© Staatsakt

Sleep – Sleep (Staatsakt/Caroline)

Andreas Spechtl ging es noch nie um Verständnis und Konsens, gar Beifall oder Lob. Weder als Experimentalrocker im Burgenland noch als Herz der verkopften Progpop-Band Ja, Panik im Berliner Exil und erst recht nicht im Projekt Sleep, mit dem er die Suche nach Wohlklang im Duktus der Dissonanz zugleich verfeinert und vergröbert. Auch auf seinem selbstbetitelten Solodebüt erweist sich der Österreicher als Jäger und Sammler eines Sounds, dessen Zusammensetzung kaum einer Harmonielehre folgt, aber seltsam einträchtig klingt. Sinneswach und neugierig schleicht er barfuß durch die "Polyrhythmik unserer Biosphäre", um herumliegende/fliegend/stehende Töne zu ertasten, die seinen Vorstellungen musikalischer Haptik genügen. Kompiliert zu acht flächig arrangierten Liedern gehen da gewittrige Trompetenschauer über sommerlich weichen Basswiesen nieder, die Spechtls Stimmwatte fortan mal mit Saxofonfetzen, mal Field-Recordings den Flausch aufrauen. Spechtls Welt der Kakophonie: zu schön, um schief zu sein.

 


© Housecore Records

Author & Punisher – Milk en Honing (Housecore Records)

Was Tristan Shone als Author & Punisher zur neuen Platte Milk en Honing verlötet, ist demgegenüber zu schief, um schön zu sein. Unterlegt vom Gebrüll des chronisch übellaunigen Kaliforniers (auch mal ganz schön) scheppern da Stahl auf Stahl, Stromgitarre auf Verzerrungsfuror, Fabriksample auf Urknalldröhnen. Selbst Shones sonnige Heimat wirkt beim Klang dieser Platte düsterer als jeder Strobokeller. So weit so stumpf? Mitnichten! Wie den Alben zuvor wohnt auch Nr. 6 die sonderbare Magie des brachial Unzugänglichen inne, das viele Schranken im Gemüt überwindet. Author & Punisher, der nicht ohne Grund beim Label des Grölmetallers Phil Anselmo erscheint, entwickelt ein Volumen, das den selbstreferenziellen Materialtests des Industrial fast schon Liedstrukturen verpasst. Man muss nicht schlechter Laune sein, um das zu ertragen, man kann sogar bester Laune sein, ohne sie beim Hören zu verlieren. Ein kleiner Dachschaden wäre indes ratsam; Normhörgewohnheiten sind weniger hilfreich.

 

© Because Music

Ratatat – Magnifique (Because Music)

Mit den Hörgewohnheiten ist das allerdings so eine Sache. Wer etwa hätte gedacht, dass eine Band, die ausgerechnet mit Aberwitz der Art von Bohemian Rhapsody zum Durchbruch gelangte, bald darauf Stadien jeder Größe füllen könnte? Außer Ratatat wohl keiner. Die zwei Kalifornier bewegen sich ja äußerst erfolgreich in Queens' musikalischem Ideenkosmos – und das trotz ihrer Jugend noch nicht mal mit den Mitteln von heute. Unterstützt durch prähistorische Verstärker, Vintage-Gitarren und dem spinettartigen Orgelsound aus Freddy Mercurys Jugend zaubert das New Yorker Duett eine Sinfonie des Indietronic aufs neue Album. An den Vorbildern dieser Mashup-Variante des digitalen Pops darf sie sich ruhig messen lassen: Französische Frickelgiganten von Air bis Phoenix suppen frontal in Magnifique hinein, das kindliche Genie von Retro Stefson oder Vampire Weekend zudem seitlich, alles überlagert von Krautrock, Queen und allem, was die Siebziger zu geben haben. Jeder Track ist ein Mixtape verknallter Schüler beim Balzen um die Schönste im Klassenraum. Zum Tanzen, Wippen, Verlieben.

 


© Heavy Sheet

Mocky – Key Change (Heavy Sheet)

Zum Schwelgen, Schmausen, Begehren ist, was Dominic Salole zurzeit als Mocky so macht. Vor einigen Jahren hatte der Kanadier mit brillant verschrobenem Hip-Pop noch den oberen Berliner Underground von Peaches bis Puppetmastaz aufgemischt. Nun begibt er sich von L.A. aus auf die Spur eines kongenialen Landsmannes, mit dem der rührige Produzent ebenfalls schon kollaboriert hat: Chilly Gonzales. Ohne den Bademantel, dafür mit entrücktem Menjoubart schüttelt Mocky ein Album aus dem Ärmel, dessen digital aufgemöbelter Zuckersoul so mühelos nach Big Band klingt, als wäre die Disco ein Wiener Kaffeehaus mit Gold und Schmäh und Grandezza. Die Stimmen darin sind gern geschmeidige Choräle aus dem lässigen Cool der Sixties, all die Streicher, Bläser, Tasten von zeitloser Beschwingtheit argloserer Zeiten, die ganze Aura sehr gediegen. Wie ein frischer Luftzug weht Mockys nostalgischer Sound durch den künstlich überfrachteten Gegenwartspop und macht die Welt ringsum ein wenig schwerelos. Herrlich!