© Universal Music

Vince Staples – Summertime '06 (Def Jam / Universal)

Vince Staples ist ein Textverarbeitungsprogramm, und seine Lieblingsfunktion ist Blocksatz. Fein säuberlich kommen die Buchstaben aus dem jungen kalifornischen Rapper heraus, akkurat aufgereiht zu Worten, aus denen erst Sätze werden und schließlich Geschichten. Der emotionale Ballast, der solchen Schöpfungsprozessen für gewöhnlich anhaftet, ist bei Staples weder zu hören noch zu spüren. Bestenfalls ahnt man, dass in diesem konzentrierten Beobachter und Chronisten auch ein Herz schlägt.

Dabei geht es um alles: Gangsta-Leben in Long Beach, Versteckspiele und Gewaltausbrüche um geplatzte Drogendeals, gestohlene Kindheiten und die streichelzoofreundliche Aufbereitung solcher Themen, durch die andere Rapper zu Millionären geworden sind. Staples textet mit klar artikulierter Verachtung für die Lügner und Schönfärber im Kollegium, schreckt aber auch vor Attacken auf die weißen Sensationstouristen unter seinen Hörern nicht zurück. Wer ihm nicht auf der Straße begegnen wollte, hat auch auf seiner Platte nichts verloren.

Diese Unversöhnlichkeit führt zu überwältigender Rapmusik. Summertime '06 ist das Debütalbum von Vince Staples, es zeigt ihn als fertig geformten Rapper und methodischen Erzähler, den selbst die musikfeindlich gestimmten Maschinenbeats seiner Produzenten nicht aus der Fassung bringen können. Sollten sich die Themen des 22-Jährigen zeitgerecht anfühlen, liegt das an ihrer Zeitlosigkeit: Um die Geister von Ferguson, Baltimore oder Charleston heraufzubeschwören, muss Staples niemals über den eigenen Erfahrungsschatz und die Stadtgrenzen von Long Beach hinausblicken.


 

© Cooperative

Ezra Furman – Perpetual Motion People (Bella Union / PIAS / Cooperative)

Das dritte Album von Ezra Furman ist eine Übung in Genreübungen. Auf Perpetual Motion People singt der Chaos-Songwriter aus Chicago Chaos-Popsongs über sein Leben in San Francisco, übermütig wie der junge Ben Kweller, gewitzt wie Jonathan Richman, befreit von den Regeln einer sauberen Tonstudioproduktion. Doo-Wop, Punkrock, zwei Walzer, viel Power-Pop: Auf dem Schrottplatz der amerikanischen Popmusik fährt Furman den größten Gabelstapler.

Wenn man ihm ganz genau zuhört, merkt man, dass dieser Eindruck doch nicht ganz stimmen kann. Furmans Verspieltheit klingt eigenartig ernsthaft, seine Rastlosigkeit scheint keinem besonders wachen, eher einem entnervten Geist zu entspringen. Der 28-Jährige widmet Perpetual Motion People den Verstoßenen und Verschmähten. Mit Texten, die am Rührei in seiner Pfanne und anderen Stolpersteinen des Alltags verzweifeln, stellt er sich auf die Seite der Außenseiter. Die brauchen schließlich auch ihre Sommerhits.

  

 

© Broken Silence

Corrina Repp – The Pattern Of Electricity (Caldo Verde / Discolexique / Broken Silence)

Auf die Ernsthaftigkeit von Corrina Repps Musik muss nicht gesondert hingewiesen werden. Seit Ende der neunziger Jahre veröffentlicht die Songwriterin aus Portland grübelnde, zweiflerische Indieock-Alben mit kammermusikalischen Ambitionen. Zwischenzeitlich als Teil der Band Tu Fawning, meistens aber allein und über das Label von Mark Kozelek, dem traurigsten Mittelständler in ganz Amerika.

The Pattern Of Electricity nimmt einen Faden wieder auf, der Repp vor fast zehn Jahren zerfasert war. Nach der Veröffentlichung ihres letzten Soloalbums The Absent And The Distant (2006) hatte sie Pflanzen gezüchtet, gekellnert und in der Sketch-Comedy Portlandia mitgespielt – kurzum ein normales Künstlerleben in Portland geführt. Nun schaukeln sich die Geigen hoch, als wäre nichts passiert, das Schlagzeug galoppiert auf gepolsterten Sohlen, die E-Gitarre grätscht eher sanft dazwischen. Corrina Repp möchte die lauteste leise Musik der Welt machen. Wenn es gut läuft, werden das vielleicht 200 traurige Mittelständler verstehen und ihr neues Album kaufen.


 

© Hyperdub/Cargo

DJ Rashad – 6613 EP (Hyperdub / Cargo)

Als der Produzent und Plattendreher DJ Rashad im April 2014 verstarb, wurde in manchem Nachruf gleich ein ganzes Genre beerdigt. Rashad galt als wichtigster Vertreter des Footwork. Er machte die atemlose, von Hip-Hop, House und Tanz beeinflusste Knöchelbrechermusik über die Stadtgrenzen von Chicago hinaus populär.

Inzwischen zeigt sich: Das Footwork-Erbe ist in guten Händen, Freigeister wie Traxman und JLin arbeiten an Fragmentierung und Radikalisierung des Genres. 6613, eine EP aus Rashads sagenumwobenem Beat-Archiv, bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung, ohne ein reines Nostalgieprogramm abzuspulen. Durch Kollaborationen mit den verbliebenen Mitgliedern seiner Teklife-Crew entwirft Rashad zukunftsfähige Footwork-Szenarien, die den Stil so lichtdurchlässig und poppig wie selten zuvor zeigen. Tanzmusik aus dem Grab.