Wenn in diesen Tagen die neuen Alben von Slayer und Iron Maiden erscheinen, kann man leicht das Zeitgefühl verlieren: Ist es 1990? 2005? 2015? Das geschieht, weil beide Bands seit mehr als dreißig Jahren Platten veröffentlichen, und weil die auch heute so klingen, wie sie im Jahr 1991 geklungen hätten. Im Metal ist es noch ein Verkaufsargument, dass das neue Album "unverwechselbar Slayer" sei oder zu "hundert Prozent nach Iron Maiden" klinge. Stilistische Starrköpfigkeit ist im traditionellen Metal ein Zeichen von Standhaftigkeit – und diese ist, der Name sagt es schon, dem Metal wichtig gegen die allerorts erwartete Flexibilität.

Iron Maidens The Book of Souls ist das sechzehnte Album der Band, die vor genau vierzig Jahren in London gegründet wurde. Slayer gründeten sich 1981 in Huntington Beach. Repentless ist ihr elftes Studioalbum und das erste nach dem alkoholbedingten Tod des Gitarristen und Songwriters Jeff Hanneman. Und beide Alben, so viel war zu erwarten, klingen so offensichtlich nach beiden Bands, dass man entweder die Konsequenz bewundern kann oder sich darüber ärgern, wie das Progressive, das Extreme und Subversive dieses Sounds mittlerweile zur Marke geworden ist wie Coca Cola. Beide Bands nahmen in den Achtzigern sehr einflussreiche, originelle und vor allem exzellente Alben auf, stolperten in den Neunzigern in relative Bedeutungslosigkeit und haben seit den 2000ern wieder größeren Erfolg und eine wachsende Fangemeinde.

In Berlin-Kreuzberg wurden kürzlich die Werbeplakate von Iron Maiden, die das Untotengesicht des Bandmaskottchens Eddie zeigten, mit anderen Plakaten überklebt. Auf denen beschwerten sich besorgte Eltern, dass solche Bilder nicht auf Schulwegen hängen dürften, weil sie die Kinder ängstigten. Das war ein letztes Aufbäumen der weltfremden Spießer in der Raumstation Kreuzberg. Im Grunde sind die Ästhetik und der Sound des Metal seit Jahrzehnten ein kanonisiertes Kulturgut, und es war kaum vorstellbar, dass es überhaupt noch Menschen gibt, die das schockiert.

Das gilt auch für Slayers Thrash Metal, der unzählige Bands des extremen Metals geprägt und Stile wie Black- und Death Metal erst denkbar gemacht hat. Sie klangen damals heftiger, die Gitarren waren tiefer, das Schlagzeug raste, an hohen oder gar klaren Gesang war kaum zu denken und auch die Ästhetik überbot das Comicmäßige und irgendwie auch Süßliche der englischen Vorreiter wie Iron Maiden und Judas Priest, indem es Satanismus, Massenmörder und Josef Mengele als Sujet wählte.

Eine Weile waren Slayer so etwas wie die böseste Band der Welt. Nun, 30 Jahre später ist es erstaunlich, wie satt und wie langweilig ihr ehemals extremer Metal sein kann, das zeigt das sehr egale Repentless eindrucksvoll. Slayer klingen trotz wiederholter Anleihen bei moderneren Metalspielarten, die an den unsäglichen Metalcore, die prolligste und intellektuell bescheidenste harte Gitarrenmusik der letzten zehn Jahre erinnern, alt und kraftlos.  

Bemerkenswert scheußliche Soli

Noch immer stört ganz besonders das Streberhafte, das Virtuose, das sich bloß nie der Atmosphäre unterordnen will oder auch nur: dem Song. Die Gitarrensoli sind eine Ansprache: Guckt mal, was ich kann! Schneller, komplexer, usw. Es nervt maßlos. Die bestimmende Idee des Punk, dass jeder Mensch ein Musiker ist, spielt in der Selbstoptimierungs-Metal-Maschine der Hochgeschwindigkeitsgitarristen (es sind wirklich nur Männer) keine Rolle. Hier kommt das Konservatorium zurück in die Popkultur.    

Und Slayer fügen ihrer Sammlung bemerkenswert scheußlicher Soli ein paar weitere furchtbare hinzu, man höre nur jenes in Implode. Das alles klingt nach Dienst nach Vorschrift, fantasielos und leer, das ist Max Webers Entzauberung der Welt mit den Mitteln der Metalbürokratie. Keiner stellt sich mehr die Frage warum; man macht es halt, weil man es schon immer so gemacht hat.

Seit Jahrzehnten hat der Metal mit dem Problem zu kämpfen, dass die besonders treuen Fans jede zu große Distanzierung von den Wurzeln und der eigenen Tradition als Blasphemie verstehen. Im Metal ist die Treue zur Tradition und zum Standard – mitunter ist der selbstgesetzt, siehe Iron Maiden und Slayer – die wichtigste Währung. 

Quetsch noch einen Ton dazwischen!

Die Anekdote, dass Metallica zu Zeiten des Albums Load dafür scharf kritisiert wurden, dass sie sich die Haare abgeschnitten hatten, sagt durchaus etwas über die Engstirnigkeit und die Regression innerhalb des Metal aus. Die Überzeugung, dass Kunst über den Status Quo hinausdenken kann und soll, wird im traditionellen Metal abgelöst von der Idee der Perfektionierung des einmal Gefundenen. "Werde besser und schneller, quetsch noch einen Ton dazwischen und zeig‘ das auf der Bühne" ist die Logik.

Das ist nicht weit weg vom kapitalistischen Optimierungsdiskurs, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten immer weiter zu perfektionieren hat. Es ist kein Zufall, dass die Entscheidung, wer der neue Bassist bei Metallica werden soll, nicht nur in einem Casting ermittelt wird – die Reservearmee steht also permanent in Stellung – sondern dieses auch von einem Kamerateam begleitet wird –  zu sehen in der gelungenen Doku Some Kind of Monster