Hinter einem Fächer verbarg Ann Sophie ihr Gesicht. Einige Sitzgruppen weiter konnte der Schwede Måns Zelmerlöw sein Glück kaum fassen. Dies waren die Kontrapunkte im Finale des Eurovision Song Contest gestern Abend in Wien. Frustriert verfolgte die 24-jährige Deutsche die Punktevergabe im Green Room, wo die Künstler aller Finalistenländer die Siegerkür erwarteten. Und je länger die Verkündung der Punkte dauerte, desto deutlicher wurde: Deutschland konnte von einem Sieg und damit vom Punktereigen für Schweden nicht weiter entfernt sein. Als alle nationalen Ergebnisse vorgetragen waren, hieß es auf der Punktetafel immer noch "Germany 0 Points".

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Keines der anderen 39 Länder beim diesjährigen Eurovision Song Contest hatte auch nur einen einzigen Punkt übrig für Black Smoke, den Soulpoptitel, den Ann Sophie im Wettbewerb gesungen hatte. Eine solche Schmach hatte es für Deutschland seit genau 50 Jahren nicht mehr beim Grand Prix gegeben. Dabei hatte Ann Sophie – die Vorentscheidszweite, die nur deshalb zum ESC fahren durfte, weil der haushohe Televoting-Sieger Andreas Kümmert noch in der Liveshow Anfang März in Hannover kalte Füße bekam – in Wien eine gute Figur gemacht. Vor dem ESC-Finale zeigten sich internationale Journalisten von Black Smoke überzeugter als viele deutsche Fans.

Tatsächlich landete der Song in einigen Ländern zumindest auf Platz 11 oder 12, etwa in Ungarn und Belgien. Dafür gibt es beim ESC aber keine Punkte mehr, nur die besten Zehn erhalten welche. "Black Smoke ist sicherlich kein Song, der ESC-typisch ist", versuchte Ann Sophie nach der Show eine Erklärung. "Aber trotzdem war die Performance cool, und es hat Spaß gemacht." Auch ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber wusste in der Nacht nicht recht zu erklären, wie es zu dieser Enttäuschung kommen konnte. "Der Song und die Performance waren besser als null Punkte." Ein Schicksal, das die Deutsche mit The Makemakes aus Österreich teilte. Dass ein Gastgeberland mit null Punkten Letzter wurde, hatte dieser Wettbewerb auch noch nicht gesehen.

Schweden ist das neue England

Kein Novum dagegen war das Siegerland: Schweden gewann bereits zum sechsten Mal den ESC. Ob es nun Großbritannien als Mutterland des Pop abgelöst habe, fragte gegen 1.45 Uhr während der Siegerpressekonferenz eine BBC-Journalistin die schwedische Delegation, eine gute Stunde, nachdem Måns Zelmerlöw den Song Contest gewonnen hatte. Kurzes Nicken des Delegationsleiters Christer Björkman.

Dabei war Zelmerlöws Titel Heroes alles andere als innovativ. In Fan-Kreisen war seit Wochen die Nähe zu Lovers on the Sun von David Guetta, einem Charts-Hit aus dem vergangenen Jahr, diskutiert worden: der Johnny-Cash-hafte Beginn, der Popdance-Beat im Refrain. Sicherlich kein Plagiat, aber durchaus mit überdeutlichen Anleihen an Guettas Hit. Auch das sich bewegende Strichmännchen, mit einem Projektor von der Bühnendecke auf eine schwarze Wand hinter Zelmerlöw gezeichnet, war bei einem Projektkünstler abgeschaut.


Dem Publikum war's egal oder es kannte die Vorlagen nicht. Mit mehr als 60 Punkten Vorsprung gewann Zelmerlöw den Wettkampf gegen die blonde Russin Polina Gagarina, die zwar auch nur die gleiche unglaubwürdige Friedenshymne sang, die das russische Staatsfernsehen seit 2013 Jahr für Jahr leicht abgewandelt zum Song Contest schickt. Doch Gagarinas kräftiger Stimme und Bühnenpräsenz konnte sich in Wien kaum jemand entziehen. Lange lagen Schweden und Russland in der Abstimmung Kopf an Kopf. 

Immerhin: Die zu großen Teilen homosexuellen Eurovision-Anhänger im Fanblock direkt vor der Bühne schwenkten ihre Regenbogenflaggen umso wilder, um – bei aller Singerei – ihren Protest gegen die schwulenfeindliche Politik des russischen Präsidenten Putin auszudrücken. Die Buhrufe waren jedoch weniger stark als im Vorjahr, als die Tolmatschowa-Schwestern in Kopenhagen auftraten.

