Spätestens wenn dieser trockene Wind über das ganze Land weht und alle schon vormittags schwitzen, ist es an der Zeit, sich Gedanken über den Sommerhit des Jahres zu machen. Ganz unwissenschaftlich, nur stichprobenartig. Für alles andere ist es zu heiß.

Samstagmorgen in Berlin. Wie heiß der Tag noch wird, lässt sich am einfachsten an den Einkäufen an einer Kreuzberger Tankstelle ablesen: eindeutig Holzkohle, nicht Benzin, ist dieser Tage der Treibstoff. Während an der Kasse Sack und Geld die Besitzer wechseln, erzählt jemand im Formatradio von Freddie Mercurys Touren durchs Münchner Nachtleben und kündigt ein altes Queen-Lied aus den frühen Neunzigern an. Draußen, neben der Waschanlage, parkt ein minimal aufgemotzter Opel mit offenen Türen. Der Besitzer staubsaugt gegen einen Technobeat. 

Nur ein paar Hundert Meter die Straße entlang liegt das Prinzenbad. Die Menschenschlange vor den Drehkreuzen verrät, warum das Freibad als Stimmungsbarometer kein schlechter Ort sein kann: Arabische, deutsche, türkische Familien, sogenannte Kreuzberger Originale, Rentner, Studenten und jede Menge Schulkinder mit Sommerferien-Hummeln im Hintern warten auf Einlass. Drinnen weht chlorhaltige Augustfrische über die Liegewiese und der Wind ruft den ersten Sommerhit ins Gedächtnis: Kinderlachen. Laut und so komplett unbekümmert, wie man ihn nur in den großen Ferien hört.

Die Dramaturgie eines Freibadbesuchs ist ja der eines Popkonzertes nicht unähnlich: Man bezahlt beim Reingehen, gibt seine Tasche ab, und von da an ist alles auf maximale Unterhaltung ausgelegt. In der Umkleide, auf der Liegewiese, am Beckenrand, überall finden kleine, geschlossene Darbietungen statt. Unser Ausgangspunkt auf der Suche nach dem Pop 2015: der Pommeskiosk. Wo (keine Überraschung) ein Riesenandrang herrscht. Aber (sehr überraschend) keine Musik läuft. Nicht ein Ton. Warum das so ist? Moment, sagt der Kassierer, da müsse er den Chef holen.

"Wer will wissen, warum hier keine Musik läuft?", fragt der Kioskbetreiber. Die geäußerte Verwunderung darüber, dass im Freibad-Laden keine Musik läuft, um für Stimmung zu sorgen und die Leute herzulocken, versteht er nur zu gut. Aber: "Wenn ich hier Radio laufen lassen würde oder nur einer der Mitarbeiter den falschen Klingelton auf dem Handy hat, muss ich sieben Prozent von meinem Umsatz an die Gema abtreten." Dann lieber kein Las Ketchup in der Pommesbude.

Mit ihrem Ketchup Song landete besagte spanische Girlgroup den Sommerhit 2002. Aber wodurch zeichnet sich so einer überhaupt aus? Im besten Fall ist er eine Art Brennglas für das, was man im Juni-Juli-August erlebt: Im Flimmern des Sommers lässt der Song alles noch viel größer und bedeutender erscheinen, als es im Grunde wirklich war. Man hört das eine Lied und erlaubt sich, für dreieinhalb Minuten noch verliebter, abenteuerlustiger, trauriger zu sein. Nehmen wir einen Song wie Daft Punks Get Lucky zum Beispiel. Der ermuntert unterbewusst, bis zum Umfallen zu tanzen, freche Küsse zu verteilen – oder die Tage runterzuzählen, bis die Abende wieder kürzer werden und die Sehnsucht noch größer.

Gemütszustand einer Nation

Nur ganz selten schafft es ein Lied, das am See, im Park, am Strand, im Autoradio und an der Tankstelle rauf- und runterläuft, sogar so etwas wie den Gemütszustand einer Nation einzufangen. Ein großes Unterfangen, zuletzt ist es vor 13 Jahren Herbert Grönemeyer mit Mensch geglückt. Durch das Leid der Oderflut und der daraus resultierenden kollektiven Machtlosigkeit gegenüber dem Willen der Natur und der Bürokratie erlebte der Song eine gewisse politische Aufladung. Zumal Sommerhits normalerweise reine Poppralinen der Marke Harmlos sind: Sie bieten Projektionsflächen für lange Nächte voller Unschuld, Verlangen und Sehnsüchten. Soziale Realität zu thematisieren, gehört nicht oft zu ihrem Aufgabenfeld. 

