Als Genius.com vor sechs Jahren gegründet wurde, war es nur als Kunstprojekt gedacht. Das New Yorker Unternehmen wird inzwischen jedoch mit großem geschäftlichem Ehrgeiz betrieben und von der namhaften Investmentfirma Andreessen Horowitz finanziert. Gerade hat das Startup eine neue Software veröffentlicht, mit deren Hilfe Genius die Deutungshoheit über sämtliche Inhalte im Netz erreichen will. Die Vision ist gewaltig, sie ist technisch kompliziert, und ihre Verwirklichung ist fraglich.

Das Prinzip "Annotate the World" – "Versieh die Welt mit Anmerkungen" – funktioniert schon jetzt sehr schön. Zur praktischen Veranschaulichung müssen wir uns an dieser Stelle mit Größenwahn und Drogenkriminalität beschäftigen. Beides spielt in der Rap-Musik eine große Rolle und fällt somit in die Kernkompetenz der Website, die zunächst Rap Exegesis, später Rap Genius hieß. Die Nutzer transkribieren die Sprechgesänge bekannter Hip-Hop-Stücke und erläutern sie Vers für Vers, um Slang-Ausdrücke, Wortspiele und kulturelle Bezüge gemeinschaftlich zu entschlüsseln.

Ein populäres Lied des amerikanischen Rappers IloveMakonnen heißt I Don't Sell Molly No More. Der Refrain lautet: "I got the gas and the coke / I don't sell molly no more / I keep the white and the green / And it gotta be a pint if you looking for the lean."

Beim Klick auf diese Zeilen poppt gleich daneben die englischsprachige Erläuterung eines Genius-Mitwirkenden auf. Sie lässt sich wie folgt übersetzen: "IloveMakonnen hat Gas, also starkes Gras. Er verkauft außerdem Kokain und Lean, letzteres aber nur bei Abnahme von mindestens einem Pint; das sind sechzehn Unzen. Zwar gehört Molly nicht mehr in sein Sortiment, aber für alles andere ist er eine zuverlässige Quelle." Der Kommentator schreibt genauer gesagt nicht "eine zuverlässige Quelle", sondern "der Stöpsel". Manche Erklärung auf Genius bedarf ihrerseits einer Slang-Entschlüsselung.

Weitere Nutzer können solche Anmerkungen mit "Daumen hoch" oder "Daumen runter" benoten und Verbesserungsvorschläge dazu schreiben. Eine hilfreiche Ergänzung wäre die Erläuterung von Molly und Lean: Gemeint sind MDMA und narkotisierender Hustensaft. Die Exegeten können sich auch gegenseitig folgen sowie Videos und Bilder verlinken. Üppige Marihuanabüschel oder bunte Hustensaft-Longdrinks sind beliebte Illustrationen.

Alttestamentarische Tiefen

Im Prinzip verschmilzt Genius den Anmerkungsapparat philologischer Texteditionen mit der Architektur und dem heiteren Kommunikationsstil sozialer Medien. Der Inhalt ist keineswegs immer profan. Wenn es um die Reime des Superstars Kanye West geht, dringt die Auslegung moderner Hip-Hop-Mythen in alttestamentarische Tiefen vor. Über Wests Stück I Am a God heißt es, dieses betrachte die "jüdisch-christliche Dichotomie von Gott und Mensch" als bedeutungslos. Zur Rechtfertigung der Selbstvergottung des Rappers wird eine Formulierung aus Psalm 82 angeführt: "I have said, Ye are gods." Ye ist der Spitzname von Kanye. Dessen Vers mit dem Selbstlob "The only rapper compared to Michael" dient als Bekräftigung. "Michael" verweise nicht nur auf Mike Tyson und Michael Jackson, sondern auch auf die hebräische Namensbedeutung: "Wer ist wie Gott?"

Einige Anmerkungen stammen von dem berühmten Musikproduzenten Rick Rubin persönlich. Er hat I Am a God aufgenommen. Gründlich annotiert ist auch eine ehrfürchtige und großartige Besprechung, die Lou Reed kurz vor seinem Tod zu Kanye Wests Meisterwerk Yeezus verfasst hat. Solche Schätze machen Genius zu einer bedeutenden Informationsquelle. Ihr kultureller Mehrwert im Vergleich zu Homepages mit Poplyrik ohne Anmerkungen ist fantastisch. Die Qualitätsschwankungen der Genius-Exegesen sind sogar ein zusätzliches Plus, ein großer Unterhaltungsfaktor. Manche Kommentatoren widmen sich mit verblüffender Akribie banalen Textstellen, andere stürzen sich naiv auf komplizierte Fragen wie den Dekadenzbegriff bei Nietzsche. Beides liest sich herzergreifend.