eine coole Braut wie Leslie verlässt!

Auch die 28-jährige Wahlberlinerin hat eine Vorliebe für den Soul und außerdem eine Stimme, die zwischen tiefem Vibrato und erfrischenden Höhen changieren kann. Ob es ihr stimmliches Talent ist, das Leslie Clio so fröhlich macht? Ihr Grinsen ist ihr jedenfalls ins Gesicht getackert. Man fühlt sich an die Anweisungen erinnert, die einem früher die Lehrer in der Jazzdance-Truppe gegeben haben: immer über die Anstrengung hinweglächeln!

Die gute Laune springt einem auf Eureka oft etwas zu energisch entgegen. Die Beats und Klaviertupfer federn um die Wette, Streicher und Bläser hasten hyperaktiv. Das ist wahrscheinlich besser als vieles, was es sonst so im Formatradio gibt und auch absolut hartnäckig in seinem Ohrwurmcharakter. Aber durchatmen lässt Leslie Clio niemanden.