An Jenny Hval ist wahrscheinlich ein ausgezeichnetes Spice Girl verloren gegangen. Die Künstlerin aus Norwegen glaubt das zumindest selbst: In einem Interview erklärte sie unlängst, ihre Jugend als Bücherwurm mit Sinn für provokante Selbstinszenierungen verbracht zu haben. Folglich hätte sie eine ideale Ergänzung zu Ginger, Sporty, Scary, Baby und Posh abgegeben – eine Art Schlaubi Spice für Teenager, die in abgedunkelten Kinderzimmern saßen und auf der Suche waren nach einem tieferen Sinn hinter dem ganzen Girl-Power-Gebrüll.

Jenny Hval hat schon immer viel nachgedacht, zum Beispiel über Sprache und ihren Einfluss auf gesellschaftlich in Stein gemeißelte Geschlechterrollen. Sie steht auf das kopflastige Zeug: Als Dichterin und Romanautorin, Sängerin, Komponistin und bildende Künstlerin stellt die 34-Jährige ein männlich geprägtes Kunstverständnis infrage, demzufolge große Genies ihre großen Arbeiten unter großer Anstrengung aus großem Leid schöpfen. "Think big, girl, like a king", flüstert sie zu Beginn ihres neuen Albums in verschwörerischem Tonfall. "Think kingsize".

Apocalypse, Girl ist Hvals dritte Platte unter eigenem Namen. Die Künstlerin erfindet darauf den "Soft Dick Rock", eine weitgehend gitarrenlose, unbreitbeinige Musik zwischen Elektropop und Soundcollagen, die als Kulisse dient für traumwandlerische Erzählungen über kleine, entlarvende, peinliche Enden der Welt. Das Album ist ein Gegenentwurf zur spektakulären Hollywood-Vorstellung von Apokalypsen, in denen Sylvester Stallone oder irgendein anderer Muskelberg den Kometen doch noch in letzter Sekunde aus der Gefahrenzone köpft. Es ist aber auch ein Akt des Aufbegehrens. Hval setzt sich damit an die Spitze eines jungen skandinavischen Pop-Feminismus.


Dieser lässt sich zu einer Elektro-Avantgarde zurückverfolgen, deren wichtigste Vertreter von 1999 bis 2014 The Knife aus Göteborg waren. Die Geschwister Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer brachten das Spiel mit Gender-Identitäten auf große Festivalbühnen. Durch Verkleidung und verfremdete Stimmen beraubten sie sich ihrer geschlechtsspezifischen Merkmale und stellten allgemeingültige Rollenerwartungen an ein weiblich-männliches Elektropop-Duo auf den Kopf. Kritiker warfen ihnen politische Überkorrektheit vor: In ihrer Spätphase arbeiteten The Knife nur noch mit weiblichen Technik-Crews und Videoregisseurinnen zusammen.


Tatsächlich scheint es, als habe sich die Band am Kampf gegen eine patriarchalisch geprägte Musikindustrie aufgerieben. The Knife wurden im Lauf der Jahre verbissener, ihre Projekte komplizierter. Sie schrieben eine Darwinismus-Oper und quälten sich durch die Leselisten der Gender-Studies-Kurse an ihrer Heimatuniversität. Über Judith Butler kamen sie zu Michel Foucault, zwischendurch bauten sie eigene Instrumente. Ihr letztes Album Shaking The Habitual war ein wehmutloser Abschied vom Pop. Auf Konzerte mit Playback- und Aerobic-Elementen folgte der Abschied von allem.

Theoretisch bewandert ist auch Jenny Hval. Gegen Ermüdungserscheinungen wappnet sie sich jedoch mit Sprachverliebtheit und gemeinen Beobachtungen, deren Ausgangspunkt meist ihr eigener Körper ist. Auf Apocalypse, Girl schreibt sie darüber, wie er sich beim Singen, beim Sex und beim Sexentzug anfühlt. Kraftausdrücke gehen Hval besonders lustvoll über die Lippen, alles, was vier Buchstaben hat, ist Musik in ihren Ohren. Allein durch ihre Wortwahl erschafft Hval Momente vollständiger Entblößung. Die Zeile "At night I watch people fucking on my computer" von ihrer zweiten Platte Innocence Is Kinky gilt Eingeweihten längst als legendärer Albumauftakt.