Gibt es nun also den einen Song, auf den sich alle einigen können? Eine spontane Umfrage unter den Kioskkunden im Sommerbad deutet auf ein klares Nein. Lauter Namen fallen, selten mit Doppelnennung (außer Ed Sheeran und Andreas Bourani): Jason Derulo, Robin Schulz, Sarah Connor, Cro, Avicii, David Guetta, One Direction, Anna Naklab, Haftbefehl, ein paar schräge Vögel halten sogar den Remix von I follow rivers (2012) immer noch für aktuell, und natürlich fehlt der Name Helene Fischer nicht. 

Drei Sachen fallen auf: Kaum einer der Befragten hat den passenden Titel parat ("na, der eine Song halt"), es wird wieder viel deutsche Musik gehört, und die Spezies Sommerhit hat im Zweifel das Problem, dass inzwischen 52 Wochen im Jahr über mehrere Jahre hinweg Sommer ist. Atemlos durch die Nacht (veröffentlicht im November 2013) funktioniert in der Skihütte in Ischgl, beim Karneval in Köln, beim Weinfest an Ostern in Uerdingen und im Juli auf Mallorca  – und rettet sich so in der Wahrnehmung von 2013 in den Sommer 2015 hinüber. Der Sommerhit, von dieser Faustformel muss man sich verabschieden, steht in keinem sommerlichen Kontext mehr.

Ein Hit, der keinen Namen hat

Am Rand der Liegewiese, wo ein paar Studenten eine Slackline zwischen zwei Bäume gespannt haben und auch sonst Work und Life geschickt ausbalancieren, rollt verbotenerweise ein Fußball. "Ich wüsste nicht, welcher diesen Sommer der eine Song sein soll", sagt Nils. Er kommt aus Niedersachsen, ist seit drei Jahren in Berlin und arbeitet als Fotograf.  "Ich höre in Cafés ständig diese Lieder, die alle gleich klingen: super flauschiger Elektropop, mit diesen nervigen Saxofon-Soli vom PC." Nils nennt die nicht mehr ganz brandheiße Tocotronic-Single Rebel Boy als Sommerhit 2015. Sein Kumpel Ed aus Glasgow entscheidet sich für Gosh von Jamie xx. Katharina, die neben den beiden mit einer Freundin auf einem baywatchroten Handtuch liegt, versucht etwas hilflos, ihren Sommerhit vorzusummen. Auch ihr fallen weder Name noch Interpret ein. Dafür kann sie mit fünf Aprikosen jonglieren und zieht sich noch charmant aus der Affäre, als sie sich danach mit dem wissenden Halbsatz "danke sehr, ain’t nobody makes me feel this way" unterm Applaus der Umstehenden verneigt.

Der Chaka-Khan-Hit Ain’t Nobody in der Musikstudentenversion von Felix Jaehn kommt nicht überall gut an. Mathias, der Mittfuffziger, wie er sich selbst bezeichnet, ist ein Kreuzberger vom alten Schlage. Anti, anti und nochmal anti "diesen neumodischen Kram und die ganze Hipsterscheiße". Er sei 500 Meter von hier aufgewachsen, lebe mit Unterbrechung seit 38 Jahren in Kreuzberg. Er verzieht das Gesicht bei der Frage nach seinem Sommerhit. Solche Fußgängerzonen-Stimmungsbilder sind natürlich nichts für einen Mann, der "damals Bowie und Iggy" beim Gemüsetürken ums Eck über den Weg gelaufen sein will. Er überlegt lange, streicht sich ein paar Schweißperlen von den gleichmäßig gebräunten Unterarmen, sagt dann: Loudon Wainwright III, Swimming Song. Das Lied ist gefühlt nur unwesentlich jünger als Bowie und Iggy zusammen. "Egal. So ein simples Lied über alles, was den Sommer ausmacht, müssen diese ganzen Pfeifen erst einmal zustande bringen…"

Mütter blasen ihren Kindern die Schwimmhilfen auf, ein Vater cremt die dürren Beine seiner erschöpften Jungs ein. Sie sind müde, ihre Augen trotzdem so riesig wie die Spritzer aus der Mayo-Kanone am Grillstand. Wie im Swimming Song haben sie das noch alles vor sich: das Schwimmenlernen, von dem das Lied vordergründig erzählt. Irgendwann im Leben werden sie Ausdauer beweisen und zeigen müssen, dass sie nicht untergehen und sich gegen Widerstände behaupten können. Wainwrights Stimme hat etwas Resignierendes, durch die Zeilen schimmert jedoch ein hoffnungsvoller Unterton. Wer nie reinspringt, deutet er an, wird nie untergehen. Aber auch nie oben schwimmen.

