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Tame Impala – Currents (Caroline/ Universal)

Komisch, dass da bislang noch kaum jemand darauf gekommen ist. Dass der psychedelische Rock der siebziger Jahre und die elektronische Dance-Musik aus den Neunzigern zwar vollkommen verschiedene musikalische Ansätze besaßen, aber doch ein gemeinsames Ziel: den Zuhörer in einen entkörperlichten Zustand zu versetzen. Kevin Parker scheint das verstanden zu haben. Im Alleingang erforscht der 29-jährige Australier seit 2007 unter dem Namen Tame Impala mit der Haltung eines Techno-Produzenten psychedelische Klangwelten.

Parker spielt alle Instrumente von Schlagzeug bis Gitarre selbst ein und schraubt dann aus diesen Aufnahmen im Computer die endgültigen Tracks zusammen. Das Ergebnis ist – zumindest auf seinem dritten Album Currents – erstaunlich, nicht nur weil es wie Psychedelic Rock klingt, aber die Strukturen elektronischer Musik besitzt. Was auf seinen ersten beiden Platten noch bisweilen unfertig und unausgewogen wirkte, gelangt nun zur Reife, auch weil Parker es erstmals wagt, seine eigene Stimme weiter nach vorn zu mischen und die üppigen Klanglandschaften mit infektiösen Melodien zu verzieren.

Deshalb ist Currents erst einmal zugänglicher in einem Pop-Sinne, verzichtet aber nicht auf den Detailreichtum und die Experimentierlust älterer Aufnahmen. Exemplarisch dafür ist bereits der Eröffnungssong Let It Happen: eine spröde Funk-Gitarre, an die sich eine komplexe Basslinie schmiegt, ein hitziges Schlagzeug und Parkers sanfte Stimme, die vom Loslassen singt. Plötzlich aber verschwindet der üppige Sound wie in einem schwarzen Loch, der DJ hat die Regler nach unten gefahren, damit die Tänzer kurz Atem holen können und umso mehr dem nächsten Höhepunkt entgegenfiebern, und dann setzen alle Spuren wieder ein, die Tänzer können die Arme nach oben reißen, die Nacht ist noch jung. Solche Disco-Tricks wendet Parker immer wieder an, lässt einen besonders flotten Beat bis zur monotonen Erschöpfung laufen und verfremdet seine Stimme mit dem Vocoder, vergisst traditionelle Songstrukturen und spielt lieber mit Lautstärken und Dynamiken. Er hat den Konsens zwischen Jimi Hendrix, den Beach Boys und Daft Punk gefunden, aber es ist viel mehr geworden als ein kleinster gemeinsamer Nenner.

 


© Columbia

MS MR: How Does It Feel (Columbia)

Ebenfalls in einem Club zu Hause sind MS MR. Aber ihr Club nennt sich Discotheque und ist seit 30 Jahren eigentlich schon geschlossen. Vielleicht war er auch nie geöffnet, denn die schillernde, glamouröse, pompöse Disco, die das New Yorker Duo mit How Does It Feel auferstehen lässt, gab es in dieser Reinkultur wahrscheinlich nicht einmal, als John Travolta noch keine Hüftringe mit sich herumschleppte. Aber genau so stellt man sich einen dieser Schuppen im Jahr 1978 vor, in dem Schwul und Hetero, Schwarz und Weiß, Arm und Reich zusammen fanden auf dem Tanzboden. Die Rhythmen flattern nervös, fiebrig wie schneller Sex. Die Stimmen schwirren umher wie die von Sirenen, der Bass pulsiert wie das Blut in den Adern, ein Klavier-Stakkato hämmert an den Schläfen. Darüber legt Max Hershenow in grellen Farben schillernde Synthie-Flächen und prachtvolle Bläser, während Lizzy Plapinger mit ihrer gewaltigen Disco-Diva-Stimme die eine, die wichtigste Frage stellt: Wie fühlt sich das an?

 


© Indigo

Conrad Schnitzler/Pyrolator: Con-Struct (Bureau B/ Indigo)

Als Conrad Schnitzler 2011 starb, hinterließ der Musiker und Künstler, der bei Joseph Beuys studiert hatte und als Mitglied von Tangerine Dream oder Kluster eine prägende Figur des Krautrock war, eine umfangreiche Bibliothek auf Magnetband archivierter Klänge. Daraus durften sich bereits das Produzentenduo Borngräber & Strüver und Andreas Reihse von Kreidler bedienen. Die dritte Folge der Reihe Con-Struct hat nun Kurt Dahlke gestaltet, unter dem Pseudonym Pyrolator bei Der Plan und D.A.F. aktiv und mithin selbst eine wichtige Figur der bundesdeutschen Popgeschichte.

Dahlke formt aus den Soundschnipseln aus Schnitzlers Archiv unruhige, wildverwegene Tracks, die zielsicher das Niemandsland zwischen Club und Kunsthochschule ansteuern, in dem sich Dahlke auch als Gründer des legendären Plattenlabels Ata Tak immer am liebsten bewegte. Abbrechende Beats, fieser Krach, laute Störgeräusche, monotones Pluckern, atmosphärisches Knistern, irritierend simple Melodien – und jede Struktur, die glaubt, sich einnisten zu können, wird sofort wieder zerstört. Man sollte das aber nicht als einen respektlosen Umgang mit der Krautrock-Legende Schnitzler verstehen. Eher schon rächt sich der Pyrolator, unterstützt von seinem musikalischen Vorvater, endlich an den Extrabreits und Fräulein Menkes dafür, dass die seine, die innovative Neue Deutsche Welle, mit ihrem kommerziellen Erfolg überrollten und ins Vergessen schubsten.

 


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Iron and Wine & Ben Bridwell: Sing Into My Mouth (Caroline/ Universal)

Die Wohlfühlplatte dieser Woche stammt von Sam Beam und Ben Bridwell. Die beiden, der eine unter dem Projektnamen Iron and Wine, der andere als Frontmann von Band of Horses, sind verdiente Verwalter des Americana-Erbes. Zusammen haben sie das Album Sing Into My Mouth aufgenommen, das avantgardistische Ideen nicht nötig hat, gänzlich auf Experimente verzichtet und sich voller Überzeugung auf das Erwartbare konzentriert.

Zwei Veteranen, die wissen, was sie können und niemandem mehr etwas beweisen müssen, sitzen auf der Veranda und plaudern über alte Zeiten. Als die Melodien noch schön und melancholisch waren. Als Gitarren noch gezupft wurden oder mit dem Bottleneck gespielt. Als Country noch kein Schlager war und Folkrock noch keine Stadien füllte. Erstaunlich an Sing Into My Mouth ist einzig ein Blick auf die Song-Credits. Denn die Lieder stammen, auch wenn sie verdammt nach den beiden klingen, weder von Beam noch von Bridwell. Stattdessen machen sie Kompositionen von JJ Cale, Pete Seeger oder Bonnie Raitt zu ihren eigenen. Wenn sich die beiden dann noch Stücke von Sade oder Spiritualized vorknöpfen, sind die Vorlagen endgültig kaum noch wiederzuerkennen.