Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gilt der Umgang mit der deutschen Identität offiziell wieder als entspannt. Wer heute noch Schwierigkeiten mit der deutschen Nationalflagge hat, ist nicht mehr geschichtsbewusst, sondern versteht keinen Spaß. Das Deutsche entwickelt sich zu einem Idiom, in dem das Familiäre, liebevoll Lokale per se mitschwingt. Wenn man deutsch spricht, verstellt man sich nicht. Das Englische steht für Verantwortung, Globalisierung und Vernetzung. Das Deutsche für Entschleunigung und gute Laune.

Vielleicht erklärt auch das den Erfolg deutschsprachiger Popmusik, der sich mit Cro, Kraftklub, Helene Fischer und Unheilig seit einigen Jahren abzeichnet. Kürzlich waren die deutschen Album-Top-Ten sogar zum ersten Mal ganz von deutschsprachigen Künstlern besetzt. Fünf Plätze gingen an Rapper, deren Sprechweise zwar erkennbare deutsche Anleihen hat, aber trotzdem nicht unbedingt dem entspricht, wofür sich der Verein Deutsche Sprache ins Feuer werfen würde. Die andere Hälfte der Top Ten belegen Musiker aus dem Umfeld einer einzigen Fernsehsendung, die damit schon jetzt einflussreicher ist, als es Deutschland sucht den Superstar je war: Die Show heißt Sing meinen Song, läuft gerade in der zweiten Staffel auf Vox und wird moderiert von Xavier Naidoo.

Hartmut Engler mit seiner Band Pur auf Platz 10, Christina Stürmer auf Platz 9, Gregor Meyle auf 6 und Sarah Connor mit ihrem ersten deutschsprachigen Album Muttersprache auf Platz 4: Sie alle hatten schon bessere Zeiten oder konnten ein bisschen PR gebrauchen. Dann sind sie in der Vox-Sendung auf- und danach wieder in die Albumcharts eingetreten. Übertroffen wurden sie nur noch von der Compilation zur Sendung auf Platz 2. Und um das Blickfeld ein wenig zu erweitern: In den Top 30 fanden sich zur selben Zeit 20 deutschsprachige Künstler, von denen zehn von Sing meinen Song profitierten.

Karaoke in Südafrika

Das Sendeformat stammt zwar aus den Niederlanden und läuft auch anderswo erfolgreich. Trotzdem trifft es die Deutschen ins Herz: Anders als in den kompetitiven Castingshows, deren Zeit ganz offenbar vorbei ist, wird in dieser Sendung nicht gegeneinander, sondern füreinander gesungen. Der Sender fliegt sechs mehr oder minder bekannte Musiker nach Südafrika, wo sie mit Xavier Naidoo beim Cocktail auf einer Terrasse im Kreis sitzen und Karaoke singen. Mit einer Liveband interpretieren sie gegenseitig die Lieder der anderen. Jede Folge ist einem Musiker und seinem, nun ja, Œu­v­re gewidmet. Der bleibt auf dem Sofa sitzen, während die anderen für ihn singen.

Es geht nicht um Wettbewerb, sondern um Intimität und Nahbarkeit. Die Kamera zoomt auf fassungslose Gesichter und feuchte Augen. Die Inszenierung betont eine individuelle Fehlbarkeit, die, wenn man ihr mit Verständnis und Mitgefühl begegnet, das allgemein Menschliche hervortreten lässt. Dass das eine christliche Erzählung ist, muss kein Zufall sein: Die Hälfte der Teilnehmer hat das Handwerk in Kirchenchören gelernt.

In Deutschland startete die Sendung im April 2014, erreichte aus dem Stand zweistellige Marktanteile, die seitdem kontinuierlich wuchsen. Gerade erst hat Sing meinen Song seinen eigenen Quotenrekord gebrochen: Zweieinhalb Millionen schauten vergangene Woche zu, damit erreichte Vox 15 Prozent des deutschen Fernsehpublikums.