Besteigen des Sprungturms

Schneller Ortswechsel am späten Nachmittag. Ein paar Kilometer vom Kreuzberger Sommerbad befindet sich das durch diverse Polizeieinsätze in die Schlagzeilen geratene Sommerbad Neukölln am Columbiadamm. Hier kann man noch einmal einem ganz anderen Inszenierungsritual beiwohnen: dem Besteigen des Sprungturmes.

Die Bademeister haben allesamt Schrankformat. Die Halbstarken, deren Eltern allzumeist eingewandert sind, werden in der Schlange zum Zehner von den Aufsehern bevorzugt in der jeweiligen Landessprache zusammengefaltet. Oberste Regel am Turm: Stil vor Talent. Der Sprung muss krachen, lieber mit Salto vom Dreier, als sich schnurgerade vom Zehner fallen lassen. Am Beckenrand sitzen die Minibabos und geben Anweisungen: "Hassan, mach Köpper."

Einsfuffzig große, spindeldürre Vielfliegerkids sind die Stars. Die neun Stufen zum Sprungturm nehmen sie in drei Schritten, oft rennen sie gleich bis zum Brettende durch und segeln Hals über Kopf wie ein umgeschnipstes Kartenhaus ins Blau. Wie Steine fallen sie ins Becken. Wenn sie eintauchen, setzen physikalische Gesetze für einen Wimpernschlag aus, das verdrängte Wasser spritzt in Zeitlupe in die Luft. Es ist unglaublich schön anzusehen. Ihre Unbekümmertheit ist atemberaubend. Welche Musik hören diese Akrobaten?

Natürlich und ausschließlich Rap. Ayoug, Dennis, Karim und Ramzi sitzen mit triefenden Nasen und nassen Haaren auf ihren Handtüchern. Sie sind alle zwölf oder 13 Jahre alt. Sie diktieren dem Reporter, was gerade angesagt ist: KC Rebell, Kay One, Kurdo, MoTrip, Summer Cem, Olexesh ("der ist schon krass"), und als hundsgemeinen Test für die Lügenpresse ebenfalls den Namen Mia Khalifa, eine amerikanische Pornodarstellerin mit libanesischen Wurzeln. Neue Musik finden die Vier über Facebook, anhören tun sie sich die Tracks auf YouTube. Geld für Musik geben sie nicht aus. Wie also heißt ihr Lieblingssong, in dem der Sommer 2015 steckt? "Verhaftet wegen sexy", sagt Dennis. Für fast zwei Minuten kriegen sie sich vor Lachen nicht mehr ein. Sie kennen nur den Spruch. Dass der Song von Olli Schulz und Bernd Begemann stammt, wissen sie nicht. "Wer soll das sein?"

Die vier sind der Hit des Tages. Gelangweilt stehen sie auf, sie wollen zum Kiosk. Ob der Reporter auf die Sachen aufpassen könne? Wenn einer da ranwolle – "Hurensohn" sei das Codewort, sagt einer der vier. Auch das ist Freibad-Pop: 1 Meter 50 klein sein, den Dicken markieren und sich dann für zwei Euro saure Haribo-Gurken am Imbiss kaufen.  

Der Sommerhit 2015 hat jedenfalls einen schweren Stand. Kein Song ist für alle da, altes wird recycelt oder sogar noch für aktuell gehalten. Na, und die cool kids hören eh etwas ganz anderes. Vielleicht ist das Lied des Sommers auch gar kein Lied, sondern nur ein einfacher Satz, den schon Freddie Mercury kannte: These are the days of our lives.

Wie dieses Video zeigt, könnte ein Sommerhit der Zukunft auch das Schwimmen in Flüssen sein:

Freischwimmen - In die Spree springen New York will es, München auch. Flussbaden in der Stadt soll wieder zum Alltag werden. Eine Berliner Bürgerinitiative hat Ideen, wie das in der Spree möglich wird.