Ganz für die anderen und ganz bei sich – Seite 1

Wie er es hinkriegt, dass auf einmal die Saalwand aufreißt zur Prärie und man glaubt, er ritte in den Sonnenuntergang hinein mit seinen Tönen. Wie er mitten in einem Streichquartett von Beethoven in ein paar Takten eine Drachenhöhle zu entdecken scheint, sich breitbeinig davorstellt, vorgebeugt, Töne spielt, aus denen schon das Drachenblut dampft. Sowas geht nur auf einer Bratsche, genauer gesagt, nur wenn Friedemann Weigle seine in der Hand hat – hatte. Und wie er dann gleich wieder ganz bei den anderen war, mit undurchdringlicher, gegerbter Miene, schulterlangen schwarzen Haaren, und unfassbar sensibel zeigte, wie sehr es in der Musik, die er liebte, um Menschen geht.

Man nennt diese Musik, man nennt Streichquartette Kammermusik. Ein problematisches Wort, weil es sehr nach Nische klingt, nach kleinen Zirkeln. In Wahrheit befindet sich hier das Zentrum der Musik, der Bereich, in dem mit den zerbrechlichsten Dingen, den feinsten Nuancen umgegangen wird, in dem seit 250 Jahren die kühnsten Experimente unternommen werden. Aber wo es im Streichquartett an die Grenzen geht, wird es nicht eisig. Man nähert sich da dem Menschlichsten überhaupt, nämlich dem Versuch sehr verschiedener Individuen, einander zu erkunden und einen Weg zu finden, auf dem keiner sich aufgeben muss, sich verliert. Wer Weigle erlebte, begriff das besser als zuvor.

Es ist üblich, Solisten zu feiern und ihnen Nachrufe zu widmen, den exponierten Einzelnen, oft auch nur den Leuten mit der größten Bugwelle, die nicht zwangsläufig die größte Nachwirkung hat. Es ist aber an der Zeit, einen Großen des Miteinanders zu würdigen, den die Musik jetzt viel zu früh verloren hat. 53 Jahre alt ist Friedemann Weigle geworden, der Bratscher des Artemis Quartetts und zuvor Mitbegründer des Petersen Quartetts, und er hat das Bild des Bratschers tiefer und bedeutender geprägt als die größere Zahl solistisch auftretender Virtuosen des Instruments. Natürlich hätte er mühelos zu ihnen zählen können. Er zog aber das Tiefere, Reinere, Schwierigere vor.

Mit ihm wurde das Artemis Quartett zum Kult

Und er hat es als Gleicher unter Gleichen, als Individualist mit Individualisten, so stark und lebendig verkörpert, dass die Kammermusik auf einmal keine mehr war, was das Interesse an ihr betrifft. Es wäre übertrieben zu sagen, Auftritte des Artemis Quartetts wären, seit er 2007 dazukam, Pop gewesen, aber sie wurden Kult. Da war etwas, das andere technisch ähnlich souveräne Ensembles nicht boten und das selbst auf CDs spürbar ist: das unmittelbare Aufeinandertreffen starker Persönlichkeiten, identisch mit dem, was die Komponisten schrieben in der Hoffnung, jemand werde auch das Ungeschriebene darin finden. Es war dabei nicht gleichgültig, dass hier drei Männer und eine Frau zusammenspielten.

Denn das Artemis Quartett spielt nie abstrakt. Als es im vergangenen Jahr mit der neuen ersten Geigerin Vineta Sareika auftrat, erlebte man im c-Moll-Quartett von Brahms, dritter Satz, eine traurige Fremde, die drei Freunde verlegen macht. Und dann löste sich der Bann, alle standen da wie in sanftem Sommerregen und fanden einander neu. Aber es kann auch ganz anders sein. Für das Unentschlüsselbare von Musik stand Weigle so wie für ihre menschliche Präsenz. Er, der Ritter, Cowboy, Fels in der Brandung, war zugleich der Dunkle, Unberechenbare neben dem offenherzig stürmenden Eckart Runge am Cello, dem philosophisch feinen zweiten Geiger Gregor Sigl, der lichten Primaria.

Musik muss etwas SEIN


Weigle kam aus einer Ost-Berliner Musikerdynastie. Sein Vater war Kantor, was in der DDR so viel hieß wie: regimekritisch. Aber abhauen wollte er nicht, obwohl das Petersen Quartett, sein erstes, reisen durfte: Mit dem Lada bis nach Sizilien, um Konzerte zu geben. Er war dem Osten treu, nicht der DDR, und er brachte ins multiregionale Artemis Quartett auch eine familiäre deutsche Tradition des Musikmachens, viel älter als die DDR und in ihr bewahrt. Ein pater familias, der alles selbst machen wollte, wie sich sein früher Kollege, der Cellist Hans-Jakob Eschenburg erinnert: "Er war nicht zu stoppen. Dem musste man nach vier Stunden Fahrt den Autoschlüssel aus der Hand nehmen." Weigle zog allein zwei Söhne groß und baute allein ein Haus in die Wälder bei Rostock.

Und er unterrichtete leidenschaftlich, auch an der Hanns Eisler in Berlin. "Es wird harte Arbeit," sagt er einem jungen Quartett mal, "WEIL das so gut klingt. What about your faces?" Wie bitte? "Ihr guckt so ernst. Und ihr sitzt so krumm." Er stempelt ihnen Smileys in die Noten, und dann geht es ans Eingemachte. Einfach nur gut klingen darf es nicht, auch nicht nur etwas bedeuten, es muss etwas SEIN. Weigle war so überzeugt vom Sein in der Musik, von einer Wahrheit darin, dass er die Welt ringsum oft schwer ertrug. "Er war selbst rein", sagt Sonia Simmenauer, Agentin des Quartetts, darum habe er alles an sich herangelassen, dünnhäutig, ganz anders, als er nach außen wirkte, so viril und geerdet. Er hat auch viel Dunkles an sich herangelassen, die Töne seiner Bratsche wussten davon.

In der vergangenen Woche hat Friedemann Weigle noch die Kraft gehabt, mit dem Artemis Quartett Antonín Dvořáks Amerikanisches Quartett aufzunehmen, die Hälfte einer neuen CD. Die Artemisse müssen sie vollenden und weitermachen. Und jeder kann weiterarbeiten an der Sensibilität, die diesen Bratscher zum großen Mitmenschen machte. Man sollte hören, wie er, jenseits aller großen Gesten, in Beethovens opus 59 Nr. 2, Molto Adagio, einmal vier Takte lang nur die Oktave fis spielt, achtmal dasselbe Minimotiv. Wie er die andern damit schützt, stützt, mit jedem der vermeintlich gleichen Töne auf sie reagiert, ganz für sie da und ganz bei sich. Verbindlich. Toller Typ.   

Volker Hagedorn, Jahrgang 1961, ist Journalist und studierter Bratschist. Für ZEIT und ZEIT ONLINE schreibt er regelmäßig über klassische Musik.