Der Blues-Arbeiter

Know what I mean, sagt Dan Auerbach. Er sagt es nicht zum ersten Mal. Er wird es nicht zum letzten Mal sagen. Know what I mean. Es ist weniger eine Frage, eher eine Feststellung. Eine bloße Floskel ist es auch nicht. Know what I mean, das sagt Dan Auerbach immer dann, wenn er daran scheitert, zu erklären, was denn so magisch ist an seiner Musik oder was das Geheimnis seines Erfolgs ist. Know what I mean, sagt er und meint wohl ungefähr: So ganz genau kann man das nicht erklären. Und eigentlich will ich das auch nicht erklären.

Das ist schade. Denn viele wüssten zu gern, wie Dan Auerbach das gemacht hat. Mit seiner Stammband The Black Keys nicht nur den Blues aus der Versenkung zu holen, sondern ihn mit einem unerwarteten Massenappeal zu versehen. In seiner Nebenbeschäftigung als Musikproduzent einerseits ein untrügliches Gespür für hoffnungsvollen Nachwuchs zu beweisen, aber trotzdem einen Altmeister wie Dr. John in die Moderne zu führen. Und nun auch noch mit seinem neuen Projekt The Arcs ein ziemlich großartiges Album zu produzieren, das endgültig beweist, dass Auerbach nicht nur spartanischen Blues kann, sondern auch blumige Psychedelia, epische, soundtrackartige Americana, selbst Soul und sogar unverschämt eingängige Popmusik.

Trotz des einigermaßen überraschenden stilistischen Wandels ist Yours, Dreamily aber auch ein gutes Beispiel, wie das Musikmachen in der Welt von Dan Auerbach funktioniert. Know what I mean, sagt er, der Satz steht einsam in der Stille der Suite in einem Berliner Nobelhotel, in die seine Plattenfirma geladen hat. The Arcs, das seien Musiker, die er schon seit Jahren kennt. Und deshalb hat man halt auch zusammen Musik gemacht, Songs geschrieben, Songs aufgenommen, und irgendwann war klar, das ist jetzt doch eine Band. "Es gab keinen Plan", sagt er, "es gibt nie einen Plan". Man solle, sagt Auerbach, nicht glauben, er hätte in seiner ganzen Musikerkarriere "irgendetwas getan, was nicht organisch entstanden" sei, verstehste?

Der Plan, den es nicht gab, ist allerdings hervorragend aufgegangen. Im Jahr 2001 gründet der Gitarrist und Sänger Auerbach mit Schlagzeuger Patrick Carney The Black Keys. Die beiden kennen sich aus der Schule in ihrer wenig glamourösen Heimatstadt Akron, Ohio, und sie spielen ihren knarzenden Bluesrock in jedem Club, der sie auf die Bühne lässt. 2002 erscheint ihr erstes Album und geht unter. Der Nachfolger wird immerhin schon in den australischen Charts notiert. Mit jeder Tournee, mit jedem Album werden die Black Keys bekannter, der Durchbruch gelingt schließlich 2010 mit Brothers. Das Meisterwerk El Camino erreicht ein Jahr später Platz zwei der US-Charts, 2014 steigt das bislang letzte Album Turn Blue bis auf die Spitzenposition. Auf einen Singlehit warten Auerbach und Carney bis heute, aber dafür füllen sie Stadien, spielen als Hauptattraktion bei den großen Festivals und müssen sich von Jack White dafür beschimpfen lassen, sie würden nur ernten, was er, der sich selbst gern als großer Sachwalter des Blues inszeniert, gesät habe.

Eine These, die kaum haltbar ist. Zwar wurde der vier Jahre ältere White mit The White Stripes vor den Black Keys bekannt, aber der als verschlossen geltende, für seine wortkargen Interviews gefürchtete Auerbach werkelte in Akron über die Jahre "sehr zurückgezogen und fast entfremdet von meiner Umwelt" an seiner eigenen Musik. Eine These, zu der man Auerbach, der an diesem wolkenverhangenen Vormittag auch in der Hotelsuite tapfer Sonnenbrille trägt, aber leider auch nicht direkt befragen kann. Das Thema Jack White ist tabu, auch weil das Verhältnis zwischen den Rockstars mittlerweile zum beliebten Thema in der Boulevardpresse aufgestiegen ist und zusätzlich dadurch verkompliziert wird, dass beider Kinder dieselbe Schule in Nashville besuchen.