Gelungene Inklusion

Den Sieg verdient hätten weder Russland noch Schweden. Måns Zelmerlöws solider Popsong reichte bei Weitem nicht an den letzten schwedischen Siegersong Euphoria von 2012 heran und wurde nur durch die Trickmännchen-Show zum Erfolg gebeamt. Und Polina Gagarinas Zeilen "Praying for peace and healing, I hope we can start again" klangen in den Ohren vieler nach Hohn – zumal mit dem Wissen, dass der russische Staatssender das Lied intern ausgewählt hat, also offensichtlich ganz bewusst mit dieser Botschaft. Auch der Drittplatzierte, der Popklassik-Crossover-Kitsch von Il Volo aus Italien, lag abseits dessen, was gute zeitgemäße Popmusik im Jahr 2015 ausmacht.

Erfreulich zumindest, dass moderne, für den ESC durchaus mutige Stücke mit Punkten belohnt wurden. Der 19-jährige Loic Nottet aus Belgien landete mit kühlem Elektropop und einer sehr gut darauf abgestimmten Bühnenshow auf Rang vier, Aminata aus Lettland erreichte mit der experimentellen Dubstep-Ballade Love Injected den sechsten Platz. Auch Estland und Norwegen wurden für ihre qualitativ hochwertigen Beiträge mit Plätzen unter den besten Zehn belohnt.

Brücken bis nach Australien

Der ausrichtende ORF hatte Building bridges zum Motto des diesjährigen Eurovision Song Contest erkoren – und spannte die größte Brücke an diesem Abend um den halben Erdball. Australien, wo der auf Immigranten ausgerichtete Sender SBS seit 1983 den Song Contest als Aufzeichnung ausstrahlt, durfte zum ESC-Jubiläum in diesem Jahr einen Teilnehmer in den Wettbewerb entsenden. Guy Sebastian aus Down Under galt vor dem Finale auch als potenzieller Sieger, am Ende schaffte es seine Popnummer Tonight Again, die an Bruno Mars erinnerte, auf den fünften Platz.

Österreichs musikalischer Brückenbau gelang. Zwölf Monate nach dem Sieg der bärtigen Conchita Wurst war Toleranz das große Thema des Song Contest. Im litauischen Beitrag küssten sich zwei Männer und zwei Frauen auf der Bühne, die voluminöse Serbin Bojana Stamenov sang in Beauty Never Lies die Liedzeile "I am different, but it's okay" und Boggie aus Ungarn klagte über Wars for Nothing – wer wollte, konnte die Botschaft durchaus auch auf Russland beziehen. Zumal die Ukraine, seit 2003 feste Größe beim ESC mit einem Sieg (2004) und mehreren zweiten und dritten Plätzen, in diesem Jahr ferngeblieben war.

Kein Mitleidsbonus – die Musik zählt

Brücken anderer Art bauten Finnland und Polen. Das polnische Fernsehen entsandte eine Sängerin im Rollstuhl, die Skandinavier eine Band mit einem Autisten und drei Musikern, die an Trisomie21 leiden. Für den eineinhalbminütigen, rauen Punksong auf Finnisch konnten sich die Zuschauer allerdings nicht erwärmen, er erreichte nicht einmal das Finale. Vielleicht ein Zeichen, dass die Inklusion gelungen ist: Offenkundig ohne Mitleidsbonus landeten Pertti Kurikan Nimipäivät im Halbfinale auf dem letzten Platz – weil eben Punkmusik in so ungeschliffener Form leider nicht fernsehmassenkompatibel ist. Die Ballade der behinderten Polin Monika Kuszyńska kam im Finale über den 23. Platz auch nicht hinaus, zu gering war ihr musikalischer Wiedererkennungswert.

Die schönste interkulturelle Brücke spannte sich indes außerhalb der Wiener Stadthalle. Im angrenzenden Pressezentrum, wo mehr als 1.000 Journalisten aus der ganzen Welt zwei Wochen lang von den Proben und den TV-Shows berichteten, schuf ein Fan aus dem Libanon einen ganz besonderen Moment: Während der Pressekonferenz des israelischen Sängers Nadav Guedj wurde er mit seiner libanesischen Flagge aufs Podium gebeten; beide umarmten sich kräftig, in ihre jeweilige Landesfahne gehüllt. Der Eurovision Song Contest zeigt doch immer wieder, wie einfach Völkerverständigung sein kann. Wenn auch nur für wenige Tage.