Beinahe wäre Google explodiert: Wer soll denn nun Nachfolger von Simon Rattle werden? In einer hyperbolischen Kurve wurde am Montag die Frage, auf wen sich die 124 Musiker der Berliner Philharmoniker als nächsten Chefdirigenten einigen würden, zum Trend-Thema bei Twitter. In den sozialen Medien liefen Wetten und Witze, von quereinsteigenden Kandidatenvorschlägen (Jürgen Klopp, Claus Weselsky) bis zur selbstironischen Mitteilung eines jungen Dirigenten auf Facebook, er habe zwar genug zu tun, komme aber nicht vom Telefon weg: Es könne ja jeden Moment der Anruf aus Berlin kommen. Gestern jedenfalls kam er nicht.

Leute, denen die klassische Musik sonst eher weit am Ohr vorbeigeht, verfolgten mit geröteten Wangen die Updates vom "Konklave". Genauer, von der Belagerungstruppe vor der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem, in der sich die Musiker verschanzt hatten, um es mal so zugespitzt zu sagen, wie es von Anfang zuging in der sogenannten Vorberichterstattung. Im März schon hatte Norman Lebrecht (The Maestro Myth) auf der britischen Plattform Standpoint geraunt, "ungefähr 120 Musiker werden sich in einer umzäunten Villa irgendwo in den Wäldern um Berlin versammeln, um über die aus ihrer Sicht wichtigste musikalische Wahl für eine ganze Generation zu entscheiden".

In dieser Mischung aus Ritualbestaunung und Superlative ging es nicht nur bei Lebrecht weiter, sondern auch bei anderen keineswegs fachfremden Autoren. Mit größter Selbstverständlichkeit war nicht nur vom "besten Orchester der Welt" die Rede, sondern auch von historischen Dimensionen, von einer Weichenstellung für die ganze Welt der klassischen Musik überhaupt, vergleichbar nur mit der Papstwahl, der sich ja auch keiner entziehen könne, den sie treffe. "No maestro ever turns down the Berlin Philharmonic." Dass hier Musiker selbst ihren Chef erkiesen, wurde als einzigartig dargestellt, obwohl nirgendwo ein Dirigent gegen den Willen eines Orchesters eingestellt wird.

Musikmachen ist kein Dressurakt

Nun kann natürlich auch der Notenfernste mit dem Namen dieses Orchesters etwas verbinden, so wie jeder Fußballignorant weiß, dass Real Madrid kein Einkaufszentrum ist; und auf einmal mussten die Kulturredakteure den anderen Ressorts nicht mehr erklären, was so wichtig sei an der Musik. Manche vergaßen es schon selbst angesichts des von ihnen inszenierten Kandidatenwettbewerbs. Nur der Guardian fragte: "Warum brauchen sie einen Chefdirigenten?" Dass die Rolle des Dirigenten stark überschätzt wird, bestätigt sogar Christian Thielemann: "Die wechselnden Orchesterleiter", sagte er einmal, "haben den Klang in Dresden nicht umgekrempelt. Das ist doch irre, oder?"

Das ist sogar ziemlich normal. Auch wenn die Reaktion eines Orchesters auf den Mann oder die Frau am Pult hörbar ist und sein muss, bleibt es ein in Jahren oder gar mehr als einem Jahrhundert gewachsenes Ensemble mit klanglicher Identität. Auch als Mariss Jansons sowohl das Concertgebouw Amsterdam als auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks leitete, klangen beide Ensembles so verschieden, wie ihre Städte es sind. Musikmachen ist kein Dressurakt, sondern einer der komplexesten, kreativen, kollektiven Vorgänge und als solcher so schwer zu durchschauen, dass mancher wohl ganz froh ist, diese rätselhafte Welt mal auf big names heruntergebrochen zu sehen.