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Envy: Atheist's Cornea (PIAS/Rough Action/Rough Trade)

Das schönste Kompliment an den Postrock ist wohl, dass man darüber die Menschen vergisst. Sich in atmosphärischen Landschaften verliert und höchstens ab und zu mal runterschaut und über all die Effektpedale staunt, grundsätzlich aber angenehm davon befreit ist, sich um andere Egos als das eigene sorgen zu müssen. Außer natürlich, es geht um Tetsuya Fukagawa und sein Projekt Envy.

Dass die Texte, die er auch auf dem sechsten Album wieder ins Gebrause seiner Band ruft, vielen hiesigen Hörern zu japanisch sind, macht dabei überhaupt nichts. Umso dringlicher erinnern Songs wie das umweglose Eröffnungsstück Blue Moonlight daran, dass hier ein ganz bestimmter Mensch ganz Bestimmtes zu sagen hat, das sich eben nicht nur mit hübschen Gitarrenbögen und ein paar Streichern erledigen lässt. Bei aller Bandkumpelei zu Mogwai, bei aller Melancholie in Stücken wie Shining Fingers kommen Envy immer noch aus dem bösen Lärm; auf ihre poetischsten Twinkle-Sternenzelte richten sie selbst ihr ballerndes Schlagzeug, bis alles grandios explodiert.

 


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Sleaford Mods: Key Markets (Harbinger/Cargo)

Grandezza ist so ziemlich das Allerletzte, worauf die Sleaford Mods Wert legen würden. Sie pieksen lieber mit allen 20 Fingern im Unrat herum. Entsprechend bekommen auf Key Markets alle ihre Spuckeklatscher ab, von der englischen Radiomoderatorin Lauren Laverne über englische Politiker bis zu irgendwelchen unberühmten Briten, die es sich mit Jason Williamson verscherzt haben: "You run a crap club in Brum/ You lose."

Sleaford Mods sind also Engländer – genauer: Sie kommen aus Nottingham, was nun schon auf den ersten beiden Alben nicht zu überhören war. Williamson rappt seine perfekt lächerlichen Verachtungstexte über die Beats von Andrew Fearn, der seine Programmiermaschinen auf Postpunk gestellt hat, um dem Elektro-Dada, der dünnlichen virtuellen Band und den ganzen Flüchen seines Kollegen so etwas wie eine historische Grundlage zu geben; Mark E. Smith haben ja auch irgendwann alle ernst genommen. Kein Wunder also, dass vor allem brave weiße Indiejungs darauf steilgehen, endlich wieder jemandem dabei zuzuschauen, wie er sich so richtig ausrotzt.



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Little Boots: Working Girl (Rykodisc/Warner)

Umso blankeren Elektropop veröffentlicht Victoria Hesketh seit Jahren unter ihrem Pseudonym Little Boots. Der war schon 2009 auf Hands und 2013 auf Nocturnes vor allem dann super, wenn man gerade aufs Rausgehen, auf die nächste Runde Getränke oder auf Robyn warten musste, aber je nach persönlicher Toleranz fürs Ultraglatte anderweitig unbrauchbar.

Auch auf Working Girl (das immerhin mit dem schönsten Debbie-Harry-im-Trench-Cover punktet, das Debbie Harry nie aufgenommen hat) hält sich die Londonerin an unproblematische Achtziger-Beats, die mal ein wenig knarzen und mal ein paar Hawaiimelodien versprühen dürfen, aber nie über ein Spannungslevel hinausreichen, als würde die frühe Madonna ein Nickerchen auf der letzten La-Roux-Platte machen und sich vorher nicht mal ausziehen. Hesketh selbst sieht sich als taffe Businessfrau, daher auch Titel und Konzept des Albums. Inwieweit Textperlen wie "You were my hero/ I was your heroine" diese Geschichte erzählen sollen, ist dabei nicht ganz klar. Und zum Tanzen ist auch nicht genug Bass drin.

 


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Adrian Younge & Ghostface Killah: 12 Reasons To Die II (Linear Labs/Rough Trade)

Schon der erste Teil von 12 Reasons To Die ließ 2013 weder Platz zum Tanzen noch für die üblichen Rap-Späßchen. Zu dicht hatten Ghostface Killah und Adrian Younge ihre Geschichte um die italienische Mafiafamilie DeLuca gesponnen. Erst der zweite Teil macht nun endgültig klar, wie dumm all jene sind, die für großes Kino sichtbare Bilder brauchen. Neben 12 Reasons To Die II sehen Sin City oder Avengers gleich noch ein Stückchen blasser aus.

Dafür sorgen neben der cleveren Erzählweise unseres Protagonisten auch RZA, der die Handlung aus dem Off voranbringt, und der Wu-Tang-Buddy Raekwon, der Ghostface Killah als (weiterer) Bösewicht noch weiter runterzieht. Dass die 13 Tracks nicht nur als Konzept, sondern auch als Album funktionieren, verdanken sie dem Szenenbild, das Younge aus klebrigen Soulorgeln, leisem Barklimpern und flirrenden italienischen Nächten so klug zusammengezimmert hat, dass die Figuren damit spielen können, ohne dabei je in den Hintergrund zu geraten. "This is not the last we'll ever hear of Tony Starks/ In actuality, this is just the beginning", verspricht RZA zum Schluss. Alles andere wäre unverzeihlich.