Da hat einer was vor, das ist schon klar, noch bevor die ersten Takte zu hören sind. 17 Stücke auf 3 CDs, 174 Minuten Musik, gespielt von Kamasi Washington am Tenorsaxofon und seinem Tentett, einem 32-köpfigen Orchester und einem Chor mit 20 Stimmen. Bisher ist Washington vor allem als Erfüllungsgehilfe von Hip-Hop-Künstlern wie Snoop Doggy Dogg oder Lauren Hill in Erscheinung getreten, doch The Epic, das erzählerisch breit angelegte Album des Kaliforniers weist in eine radikal entgegengesetzte Richtung: Es ist Jazz, durchzogen von einem Klageton, der offen ist für widerstreitende Übersetzungen wie Wut und Wärme, der gleichzeitig düster ist und triumphal. 

Im Grunde handelt es sich um ein Doppeltrio. Bass, Schlagzeug, Klavier, jeweils einmal in akustischer, einmal in elektrifizierter Gestalt, ein Perkussionist, der die vielen rhythmischen Fäden verknüpft, die hier ausgesponnen werden, und davor eine Frontline aus drei Bläsern, Posaune, Trompete, Tenorsaxofon, die Ekstase durch Verdichtung zelebrieren. Chor und Orchester stellen Wände in den akustischen Raum, variieren ihre Transparenz, ihre Griffigkeit, ihre Position im Raum – alles ist und bleibt in Bewegung. Diese Musik zielt auf Überwältigung, in ihr gilt die Gleichung: mehr ist mehr.

Und schon sind sie da, die modalen Quartenakkorde, schwer und gravitätisch, schließlich der Trommelwirbel, die Hörner, das Thema: Jazz, die Uhren rasen rückwärts, weit in Richtung der goldenen Jahre des modernen Jazz, der seligen Sechziger, als John Coltrane im Furor seiner Akkordbrechungen die Harmonie verflüssigte, Strukturen sich im rasenden Stillstand des Pulses auflösten und die jungen Wilden des New Thing den Schrei zur Signatur ihrer afroamerikanischen Lebenswirklichkeit erklärten. Ganz offenbar kennt sich Kamasi Washington in diesem Feld gut aus: Wenn er sein Tenorsaxofon ansetzt, dann spürt man direkt, wie die Spannung steigt, dann konstruiert er als Solist einen dramaturgischen Bogen, so weit geschwungen, wie es sich seit Langem kaum noch jemand getraut hat.


Washington schaltet den Autopilot ein und macht sich auf seine Reise ins musikalische Abenteuer: Sorgfältig und mit großer Geduld beißt er sich in einzelne Phrasen, die ihm unterwegs begegnen, zerknabbert und zermahlt sie, löst sie auf in neue melodische Welten, die sich so schnell wandeln, wie neue entstehen, lässt den tiefen, mächtigen Klang seines Hornes zersplittern und schreien in einer Zuspitzung der Dramatik seines Spiels. Erinnerungen an die großen Hymniker des Jazz steigen auf, an Musiker wie John Coltrane und Pharoah Sanders, an Albert Ayler und Gato Barbieri, die aus den reichhaltigen Obertonschichten des Tenorsaxofons ganz neue musikalische Landschaften entwickelten.

 

Bei den Kritikern hat die Überwältigung bereits funktioniert, vor allem bei solchen, die ansonsten die Berührung mit aktuellem Jazz eher meiden. Nun loben sie The Epic mitunter als "Meisterwerk", das wirke "als hätte die Jazzgeschichte nur darauf gewartet, endlich auf den Punkt gebracht zu werden" (Süddeutsche Zeitung). Das ist natürlich ebenso Unsinn wie der Versuch von Spiegel Online, aus dem Album abzuleiten, dass Washington und die Musiker aus seinem Umfeld angesichts der Ereignisse in Ferguson und anderer Fällen rassistisch unterlegter Polizeigewalt nun "die Notwendigkeit für eine sich ebenso radikalisierende Musik" sähen. Denn zum einen ist die Kette rassistischer Gewalt auch vor dem Polizeimord in Ferguson nie abgerissen, sondern eher als Negativimpuls zu sehen, der das Thema wieder einmal in die Sphäre öffentlicher Wahrnehmung brachte. Überhaupt, so klingt es in derlei Kritiken durch, interessieren sich diese Kritiker vor allem deshalb für Kamasi Washington, weil der Tenorsaxofonist zuvor vor allem im Umfeld des Hip-Hop von der Westküste in Erscheinung getreten ist. Zuletzt waren es vor allem seine Arrangements für das Album To Pimp A Butterfly des Hip-Hop-Künstlers Kendrick Lamar und seine Beiträge zu anderen Produktionen des Labels Brainfeeder, in dem der erstaunliche musikalische Diskursmischer Flying Lotus die Fäden zieht, ein Neffe der Harfenistin und Pianistin Alice Coltrane, die privat und professionell mit der Jazzlegende John Coltrane liiert war.

