Iron Maidens Sänger Bruce Dickinson © Warner Music


Der traditionelle Metal kann sich noch als kritisch oder gar subversiv präsentieren, weil er sich schon immer kämpferisch gab. Schon in seinen Anfängen bei Black Sabbath Ende der Sechziger war er gegen die harmonieliebende Gegenkultur der Hippies gerichtet. Im frühen Metal stand der Krach, der direkt aus der proletarischen Lebenswelt der englischen Fabriken stammt, dafür ein, dass sich eben nicht alles durch ein bisschen Flower Power und Lagerfeuerfolk regeln lässt. Aber, und das ist entscheidend, im Versuch schneller, härter, schwärzer, böser zu werden, zeigt sich noch immer ein protestantisches Arbeitsethos am Werk, das sich im möglichst geschickten Handwerk am Instrument ausdrückt und in eine endlose Wiederholung der immergleichen Symbole, T-Shirts, Riffs und Sujets führt.

Während der zeitgenössische Pop sich an einer Zerstreuung des ganzen Identitätsfetisches versucht, während er bei unzähligen Künstlern bis zum Mainstream Lady Gagas und Miley Cyrus‘ Grenzen einzureißen versucht und Möglichkeiten potenziert, ist der traditionelle Metal bloß die Feier des unangepassten und sich selbst ewig treuen Ichs. Seine Kulturkritik zeigt sich als starrköpfige Opposition zum Rest der angeblich so angepassten Gesellschaft. Die soll entweder geschockt werden durchs möglichst böse Böse-Sein oder man beschäftigt sich gar nicht mehr mit ihr, wie im Fantasy-Bombast einer Band wie Blind Guardian. Ästhetisch und politisch ist das Ergebnis Stillstand.    

Superpoppiger, satanischer Gottesdienst

Das heißt freilich nicht, so viel Ausgewogenheit muss sein, dass dies so sein muss. In den letzten Jahren sind es vor allem Bands wie die größenwahnsinnigen Metaphysiker Liturgy oder die Existenzialisten Bosse-de-Nage und Deafheaven, die sich Einflüsse aus dem Black Metal holen und dessen rasende Drums und flirrende Tremologitarren mit dem Pathos des Postrocks und Shoegaze verbinden, die einen vitalen und überwältigenden Sound erschaffen. Sie machen auch nicht den Fehler, sich in einer fiktionalen Welt einzuschließen.

Das Album The Satanist der polnischen Death-Metal-Band Behemoth ist gleichermaßen komplex wie extrem. Virtuosität ist hier allein interessant als Vervielfältigung der Möglichkeiten und: Sie dient dem Song. Auch der superpoppige Sound der Schweden von Ghost ist mit seiner satanischen Nachstellung eines Gottesdienstes und den passenden Texten über die Unterwerfung unter ein Höheres – trotz so deutlicher Anleihen bei den Klassikern – viel weiter und innovativer, als der Festhallenfüllende Metal-Mainstream von Slayer bis Megadeth.   

Und wie steht es nun um Iron Maiden? Die haben, das muss man zum Schluss zugeben, mit The Book of Souls kein schlechtes Album aufgenommen. Im Gegensatz zu Slayer setzten Iron Maiden schon immer auf Melodie und die große Hook, beides ist altersunabhängig. Die ewige Suche nach Härte und Toughness hingegen zermürbt offenbar mit den Jahren, Slayer nimmt man das Muskelspiel nicht mehr ab, Maiden die Schwärmerei schon.

The Book of Souls hat wieder große Melodien, The Great Unknown bringt einen Refrain zustande, wie ihn Iron Maiden seit dem Album Brave New World vor 15 Jahren nicht mehr hinbekommen haben. Auch das galoppierende When the River Runs Deep ist nicht schlechter als ein Hit aus den Achtzigern. The Book of Souls holt dafür, dass es wenig anders macht, viel heraus. Und doch erscheint es schwer vorstellbar, dass eine Band wie Maiden ein solches Experiment, einen solch großen Schritt vom vorherigen Material, wie es sich Miley Cyrus gerade mit dem psychedelisch-quietschbunten und sehr weggetretenen neuen Album Miley Cyrus and Her Dead Petz erlaubt hat, wagen könnte und würde.