James Last war immer da, ist immer da und wird immer da sein. Insofern haftet der Nachricht von seinem Tod etwas Unwirkliches an. Er schien unsterblich zu sein, und er nährte diese Vorstellung nur zu gern.

Mit "80 Jahren um die Welt" nannte er seine Tour 2009. Zur "Last Tour" lud er 2012, "Einmal noch" kam er 2013, "Non Stop Music" versprach er 2015. Ende April spielte er in Köln sein letztes Konzert und natürlich in einer Arena, denn intime Clubmusik war seine Sache nicht.

Hans Last, wie er eigentlich hieß, stammt aus Bremen. Noch 1943, als Vierzehnjähriger, besucht er die Heeresmusikschule in Bückeburg, um nach dem Krieg auf Jazz umzusatteln. Zwar wird er mit Anfang zwanzig gleich dreimal zum Bassisten des Jahres gewählt – 1950, 1951 und 1952 – und könnte in der jungen Bundesrepublik zur Jazzlegende werden, aber der Jazz wird ihm schnell zu klein. Hans will in die Welt hinein. Er sucht das große Publikum und findet es, indem er Mitte der sechziger Jahre seinen Happy Sound erfindet und das Non Stop Dancing gleich dazu.

Als moderne Form des Potpourris läuft die ganze Schallplattenseite in eins durch. Damit zu Hause in den mit bunten Glühbirnen geschmückten Partykellern auch die nötige Stimmung aufkommt, liefert er sie gleich mit. Die Liedzeilen sind reduziert zum Lalala, dafür hört man das Jubeln und Juchzen der Tanzenden, ihre Zwischenrufe, eingebaut wie das Gelächter und der Beifall in den amerikanischen Comedyshows.

Die Herkunft des musikalischen Materials ist zweitrangig. Eigene Hits schreibt er nicht. Last erweist sich als genialer Arrangeur populärer Melodien, von deutschen Volksliedern über Rum And Coca Cola und Quando, Quando bis – später – zu den Hits der Beatles, die für die Älteren noch keine Evergreens sind, sondern Zumutungen. Er übersetzt den Pop für jene, die mit Marschmusik groß geworden sind und nach dem Swing den Anschluss an die Neuzeit verpasst haben. 

Aus Hans wird James, ein Globalisierungseinfall seiner Plattenfirma Polydor. Der anglisierte Entertainer schlägt nicht nur das, was von Deutschland übergeblieben ist, in den Bann, sondern auch die von den Deutschen drangsalierte und terrorisierte Nachbarschaft. Über die Jahrzehnte gibt er allein 95 Konzerte in der Londoner Royal Albert Hall. Es sind Volksfeste. Und man ist versucht, gleich dazu zu schreiben: allesamt ausverkauft. Womöglich stimmte das auch.

93 von 100 Deutschen kennen ihn

Easy Listening heißt die von ihm mitgeprägte Richtung, die inzwischen ein Genre ist unter vielen. Zu Zeiten aber sorgt James Last allein für fast ein Drittel aller in der Bundesrepublik verkauften Platten. Geht man heute in Osnabrück oder Schwabing, Flensburg oder Mainz über einen Flohmarkt, springen sie einem entgegen. Sie sind schon für einen Euro zu haben. Dies nicht, weil sie keiner mehr hören könnte oder wollte, überhaupt nicht. Es ist die schiere Menge, die jetzt aus den Kellern ins Freie drängt.

James Last war nicht nur der erfolgreichste und bekannteste deutsche Musiker, er war wirklich in jedem Haus. 93 von 100 Deutschen kennen ihn. Man fragt sich, wer die anderen sieben sind.

In Amerika gingen die Swing-Bands unter, als die neue Verstärkertechnik den Rock 'n' Roll laut genug für die Hallen machte. Jazz war fortan keine Tanzmusik mehr, sondern subtile Musik für wenige und meistens Schwarze. James Last aber hielt an seinem Orchester fest, bis zuletzt. Das Orchester steht bei ihm für das Gesellschaftliche im Geselligen. Es ist die Projektionsfläche des von ihm versprochenen Glücks. Der Dirigent steht nicht mit dramatischem Gestus vor seinem Korps. Er kann seiner Truppe beruhigt den Rücken zuwenden. Führer? Das war mal. Er zeigt sein lächelndes Gesicht dem Publikum und schnippt lässig den Takt mit. Den Rhythmus hat er, haben alle doch durch und durch, bis in den kleinen Finger hinein. Spielen können sie auch ohne ihn. Freude rückt an die Stelle der überbetonten Disziplin.

James Last war locker, ein Adjektiv, das er für Deutschland neu entdeckte, zumal da die Frage Are You Going To San Francisco? bis dahin niemand gestellt hatte und die Blumenkinder noch Sprösslinge waren.

Sein Erfolg ließ mit den Jahren nicht nach. Noch 1999 verkaufte er 150.000 Eintrittskarten und bescherte seiner Plattenfirma die erfolgreichste Tournee des Jahres.

In höheren Sphären, das lässt sich wohl sagen, wird James Last, der sein irdisches Publikum im Alter von 86 Jahren verließ, von nun an nonstop weiterspielen.