Jugend in Los Angeles

So wie der mittlerweile 34-jährige Kamasi Washington bisher unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der weltweiten Jazz-Öffentlichkeit spielte, so blieb die gesamte junge Jazz-Szene in Los Angeles lange unbeachtet. New York ist das Zentrum der Jazz-Welt, Los Angeles bringt man eher mit der abgeklärten Sophistication von Cool- und Westcoast-Jazz in Verbindung. Für Musiker wie Washington bedeutet es, dass sie, ähnlich wie vor einem guten halben Jahrhundert Kollegen wie Eric Dolphy oder Ornette Coleman, der hier lange Jahre lebte, relativ abgeschieden an ihrem ganz persönlichen Ausdruck arbeiten können. Dabei gibt es seit Langem eine lebendige Szene in Los Angeles, und mit einigen der jungen Musiker teilt der in den abgehängten Zonen South Central und Inglewood aufgewachsene Kamasi Washington große Teile seiner Biografie. Ringsherum zerfraßen die Gang-Kriege zwischen den Crips und den Bloods den sozialen Kitt und Generationen afroamerikanischer Jugendlicher. Und während einige mit aufgetragener Toughness dazu einen pittoresken Hintergrund im West-Coast-Hip-Hop malten, wählten andere lieber den Weg in den Jazz.

Gemeinsame Erfahrung verbindet. Schon in seiner ersten bedeutenden Band, dem auch nicht gerade bescheiden auftretenden Quartett Young Jazz Giants, spielte Washington mit dem Pianisten Cameron Graves, sowie den Brüdern Ronald (Schlagzeug) und Stephen Bruner, den man unter seinem Künstlernamen Thundercat als einen hochvirtuosen E-Bassisten an der Seite von Erykah Badu kennt. Später wuchs die Band zu einem Pool von mindestens zehn Musikern, die in unzähligen Permutationen von kleinen Subgruppen bis hin zum Tentett zusammen spielen, wobei immer wieder ein anderer die Federführung übernimmt. Im Herbst 2011 mieteten sich diese Musiker für einen Monat in einem Studio ein: Sieben Alben von wechselnden Bands seien dabei entstanden, hört man, Washington allein habe 45 Stücke zu verantworten, von denen es nun 17 – angereichert mit Orchester und Chor – auf The Epic schafften, der ersten Veröffentlichung aus diesem Aufnahmemarathon.

Keine Atempause

Wie in einem Kaleidoskop lässt Washington die verschiedenen Facetten des modernen Jazz aufeinanderstoßen, lässt die Basstöne in forciertem Tempo walken und die Becken im Tingelingel sirren, lässt Klavier und Orgel aufeinanderprallen und löst die Spannung zwischen den verschiedenen Paarungen in verschiedene Richtungen wieder auf, während sein Sandkastenfreund Thundercat auf der Bassgitarre vor sich hin präludiert. Dazu die Soundwolken vom Orchester, die hymnischen Melodien vom Chor – keine Atempause.

Es gibt so viel zu entdecken in dieser Musik, doch für die atemberaubenden Momente sorgt Washington in seinen weit ausgeschwungenen Improvisationsbögen selbst. Aus einem kleinen melodischen Korn lässt er dann einen Sturm der Emotion hervorbrechen, ein Crescendo, wie man es aus den interstellaren Sonnenreisen eines Pharoah Sanders kennt und nicht zu vergessen vom König der Weltenfahrer: Sun Ra. Dass Washington diese Energien wieder ins Spiel bringt, das macht ihn so sperrig in diesen Zeiten – und gleichzeitig so wunderbar. 

Gute, hörenswerte Musik: Man kann nur hoffen, dass sie tatsächlich hilft, die Schwellenangst vor dem Jazz zu mildern. Doch man muss sich schon drauf einlassen. Und die Superlative, die sollte man lieber stecken lassen.