Suche nach dem zeitlosen Klang

Dass sich Auerbach überhaupt mit solchen Promi-Problemen herumschlagen muss, ist Ergebnis einer Erfolgsgeschichte, wie sie im kriselnden Popgeschäft eigentlich nicht mehr geschrieben wird. Eine Band, die – so klischeehaft das sein mag – mit Geduld und Beharrungsvermögen einfach immer weitermacht, bis der Erfolg kommt, ist nicht mehr vorgesehen in der schönen neuen digitalen Welt. Die Einstellung, dass Musik vor allem erst einmal Arbeit ist, hat Auerbach auch nach dem Durchbruch und seinem Umzug aus Akron in die Country-Hauptstadt Nashville vor fünf Jahren beibehalten. "Ich behandele die Musik wie einen Job", sagt er. "Ich glaube nicht an die Muse, die vorbeischaut und Küsse verteilt. Für mich ist das Arbeit." Jeden Tag geht er in das Studio, das er eingerichtet hat, "und wenn ich nicht etwas fertig kriege, dann fühle ich mich nicht gut. Ich hasse es, Zeit im Studio zu verschwenden".

In diesem Studio entsteht immer wieder ein Sound, der zeitgemäß, aber doch nicht modisch klingt. Egal, ob Auerbach zusammen mit Carney Material für The Black Keys aufnimmt, egal ob er bislang noch eher unbekannte Bands wie Jeff the Brotherhood oder The Growlers, Country-Sängerinnen wie Nikki Lane oder Singer-Songwriter wie Ray LaMontagne produziert, ob er mit Dr. John oder unlängst der Retropop-Diva Lana Del Rey arbeitet: Seine Produktionen zeichnet kein einheitliches Klangbild aus, es gibt keinen typischen Auerbach-Sound. Aber keine seiner Produktionen schielt auf den Zeitgeist. "Meine Aufnahmen haben einen anderen Ton, einen anderen Charakter", sagt er. "Es gibt Musik, die gemacht wird aus Liebe zur Musik, weil sich jemand ausdrücken will. Und dann gibt es noch Musik, die wird gemacht, um Musik zu verkaufen, jedes Gefühl mit Zuckerguss überzieht und das Ganze in aktuelle Referenzen verpackt, um möglichst heutig zu klingen. Und Musik, die sehr heutig klingt, läuft Gefahr, schnell altmodisch zu klingen. Ich möchte nie eine Platte machen, der man anhört, in welchem Jahr sie aufgenommen wurde. Ich möchte nicht einem einzelnen Genre oder einer Ära zugeordnet werden. Ich möchte zeitlos klingen."

Studioarbeit lohnt sich kaum noch

Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Suche nach diesem zeitlosen Klang spielt dann doch wieder die Arbeit im Studio. Auerbach besteht darauf, dass seine Klienten ihre Songs zum Großteil live einspielen. Ein Verfahren, das nur noch selten angewandt wird, so von Moses Schneider, dem Berliner Produzenten solcher Bands wie Beatsteaks oder Tocotronic, das aber – vor allem im Vergleich zu Musik, die im Takt des technokratischen Click-Track eingespielt wurde – einen organischen, nachgerade menschlichen Gesamteindruck schafft. "I'm old enough to know the game, but pushing buttons now is all that keeps me sane", singt Auerbach auf Yours, Dreamily, als wollte er seine Produzententätigkeit kommentieren: Ich bin alt und erfahren, vertrau mir, ich bin vielleicht ein wenig verschroben, aber ich weiß, was ich mache.

Mindestens ebenso verantwortlich dafür, dass seine Produktionen wie aus der Zeit gefallen klingen, ist aber auch das Studio selbst. "Früher hatten Studios einen eigenen Klang, einen Charakter, es gab auch einen regionalen Aspekt", sagt er, "heutzutage klingen alle Studios gleich und fast alle gleich schlecht. Schon weil jeder dasselbe Mischpult hat". Sein Easy Eye Sound Studio, findet Auerbach, besitzt so einen eigenen Charakter. In ihm finden sich zwar auch die Errungenschaften des digitalen Zeitalters, die Computer und Pro-Tools. Aber eben auch altgedientes Equipment aus vergangenen Zeiten, Röhrenverstärker und altersschwache Synthesizer oder Drum Machines. Manches Gerät funktioniert nur noch mangelhaft, denn seine freie Zeit verbringt Auerbach am liebsten auf Flohmärkten, in Second-Hand-Shops oder im Internet, wo er nach gebrauchtem Equipment sucht. Diese Liebe zum Detail ist nicht mehr weit verbreitet, weil sich Studioarbeit kaum noch lohnt, weil immer weniger Musik verkauft wird und das Geld mit dem Live-Geschäft verdient wird. Aber Auerbach gibt sich noch Mühe, es sind auch die Fundstücke, die sein Studio, sagt er, "zum besten Studio der Welt" machen. Einen Moment lang ist man versucht, das tatsächlich zu glauben. Dann lacht Dan Auerbach kurz auf, es klingt eher wie ein Ziegenmeckern, know what I mean.

"Yours, Dreamily" von The Arcs ist bei Nonesuch/Warner erschienen. Die Band spielt am 5. November in Köln und am 6. November in Berlin.