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Wolf Alice – My Love Is Cool (Caroline/Universal)

Die Wolf-Alice aus der gleichnamigen Kurzgeschichte von Angela Carter ist ein Mädchen, das unter Wölfen aufwächst und, als es zurück in die Zivilisation kommt, fremd bleibt unter den Menschen. Auch wenn man damit womöglich die Analogie zu diesem Märchen überstrapaziert: Die Band Wolf Alice, die sich nach dieser Parabel benannt hat, macht auf ihrer sentimentalen Reise ins goldene Zeitalter des Indierock vielleicht nicht so beängstigende, aber ähnlich irritierende Erfahrungen wie ihre literarische Namensgeberin. Das Quartett aus London wirkt auf seinem, nach zwei sehr wohlwollend aufgenommenen EPs nun von einem mittelschweren Hype begleiteten Debütalbum My Love Is Cool wie ein Kind im Bonbonladen, das sich durch die Auslagen probiert, in denen sich die schönsten Erinnerungen an die Popgeschichte stapeln.

Das cool groovende Freazy erinnert an die Rave-o-lution der Stone Roses, Giant Peach in seinem atonalen und trotzdem Glam-Rock-artigen Gitarrenzorn könnte auch von Courtney Love aus ihren besten Tagen bei Hole stammen. Und You're A Germ mit seinem krachigen Riff und dem plakativen Laut-leise-Kontrast mag gar ein Zitat von Blurs Song 2 sein. Doch es geht auch sensibler: Der Eröffnungssong Turn To Dust ist eine verhuschte Folk-Ballade, in der die Sängerin Ellie Rowsell über die Sterblichkeit räsoniert. Das gleich darauffolgende Bros lebt vornehmlich von seiner hübschen, gar nicht so harmlosen Melodie, die einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf will.

Wolf Alice nehmen all diese Einflüsse versiert auf, jeder Song ist ein Kleinod, das mit mehrmaligem Hören wächst. Man könnte aber auch sagen, Wolf Alice haben Probleme, eine eigene Stimme zu finden, weil die alten Stimmen zu laut sind und zu schön klingen. Aber wenn diese Geschichte ein Märchen ist, und wenn Wolf Alice noch nicht gestorben sind, dann werden sie, darauf ist My Love Is Cool ein großes Versprechen, in naher Zukunft womöglich ein bahnbrechendes zweites Album vorlegen.

 

 

© RCA/Sony

Everything Everything – Get To Heaven (RCA/ Sony)

Den Fehler, sich zu verzetteln, haben Everything Everything nicht begangen. Die Band aus Manchester mag auf ihrem dritten Album Get To Heaven flehen "Get me to the distant past", aber orientiert sich dann doch eher an der jüngeren Vergangenheit. Das Quartett um den Sänger Jonathan Higgs spielt einen ziselierten, auf komplexen, aber trotzdem tanzbaren Rhythmen beruhenden Indiepop, wie ihn Vampire Weekend zum Mainstream-Erfolg geführt haben. Was auf den ersten beiden Alben bereits als vielversprechende, wenn auch bisweilen überambitionierte Blaupause angelegt war, führt Get To Heaven nun zu voller Blüte: Everything Everything gelingt das Kunststück, eine hochinfektiöse Musik aus Disco-Seligkeit, lustigem Pfeifen, Arschwackel-Beats, euphorisierenden Bläsern und Mitmach-Melodien wie selbstverständlich zu verschränken mit politischen und sozialkritischen Texten. Nun kann man doch tatsächlich tanzen zu einem Song über die Fortune 500, die berüchtigte Liste des Wirtschaftsmagazins Fortune mit den 500 umsatzstärksten Firmen der Welt.

 

 

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Irie Révoltés – Irie Révoltés (Ferryhouse Productions/ Warner)

Noch eindeutiger politisch, dafür etwas weniger elegant sind dagegen Irie Révoltés. Nicht etwa musikalisch, denn die einst in Freiburg gegründete Band spielt auf ihrem fünften, schlicht Irie Révoltés genannten Album wie gewohnt eine extrem ansteckende Mischung aus Reggae, Hip-Hop, Agit-Prop-Rock und Dancehall. Aber die von den beiden Frontmännern, den deutsch-französischen Brüdern Pablo und Carlos Charlemoine in ihren beiden Muttersprachen getexteten Songs lesen sich bisweilen wie ein Demo-Aufruf: "Wir proben den Aufstand", singen sie in Fäuste hoch. In Jetzt ist Schluss beklagen sie Fremdenfeindlichkeit und rechten Terror, an anderer Stelle fordern sie "Freiheit und zwar Jetzt". Das ist immer ehrenwert, meist auch sehr richtig, aber bisweilen etwas ungelenk. Trotzdem bleiben Irie Révoltés, die abseits der Bühne ihr Engagement konsequent in Nichtregierungsorganisationen wie Viva con aqua fortsetzen, die Band, die hierzulande am gelungensten die Grenze zwischen Politik und Party aufzulösen versteht.

 

 

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Jay-Jay Johanson – Opium (Kwaidan/ Alive)

Ein wenig ratlos lässt einen Opium zurück. Jay-Jay Johanson war mal ein Trip-Hop-Troubadour und wurde dann zum Electro-Popsänger, der kommerzieller klang, als er tatsächlich war. Sein zehntes Album markiert einerseits einen Rückschritt, weil der Schwede sich wieder erinnert an seine Anfangstage, an die aus dem Computer tröpfelnden Beats und die melancholischen Melodien. Nur: Diesmal nimmt die Wehmut derart überhand, dass gar nicht mehr ans Tanzen zu denken ist. Stattdessen mäandert der Gesang, scheinbar unbedrängt von beengten Songstrukturen, nur sachte gestützt von sanft tuckernden Rhythmen und mondänen Samples aus der Jazz- und Soft-Rock-Vergangenheit, in die sich Johanson offenkundig flüchten will. Zum Ohrwurm zu werden oder wenigstens einen eingängigen Refrain anzubieten, das scheint ihm viel zu profan zu sein. So klingt es wohl, dort oben in luftiger Höhe, auf dem schmalen Grat zwischen Klasse und Hochmut.