© Domino Records

Villagers – Darling Arithmetic (Domino / GoodToGo)

Das Schlimmste an Trennungen sind die Trennungsalben. Gekränkte Musiker setzen traurige Mienen auf, klammern sich an Gitarren und schütten der Welt ihr Herz aus. Die Ex-Freundin kommt trotzdem nicht zurück. Stattdessen könnte es 2015 eine kaum für möglich gehaltene Rehabilitation des Trennungsalbums geben. Im Januar gelang bereits Björk ein seltenes Exemplar der Gattung, das nicht nur der eigenen Schöpferin zu Herzen ging. Nun zieht der Ire Conor O'Brien mit dem dritten Album seiner Band Villagers nach.

Vordergründig betrachtet macht er alles falsch. Auf Darling Arithmetic spielt O'Brien sämtliche Instrumente selbst und fährt die Elektro-Pop-Erweiterungen des Vorgängers Awayland zugunsten einer puristischen Singer-Songwriter-Ausrichtung zurück. Außerdem trägt er jetzt Vollbart, den offiziellen Trauerflor aller Kummerhaken und Neon-Leser. Dann aber singt O'Brien mit goldenem Gift in der Stimme über "pretty young homophobes" und "little bigots", er schreibt Vergebungslieder für Feinde und Verflossene und findet im Rückgriff auf vertrautes Folk-Werkzeug das Selbstbewusstsein für gereifte Ansichten zu Liebe, Sexualität und Partnerschaft. Ein Glück: Wer das zu erwachsen findet, liest eben Kim Gordons unlängst veröffentlichte Trennungsmemoiren.



© Sony

Earl Sweatshirt – I Don't Like Shit, I Don't Go Ouside (Columbia / Sony)

Die Frage ist nicht, ob Earl Sweatshirt rappen kann. Die Frage ist, ob er rappen will. Seit er im Februar 2012 aus einer Besserungsanstalt für bösartige Jugendliche in Samoa zurückgekehrt ist, kultiviert der kalifornische MC mit Verbindungen zum Odd-Future-Kollektiv eine produktive Form der Arbeitsverweigerung. Sweatshirt findet das Leben, über das er schreibt, selbst nicht besonders lebenswert. Es inspiriert ihn aber nun schon zum zweiten Mal zu einer Rap-Platte, die nur die ernsthaftesten unter den Fans interessieren wird. 

I Don't Like Shit, I Don't Go Outside dauert 30 Minuten und 16 Sekunden. Für Genre-Verhältnisse ist das ein kurzes Gähnen. Statt fertig produzierter Beats stolpern flaches Synthie-Gehechel und selbstvergessene Endlosschleifen aus den Boxen. Während Sweatshirt aber gähnt und die Musik so dahin stolpert, fallen ihm Wort- und Assoziationsketten aus dem Mund, zu denen kein anderer Rapper der Welt fähig wäre.

Die Themen sind bekannt vom ersten Album: das schwierige Verhältnis zur Mutter, die Sweatshirt nach Samoa verbannte; das noch schwierigere Verhältnis zum Vater, der sich früh aus der Verantwortung stahl; die unerträgliche Schwierigkeit des Berühmtseins. Wie gekonnt sich der Rapper daran abarbeitet, ohne wirklich zu arbeiten, bleibt erstaunlich. Man fragt sich, wozu er fähig sein wird, wenn er erst anfängt, sich anzustrengen.



© Universal

Calexico – Edge Of The Sun (City Slang / Universal)

Zu Calexico gibt es keine weiteren Fragen. Seit 18 Jahren veröffentlicht die Band aus Arizona Americana-Alben mit Latin-Einschlag. Sie tut das derart verlässlich, dass man auf Basis ihrer Musik ein Trinkspiel erfinden könnte. Erste Regel: Wer die Reihenfolge vorhersagt, in der Mariachi-Bläser, Mandolinen, Gerassel, Gefiedel, spanischer Gesang und natürlich Pedal-Steel-Gitarren durch die Songs huschen, darf einen Tequila trinken. Zweite Regel: Alle anderen dürfen auch einen Tequila trinken.

Auf Edge Of The Sun gestalten Calexico zwei Songs mit elektronischen Elementen und erweitern die Großfamilie um weitere Gehilfen. Wie die meisten seiner sieben Vorgänger doktert das Album an der bewährten Bandformel herum, ohne sie wirklich infrage zu stellen. Wüstensöhne reiten durch Songs voller Monde, Sterne, Flüsse, Grenzen und anderer Wüstensöhne. Erprobte Genre-Musiker spielen erprobte Genre-Musik, und Calexico gelingt es einmal mehr, nur ein klein wenig wie ihre eigene Coverband zu klingen.



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Doldrums – The Air Conditioned Nightmare (Sub Pop / Cargo)

Airick Woodhead hätte keinen Künstlernamen gebraucht, aber er wollte einen haben. Für den Systemfehler-Pop des Kanadiers ist das bezeichnend: Immerzu geht es in den akribisch konstruierten Tracks von Doldrums um zu viel, und das zu laut, zu abgedreht. Auf dem Cover des Debütalbums Lesser Evil war vor zwei Jahren ein zersprungener Laptop-Screen zu sehen. Als hätte der Computer Woodheads Ideen und Gedankensprünge einfach nicht mehr beisammen halten können.

Das zweite Doldrums-Album heißt The Air Conditioned Nightmare und klingt wie Radiohead in ihrer elektronischen Spätphase. Bisweilen aber auch, als hätte irgendein Bekloppter The Prodigy ins Berghain gebucht. Die Bedeutung des Albumtitels, mit dem Henry Miller einst sein USA-Bild in vier Worte fasste, geht natürlich unter. Woodheads Botschaft ist, dass man die Botschaft vor lauter Krach und Ablenkungsmanövern gar nicht mehr hören kann.