© Holo Rec./​ SPV

Buddy Buxbaum – Unkaputtbar (Holo Rec./ SPV)

Er ist vielleicht nicht eben Syd Barrett, aber ein paar Parallelen hat die Karriere von Buddy Buxbaum dann doch vorzuweisen. Der Vorsänger von Pink Floyd verabschiedete sich vor dem ganz großen Erfolg in den Wahnsinn; der in Polen geborene Frontmann und Beatbastler von Deichkind zog sich, noch bevor seine Ex-Band als Party-Eingreiftruppe tatsächlich abhob, immerhin ins Privatleben zurück. Und während Barrett sich ausgiebig der Gärtnerei widmete, schickt uns Buxbaum nun zu einem Termin im Park.

Der Song, der der Überforderung des modernen Menschen eine diffuse Absage an alles und besonders einen bekifft schlürfenden Rhythmus entgegensetzt, darf programmatisch verstanden werden für das Comeback-Album Unkaputtbar. Denn auch in allen anderen Stücken geht es meist darum, gar nichts zu tun oder irgendwas herzerfrischend Sinnloses oder den ganzen Quatsch gleich auf morgen zu verschieben, anstatt sich dem ermüdenden Alltag zu stellen, während die Musik pulsiert und puckert, wogt und wabert wie ein Wackelpudding auf Ausgang.

Wenn man Unkaputtbar hört, versteht man sofort, warum Buxbaum einst bei Deichkind ausgestiegen ist: Im Gegensatz zu seiner ehemaligen Band, die mit bulligen Elektro-Beats die großen Festivals in Wallung versetzt, klingt dieses Comeback extrem organisch. Auch das Rappen hat der mittlerweile 38-jährige Hamburger vorerst aufgegeben. Stattdessen singt er mit einer Stimme, die nicht nur in ihrem hingenuschelten Duktus an Udo Lindenberg erinnert. Auch die an der Sprechsprache orientierten Texte wirken bisweilen wie eine aktualisierte Ausgabe des großen alten Mannes mit Hut. Nein, Buddy Buxbaum ist kein Syd Barrett. Zum Glück, denn sonst wäre uns diese unvergleichlich entspannte, wundervoll hirnverbrannte Sommerplatte entgangen.



© Vertigo Berlin/​ Universal

Chefket – Nachtmensch (Vertigo Berlin/ Universal)

Das Gegenteil zum Laissez-faire eines Buddy Buxbaum serviert uns Chefket. Gleich zu Beginn seines neuen Albums Nachtmensch demonstriert der Berliner Rapper erst einmal, dass er das, was man in der Branche die Skills nennt, ausnehmend gut beherrscht. Da fliegen die Silben wie vom Schnellfeuergewehr abgeschossen, fügen sich wie selbstverständlich zu Reimen, Wortspielen und Metaphern. "Ich bin der Skillionär", rappt Chefket, der eigentlich Şevket Dirican heißt und in Heidenheim aufgewachsen ist.

Aber Rappen ist nicht alles, was er kann: Chefket ist auch ein begnadeter Sänger und muss sich keine Mietstimme ins Studio holen, um sich schicke Refrains einsingen zu lassen. Doch gerade aus diesem Talent macht er auf Nachtmensch zu wenig. Fast scheint es, als hätte er Angst, als seelenvoller Sänger von der Rap-Gemeinde nicht ernst genommen zu werden, und übt sich – wenn auch zum Glück stets mit einem, ihn von der breiten Masse abhebenden Twist – in der genreüblichen Selbstverortung als bester, größter und schönster Rapper im Game. Doch über den mal jazzig verrauchten, mal kräftig pumpenden Beats des Hamburger Produzenten Farhot, der mit Haftbefehls Hit Chabos wissen, wer der Babo ist bekannt wurde, läuft Chefket vor allem dann zu großer Form auf, wenn er sich Themen wie der allgemeinen Ruhelosigkeit (im Titelsong) oder den eigenen Kopfschmerzen (Kater) widmet. Da kann er seine – im Hip-Hop immer noch viel zu seltene – einfühlsame Ironie am effektivsten einsetzen.



© Oblivion/​ SPV

Gabi Delgado – 2 (Oblivion/ SPV)

Eine ganz andere Sorte Humor hat bekanntlich Gabi Delgado-López. Die Stimme der aktuell gerade mal wieder angeblich allerletzte Abschiedskonzerte spielenden Deutsch-Amerikanischen Freundschaft legt sein zumindest vom Umfang her schwergewichtiges Solo-Album 2 vor. Die insgesamt 32 Tracks bestehen aus ziemlich genau der elektronischen Marschmusik, mit der DAF schon vor mehr als drei Jahrzehnten die Grundlage für Techno legten. Darüber bellt das ehemalige Gastarbeiterkind, das mittlerweile wieder in Spanien lebt, ganz ähnliche Provokationen, wie sie damals Deutschland schockierten. Delgado fordert eine "neue deutsche Clubmusik", befiehlt Zerstör die Disco oder ergeht sich in S/M-Fantasien. Er analysiert "die Lage der Nation", behauptet "Sex und Drogen und Liebe machen glücklich" und singt ein Loblied auf den Erdbeerkuchen. Alles erwartbar. Erstaunlich ist, dass das bisweilen indifferente Spiel mit faschistischer Ästhetik, sexualisierten Metaphern und Party als Religionsersatz immer noch zu irritieren versteht.



© Four Music/​ Sony

Madsen – Kompass (Four Music/ Sony)

Im Vergleich zum Altherren-Techno-Punk von Delgado wirkt der mittelalte Indie-Punk von Madsen uralt. Die Brüder-Combo aus dem Wendland hat auf ihrem sechsten Album Kompass jeden Charme, den sie womöglich einmal besessen hat, verloren. Die juvenile Verunsicherung, die einst aus dem heiseren Gebrüll von Johannes Madsen sprach, ist verschwunden und hat einer bräsigen Selbstvergewisserung und peinsamen Reimen wie "Ich war nie wirklich ein Rebell/ Aber Du machst mich kriminell" Platz gemacht. Während der brachiale Punk von einst bedenklich ins Schweinerockige zu lappen beginnt, umarmen Madsen ihr Publikum mit derselben Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Geste, auf die auch jemand wie Unheilig seinen unheimlichen Erfolg baut. "Was immer Dich quält, Du bist nicht allein", plärrt Johannes Madsen  – und man denkt doch nur: Lieber allein als mit Madsen.