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The Vaccines – English Graffiti (Columbia/Sony)

Sehen wir der traurigen Wahrheit ins Auge: Dieses Rock'n'Roll-Ding weigert sich, endlich mal in Würde zu sterben. Die Frage ist in jeder neuen Generation bloß: Welche Band übernimmt den schmutzigen Job, den angejahrten Herrn wiederzubeleben? Aktuell bewerben sich um die ehrenvolle Aufgabe: The Vaccines mit English Graffiti. Schon im Titel ihres dritten Albums findet sich der Bezug auf die glorreichen Zeiten des Rock'n'Roll, denen bereits der Film American Graffiti 1973 retroselig huldigte. Nun, 42 Jahre später, legen die Vaccines einen alternativen Soundtrack vor.

Das Quartett aus London dreht nicht nur im Auftaktsong Handsome die Fuzzbox dermaßen auf, dass die Verstärker knacken wie alte Knochen, sie schrecken auch nicht vor stadiontauglichen Mitschunkel-Balladen wie Dream Lover zurück und hauchen mit 20/20 dem Glam-Rock neues Leben ein. Wahlweise schmachten auch Streicher, jaulen Sirenen oder schrammelt eine Akustikgitarre am Lagerfeuer einer irre heißen Sommernacht, durch die uralte Surf-Melodien gegröhlt werden. Yes. Ganz und gar hemmungslos wird es dann in Give Me A Sign, das dem selbstverliebten Siebziger-Soft-Rock von Boston oder Foreigner ein Denkmal setzt. Selbst die gelegentlichen Elektro-Beats sind dermaßen klapprig, dass niemand auf die Idee käme, den Vaccines einen irgendwie gearteten Hang zur Modernität vorzuwerfen. Tatsächlich ist English Graffiti deshalb eine so große Platte, weil The Vaccines überreich ausgestattet sind mit den beiden wichtigsten Qualitäten, die man als Rock'n'Roll-Band vorweisen muss: Größenwahnsinn und ein schlechtes Gedächtnis. So wird der gute alte Neil Young wohl auf ewig recht behalten: Rock'n'Roll will never die.

 


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Rocko Schamoni & Mirage – Die Vergessenen (Staatsakt/Caroline)

Ganz im Gegensatz zu The Vaccines hat Rocko Schamoni ein sehr gutes Gedächtnis. Der Hamburger Entertainer, Schauspieler und Musiker hat für Die Vergessenen ein Orchester zusammengestellt, es Mirage genannt und mit ihm eine Auswahl aus der allgemeinen Erinnerung weitgehend getilgter Songs neu eingespielt. Avisiert ist Die Vergessenen als Reise durch 50 Jahre deutsche Popgeschichte, aber wirklich konsequent ist dieses Konzept nicht umgesetzt. Das Spektrum reicht von ganz alt (Morgenlicht von Ton Steine Scherben) bis ziemlich jung (Das Zelt von Jeans Team), von Ost- (Früh war der Tag erwacht von Manfred Krug) bis West-Berlin (Ist das wieder so 'ne Phase von den Lassie Singers), von Hamburger Schule (Loswerden von Die Regierung) bis zu Schweizer Ausnahmeerscheinungen (Die geheime Weltregierung von GUZ). Dazu hat Schamoni noch Ennio Morricone, Caetano Veloso und zwei eigene Songs eingeschmuggelt.

Aber Kongruenz ist was für Mathematiker. Stattdessen ebnet Schamoni das im Original so verschiedene Material mit einem denkbar simplen Trick ein: Er und sein Orchester ersäufen jeden einzelnen Song in so üppigen Streicher- und Bläser-Arrangements, dass Die Vergessenen wie aus einem Guss wirkt. Erstaunlich ist dabei vor allem, dass das musikalisch induzierte Pathos gut funktioniert, egal, ob es mit dem dramatischen Gestus von Ton Steine Scherben noch einmal verstärkt oder mit der Lakonie der Lassie Singers konterkariert wird.

 


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Sarah Connor – Muttersprache (Polydor/Universal)

Sarah Connor hat einiges hinter sich. Die Sängerin aus Delmenhorst hatte große Hits und peinliche Nationalhymnen-Aussetzer. Sie war Casting-Show-Jurorin und vermarktete ihre eigene Beziehung in einer erbärmlichen Reality-TV-Show. Aber Muttersprache, ihr erstes Album nach einer fünf Jahre währenden Pause, ist die wohl mutigste Karriereentscheidung, die die 34-Jährige je gewagt hat: Erstmals singt Connor selbst geschriebene deutschsprachige Songs. Und aus dem Popsternchen, das von Lohnschreibern verfasstes Material trällert, wird urplötzlich eine Songwriterin, die bereit ist, ihr Innerstes offenzulegen. Nicht, dass man pikante Details aus der gescheiterten Ehe mit dem Popstar-Kollegen Marc Terenzi erführe, aber doch immerhin, dass auch Sarah Connor schon betrogen wurde.

Kommst Du mit ihr ist der eindrücklichste Song des Albums, weil er sich nicht hinter Metaphernebeln verbirgt, sondern die Eifersucht ganz ehrlich auf die sexuelle Demütigung und den Verrat reduziert: "Machst Du's mit ihr so wie wir?" Das hat tatsächlich Soul, der bekanntlich allein aus Schmerz geboren wird. Auch wenn anderes wie Augen auf, ein Plädoyer für Flüchtlinge und ein Aufruf zu gesellschaftlichem Engagement, am eigenen Anspruch scheitert, bleibt Muttersprache doch eine Überraschung. Und, noch überraschender, sogar eine überwiegend positive. Denn gemessen an dem, was deutscher Soulpop in den vergangenen Jahren so verbrochen hat, schwingt sich Sarah Connor mit Muttersprache aus dem Stand auf zur Einäugigen unter den Blinden.

 


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Snoop Dogg – Bush (Columbia/Sony)

Der allseits anerkannte Pornoproduzent, Gelegenheitsschauspieler, Dauerkiffer und Gangsta-Rapper Calvin Broadus Jr., einer breiteren Öffentlichkeit als Snoop Dogg bekannt, versucht mit dem Album Bush seiner ins Stocken geratenen Karriere neuen Schwung zu geben. Vor allem ein auf eine Epiphanie folgender, kurzzeitiger Übertritt zum Rastafari-Glauben und eine damit einhergehende Reinkarnation als Reggae-Sänger Snoop Lion endete als kommerzieller Rohrkrepierer und große Niederlage für den gewieften Geschäftsmann. Für Bush setzt er deshalb auf Bewährtes, nämlich auf die Dienste von Pharrell Williams, dem verlässlichsten Hitlieferanten unserer Tage. Als Gäste sind keine geringeren dabei als Kendrick Lamar, der Rapper der Stunde, und die Soul-Legende Stevie Wonder, der mal kurz Mundharmonika spielt. Das Staraufgebot tut wie geheißen und verpasst Snoop eine modische, discotaugliche Grundlage, über der er dann allerdings leider nur selten tut, was er am besten kann, nämlich so entspannt und rund und lässig zu rappen wie kein anderer. Stattdessen singt er. Das hätte nicht dringend sein müssen.