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Fidlar: Too (Pias/Wichita/Rough Trade)

Das geht raus an alle, die ihre Skateboards noch nicht zu Wandregalen umgebaut haben: Die sonnigste aller Indiepunkrockbands hat es zwischen Dosenbier-Eskapaden an Hollywoods Kunststränden und Auftritten vor ironisch Tätowierten tatsächlich geschafft, ein zweites Album aufzunehmen. Too (ha!) steckt wie schon das selbstbetitelte Debüt von vor zwei Jahren voller alberner Wortspielchen, ätzender Titel wie The Punks Are Finally Taking Acid oder Leave Me Alone und einsilbiger Schimpfwörter.

Vor allem aber haben die Kalifornier ihre grandiosen Popmelodien diesmal professionell so produzieren lassen, dass dem schrammeligen Garagensound die Lebensfreude aus wirklich jeder Nölgitarre, jedem Wüstenrockeinwurf und jedem gesprochen bis gerotztem Poppunk-Part sprüht. Die Gesangsharmonien hätten die Beach Boys nicht schöner hinbekommen, das Tambourin und die entspannten Surfgitarren stammen auch noch aus den bunten Sechzigern, aber erst Fidlar krachen so lustvoll drumherum, dass man bei der Roadtrip-Tanzparty auf der Rückbank sämtliche unangemessenen Körperteile aus dem Fenster wedeln will. Sind bald wieder Sommerferien?


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Schnipo Schranke: Satt (Buback/Indigo)

Apropos Körperteile: Dass Schnipo Schranke ihr Video zum kleinen Internethit Pisse wegen eines realen Schniepels darin von YouTube zu Vimeo verlagern mussten, ist für die PR natürlich fast so super wie die Verfassungsschutzprobleme von Feine Sahne Fischfilet, zum Glück aber noch weniger nötig. Denn auch wenn das Duo sich vor allem mit solch primitiven Methoden Fans macht, lieben die Schnipo Schranke schließlich für ihre Qualität. Die ganzen Gesänge über Körperfunktionen und Störungen muss man nicht erst intellektualisieren, weil sie schon von allein auf musikalischen Skills (Friederike Ernst und Daniela Reis kennen sich von der Musikhochschule Frankfurt) und sprachlicher Klugheit basieren.

Es geht grob um Liebe auf Satt, mal lustig und mal böse, zum größten Teil unter der Gürtellinie, aber dabei immer wieder schmerzhaft ehrlich, wie es sich reine Spaßprojekte eben nicht trauen würden. "Doch du findst mich einfach ätzend/ Ich finde dich verletzend", singen sie beispielsweise im schunkelnden Pisse und klingen dabei (weil man deutschsprachige Künstler ja nur mit deutschsprachigen Künstlern vergleicht) so ultimativ tragisch wie Nina Hagen, so altersweise wie Christiane Rösinger und so partyhart wie Knarf Rellöm. Das Schlagzeug rattert, das Klavier spielt gekonnte Ohrwurmmelodien, und zwischen cheesy Alleinunterhalterpop und minimalistischen Balladen über Sperma reimt sich viel zu viel viel zu gut: "Und da tanzen wir auf Sansibar/ Ich und du mein TV-Star/ Und selbst der Mann im Mond holt sich auf uns munter/ Einen runter." Man mag das lächerlich finden, man kann sich dazu aber auch ganz ernsthaft großartig wegpimmeln.


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Joey Cape: Stitch Puppy (Fat Wreck/Edel)

In Fat-Wreck-Kreisen reimt man traditionell höchstens mal home auf alone, was für alte Punks wie Lagwagon aber auch völlig reicht. Deren Sänger lenkt sich wie viele Kollegen gern mit Neben- und Soloprojekten von der Punkroutine ab und hat in diesem Rahmen nun sein drittes Album unter eigenem Namen aufgenommen. Darauf textet er nicht viel schlauer als in seiner Hauptband, dafür aber besonders gefühlvoll.

Wer Frank Turner einerseits zu englisch, zu erfolgreich oder zu hübsch findet, City And Colour aber andererseits zu zartbesaitet, bekommt mit Stitch Puppy genau das richtige klavierbegleitete Stück Singer-Songwriter-Folklore für einsame Abende zu Hause. Gelegentlich lehnt Cape sich zwar allzu sehr in den schönen Kitsch, findet dann aber doch meist noch rechtzeitig in angemessen kuschelige Akustikgitarrenballaden und flotte Cowboygeschichten, um sich ein paar Zentimeter von all den Kollegen abzuheben. Zurückhaltende geschrammelte Indiepopsongs wie Spill My Guts oder Moral Compass kann man auch dann guten Gewissens spielen, wenn man schon sehr lange keine Hoodies mit Rückendruck mehr trägt.



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Lambert: Stay In The Dark (Staatsakt/Caroline)

Und noch was zum absoluten Runterkommen: Das neue Album von Lambert heißt nicht nur Stay In The Dark, weil der anonyme Komponist sich immer noch hinter einer hölzernen Antilopenmaske versteckt oder weil er es nachts aufgenommen hat, wenn er mit Filmsoundtracks und Coverversionen von Popsongs durch war. Sondern vor allem, weil man die zarten Klavierstücke darauf unter keinen Umständen der Sonne aussetzen sollte. Viel zu schüchtern blicken die Melodien ums Eck, blinzeln vorsichtig ins Mondlicht und huschen dann schnell wieder in den absoluten Schatten, um dort erleichtert aufzuatmen.

So bescheiden das auch klingt, die zwölf Songs haben volle Aufmerksamkeit verdient. Es geht darum, ihnen in die Nacht zu folgen, wo Lambert mal flink wie im Schwarzteerausch die Tonleiter hinaufstürmt, um auf dem nächsten Absatz vor Erschöpfung ans Geländer zu sinken. Für große Gesten ist im Dunkeln kein Platz, aber die kleinen führt er so sorgfältig aus, dass man im Spiel aus Leise und ganz Leise, aus Funkeln und Kreisen und Ruhen beinahe glaubt, sehen zu können.