5.000 Kilometer trennen die beiden Städte und ihre Theater, aber jetzt sind sie vereint, das nasse Rostock und das kalte Nowosibirsk. Hier wie dort wurden risikofreudige Intendanten ihres Amtes enthoben, fristlos und nach der Devise "Wer sich widersetzt, wird gefeuert". So unvergleichbar die Vorgeschichten sind, die zum Rauswurf von Boris Mesdritsch dort und von Sewan Latchinian hier führten – man stößt in beiden Fällen auf die kulturelle Ignoranz der Regierenden, auf die Oper, die hier weggespart und dort vor Modernität geschützt werden soll, und auf eine hemdsärmlige Arroganz im Umgang mit Künstlern, die zumindest hierzulande eine neue Qualität darstellt.

Freilich hat der 54-jährige Sewan Latchinian, im vergangenen Jahr als Retter von Rostock angetreten, seine Kündigung nahezu provoziert. Als er, gerade ein halbes Jahr am Theater, aus dem Rathaus erfuhr, er müsse Oper und Ballett auflösen, verglich er während einer Demonstration das Zerstörungswerk der "IS-Schergen", die das Weltkulturerbe zertrümmern, mit der "Zerstörung funktionierender Theaterstrukturen", die in Mecklenburg-Vorpommern begonnen habe. Seine Einschränkung "Ich setze das nicht gleich" genügte dem Rostocker Oberbürgermeister nicht. Dessen Stimme gab den Ausschlag, als ein Ausschuss die fristlose Kündigung des Intendanten beschloss.

Der passte aber vorher schon schlecht in die Politik, die der SPD-Kulturminister Mathias Brodkorb theaterschrumpfend betreibt, im Einvernehmen auch mit dem parteilosen Rostocker OB Roland Methling. Latchinian kam erstaunlicherweise aus mit 16,6 Millionen Zuschuss von Stadt und Land, festgeschrieben bis 2020, für Orchester, Oper, Tanz und Schauspiel. Anstatt selbst schon mal an den Sparten zu sägen, gründete er noch ein Figurentheater und eine Bürgerbühne, setzte 30 Premieren an, brachte das Orchester dazu, weit unter Tarif zu spielen, hatte Ende 2014 die Bilanz des Hauses schon um 600.000 Euro verbessert – und wehrte sich vehement gegen die drohende Amputation zweier Sparten.

Besetzung des Theaters am Sonntag

Die sonst eher verhaltenen Rostocker ließen sich mitreißen vom frischen Wind, von spartenmixenden Minnetronics wie einem stets ausverkauften Don Giovanni, von der Dramatisierung eines Johnson-Romans, vom Intendanten selbst, der als Schauspieler auch auf der Bühne stand. "Der hat 150 Prozent im Akku", sagt Jan-Ole Ziegeler, Mitbegründer der Initiative 2 vor 12 und als Braumeister nicht ganz der Bildungsbürger, den Kulturphobiker gern aus dem Elfenbeinturm winken sehen. Er und seine Mitstreiter haben für nächsten Sonntag zur "Besetzung" des Theaters aufgerufen, einer Zuschauerkonferenz im 550-Plätze-Volkstheater, sie erwarten 1.000 Besucher und haben Wolfgang Thierse eingeladen.

Als der nämlich im Februar von den Kürzungsplänen an der Ostsee erfuhr, schrieb er als Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie dem "lieben Mathias", dem Minister in Schwerin, seine Kulturpolitik werde "auch langsam für die Bundespolitik zu einem Problem", und erklärte, warum der SPD die "Hochkultur vor Ort" wichtig ist. Aber vielen Landes- und Kommunalpolitikern ist sie nur lästig. Sie müssen, stets klamm, 86 Prozent jener 2,3 Milliarden Euro Steuermittel aufbringen, mit denen Oper, Theater, Tanz und Orchester im Land mit der weltweit höchsten Dichte von Theatern unterstützt werden, und können oder wollen sich partout nicht merken, dass die Zahl der Besucher mit 32 Millionen fast drei Mal so hoch ist wie bei der Bundesliga.

Furcht vor kreativem Eigensinn?

Der Stolz jeder Stadt auf ihren Fußballverein ist selbstverständlich, vom Theater aber sagte ein Rostocker Abgeordneter: "Wir alle fahren ja auch Autos, die nicht in Rostock produziert wurden." Theater wird da nicht als Ausdruck von Identität und Diversität wahrgenommen, geschweige denn als zentrales Forum gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Ist das nur Ignoranz oder doch schon Furcht vor kreativem Eigensinn? Für den steht einer wie Sewan Latchinian so wie, unter ganz anderen Bedingungen, der gefeuerte Intendant von Nowosibirsk. Er bestand auf einen Tannhäuser, der zeitweise als Jesus auftritt – warum und wie, das wollten die orthodoxen Gläubigen gar nicht erst wissen, die seinen Rausschmiss durch den Kulturminister in Moskau erzwangen.

In beiden Entlassungen, beiden Bauernopfern spiegelt sich eine Rohheit gegenüber der Kultur, vor der einige Rostocker Abgeordnete offenbar erschraken. Sie erzwangen eine außerplanmäßige Sitzung im Rathaus. Am kommenden Montag ab 18 Uhr, zeitgleich zu einer weiteren Demonstration, soll entschieden werden, ob Latchinians Kündigung rückgängig gemacht wird. Man könnte sich damit auch die Abfindung in Höhe einer halben Million Euro ersparen, die dem Theater ruinös drohen. Dass sich Russlands Kulturminister den Protestbrief zu Herzen nimmt, den ihm die Intendanten der deutschen Opernhäuser nach Moskau geschickt haben, ist jedenfalls weit weniger wahrscheinlich als ein Sieg der Vernunft in Rostock.