BOY - We Were Here © Grönland Records

Boy – "We Were Here" (Grönland)

Die deutsche Sprache ist voller Worte der Überwältigung. "Hinreißend" ist eines, "betörend" ein anderes. Beide jedoch sind auf die schönen Dinge gebucht: Blumen, Kleider, Leichtigkeit. Wie viel Gewicht hinterm Liebreiz steckt, kommt da kaum zum Vorschein. Boy zum Beispiel, deren Debütalbum vor vier Jahren wie ein Wellnessurlaub aus der Nische des gediegenen Easy Listenings in die Aufmerksamkeitsindustrie rauschte, mögen ja hinreißenden Gitarrenpop mit betörender Sommerwindpoesie machen. Auch auf der Nachfolgeplatte schwingt abseits aller Gefälligkeit eine so tiefgründige Seinsbeschreibung mit, dass es härterer Worte bedarf, um der beiden Musikerinnen aus Hamburg und Zürich habhaft zu werden. Wo Sonja Glass und Valeska Steiner von der Einsamkeit des mobilen Lebens singen, wirkt es trotz der Engelsstimmen nie larmoyant, sondern kraftvoll. Wenn reduzierte XX-Gitarren durchs Titelstück tupfen, erhält es eine trotzige Melancholie. Und wenn das analoge Songwriting digitaler grundiert wird, klingt "betörend" zu luftig. Dann sind die beiden einfach nur überwältigend.



K.Flay – Life As A Dog © Humming Records

K.Flay – "Life As A Dog" (Humming Records)

Allein überwältigt dagegen K.Flay. Auf ihrem Debütalbum grundiert die Kalifornierin Hip-Hop mit elektronischem Eigensinn zu einem Alternative-Pop, der offenbar nur zur Entfaltung kommt, wenn man dafür dem Verwertungsbetrieb der großen Musikkonzerne entflieht. Die hatten Kristine Flaherty ja längst im Visier, als sich die Beastie Boys oder Snoop Dog ihres Sounds bedienten, den sie noch während des (erfolgreichen) Psychologiestudiums an der Elite-Uni Stanford ersann. Doch bevor die Branche ihrer impulsiven Kreativität Fesseln anlegen konnte, setzte sich K.Flay nach New York ab und produzierte fast im Alleingang Life As A Dog, ein furioses Sammelwerk lässiger Großstadtphilosophie, das Vergleiche zu M.I.A., Mattafix oder Run The Jewels nicht zu scheuen braucht. Mit ihrer auf liebliche Art aufsässigen Stimme erzählt sie in robusten Raps von der Angst, etwas zu verpassen, mehr aber noch von jener, darüber hektisch zu werden. Die großen Musikkonzerne stehen schon wieder Schlange. Hoffentlich ganz weit hinten.


Le Very – V © Zukunftsmusik

Le Very – "V" (Zukunftsmusik)

Weit vorn dürften sie bei Le Very gestanden haben: Fünf überstylte Berliner aus dem Coolnessviertel Neukölln, neben denen ortsübliche Hipster verblassen. Auf ihrem Debütalbum V bieten sie feil, wofür der Begriff Pop erfunden wurde: Mehr Hülle als Inhalt, weniger Intellekt als Spaß. Umso seltsamer, dass der kreative Kopf Nikolas Tillmann nebst Keyboarderin Naemi Simon und Milian Vogel (Drums), flankiert von zwei flamboyanten Gogo-Girls, beim Spartenlabel Zukunftsmusik gelandet sind. Nicht so seltsam ist, dass ihr Mix aus klassischer Instrumentierung und digitalem Disco-Chichi, von der Spex "very interdisziplinär" genannt, längst die Tanzböden der Metropolen erhitzt. Mit englischen Texten über, nun ja, nichts Weltbewegendes, viel Clapclap und Woohoohoo, ein paar Autoscooterorgeln und weit ausgefahrener Antenne für diverse Ursachen des Hüftwackelns, holt ihr erstes Album ein bisschen Poledance ins Wohnzimmer. Nicht vordergründig klug, nicht übertrieben prollig, irgendwie angenehmer zu hören, als einem der Intellekt weismachen will. Drauf gepfiffen.


Teen Daze – Morning World © Paper Bag Records

Teen Daze – "Morning World" (Paper Bag Records)

Pfeifen, körperlich und analog – davon wollte ein junger Mann aus Kanada, der sich bei persönlicher Ansprache Jamison nennt und auf Plattencovern Teen Daze, lange Zeit nichts hören. Seine Frühwerke, die auch nicht allzu alt sind, haben Ambient, Dubstep, Deephouse zu einer leichtfüßigen Form synthetischer Popmusik kompiliert. Vier Platten später aber geht er neuer Wege, nicht umstürzlerisch, gar revolutionär; dafür steckt zu viel der elektronischen Leichtigkeit vorheriger Alben in Morning World. Die elf Stücke aber mögen teils am Rechner generiert sein – ihre Aura ist von modernem Indiefolk geprägt, einer Mixtur aus Singer/Songwriting und Popelementen, saitenbegleitet, gesangsbasiert, eher was für die Seele als den Dancefloor. Da fragt man sich schon, was dem Mittzwanziger da wohl widerfahren ist. Vielleicht ein Erweckungserlebnis beim Yoga oder Gebirgswandern, wer weiß. Das vorgezogene Spätwerk eines ausgewiesenen Elektrofricklers jedenfalls braucht sich vor Geistesverwandten wie Family oft the Year nicht zu verstecken.


Frittenbude – Küken des Orion © Audiolith

Frittenbude – "Küken des Orion" (Audiolith)

Ebenso wenig müssen sich die Elektropunkrapper Frittenbude vor Geistesverwandten wie Brothers Keepers, Mediengruppe Telekommander oder Samy Deluxe verstecken. Gestartet 2006 als Spaßkapelle mit Antifa-Attitüde und bierzelttauglicher Poesie im niederbayerischen Bauch, hat sich das Trio spätestens seit dem Umzug nach Berlin zum Sprachrohr fein austarierter Sozialkritik gemacht, die an große Vorbilder der swingenden Linken heranreicht. Was auch daran liege, so behauptet zumindest der Texter Johannes Rögner, dass Küken des Orion alles Plakative, Parolenhafte zugunsten sublimerer Botschaften verdrängt, die sein Sprechgesang gewohnt nölig ins Unterbewusstsein massiert. "Wir sind nicht immer dagegen / aber auch selten dafür", singt er auf dem vierten Album und schildert damit die trotzige Verlorenheit linker Renitenz zwischen rassistischem Mainstream und kapitalismuskritischem Fatalismus. Vertont von Martin Steers Gitarre und dem technoiden Soundgewitter von Jakob Hägelsperger treffen Frittenbude damit exakt den Ton gleichgesinnter Rezipienten. Und die anderen? Tanzen einfach mit.