© Virgin/ Universal

Romano – Jenseits von Köpenick (Virgin/ Universal)

Herzlich Willkommen in Köpenick! Kennen Sie nicht? Macht nichts! Romano führt sie herum. An den Ecken stehen die kleinkriminellen Rapper, vorm Imbiss quatschen die Hartzies, am Ufer der Spree üben die Skater, und die Omas sind kurz davor, eine Bank abzufackeln. Unser Reiseführer trägt die Haare zu feinen Zöpfen geflochten, mischt hemmungslos die Stile von Hip-Hop über Metal und Techno bis deutschen Schlager, und spielt geschickt mit Geschlechteridentitäten und Vorurteilen.

Roman Geike ist der neueste Hype aus der Hauptstadt. Sein nun erscheinendes Album ist das Dokument einer Liebe zu dem Bezirk, in dem er geboren ist, aufwuchs und immer noch lebt. Nicht nur wegen des Songs Köpenick, dessen Text demnächst im Lonely Planet stehen könnte, sondern vor allem auch, weil er eine musikalische Idee entwirft, die so wohl tatsächlich nur an einem von Hipstern und Stildiktatoren verschonten Ort wie Köpenick entstehen kann. Das brachiale Metalkutte steht gleichberechtigt neben dem hitzig vibrierenden Heiß heiß Baby, das rebellische Brenn die Bank ab neben dem versöhnlichen Klaps auf den Po, das hemmungslos kitschige Romano & Julia neben dem stumpf bollernden Sextrain.

Rap steht neben Schlager, Metal neben Dancehall, prolliger Techno neben distinguiertem Dubsteb, links neben konservativ. Romano reißt Genregrenzen nicht nieder, er ignoriert sie ebenso wie seine Nachbarn in Köpenick, denen es eins ist, ob sie von Sido, Helene Fischer oder Siriusmo, dem Elektro-Produzenten und alten Romano-Kumpel, der für den Großteil der Tracks auf Jenseits von Köpenick verantwortlich ist, gut unterhalten werden.



© 4AD/ Beggars Group/ Indigo

Beirut – No No No (4AD/ Beggars Group/ Indigo)

Auch Zach Condon ist eigentlich ein Reiseführer. Er hat nicht nur im Namen seines Projekts Beirut und in Songtiteln auf die große weite Welt verwiesen, hat einen nicht nur mitgenommen in seine Heimatstadt Santa Fe, sondern auch nach Bratislava, Nantes oder East Harlem, er hat sogar Brandenburg nicht ausgelassen und Postcards from Italy verschickt. Musikalisch hat er stimmungsvolle Americana mit Einflüssen vom Balkan oder aus dem Chanson zu einer ganz eigenen Melange erweitert. Auch das neue Album No No No, das erste nach einer vierjährigen Pause, in der Condon Scheidung und Burnout, Tourabsage und Schreibblockade überwunden hat, beginnt mit einem dieser Songs, die eine Reisedestination im Titel führen: Gibraltar. Nicht dort allerdings, sondern in der Türkei hat Condon diesmal viel Zeit verbracht. Eine neue Liebe hat ihn an den Bosporus geführt, zu hören ist das auf No No No aber nicht. Wie – ebenso  erstaunlicherweise – auch nicht die Tatsache, dass das mittlerweile 29-jährige Wunderkind erstmals seine Songs nicht im Alleingang zusammengeschraubt, sondern zusammen mit einer Band erarbeitet hat. Tatsächlich ist die Stimmung wie gewohnt leicht melancholisch, die Melodien sind raumgreifend, und wieder hat man den Eindruck, eine rumänische Hochzeitskapelle würde versuchen, Country-Klassiker zu spielen. Vor allem den typischen Beirut-Rhythmus, diesen schlürfenden, aber doch in die Beine gehenden Marsch, konnte der Tour-Guide seinen neuen Mitspielern erfolgreich vermitteln. Zum Glück.



© Warner

Kwabs – Love+War (Warner)

Aus dem längst unübersichtlichen Meer an Retro-Soul-Sängern und Sängerinnen stach Kwabs heraus, weil er mit Walk aus dem Stand einen Nummer-eins-Hit in Deutschland landen konnte. Sein nun nach immer neuen Verzögerungen endlich erscheinendes Debütalbum zeigt: Neben dem immer noch sehr ansteckenden Walk gibt es kaum einen Grund, warum Kwabs nicht wieder in den Fluten versinken sollte. Love+War ist solider R 'n' B , der mit knackigen Dance-Beats auf Moderne getrimmt wird, aber in diesem Genre sind Hits nun mal die einzige Währung, die zählt. Und davon hat Love+War zu wenige.



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Vögel die Erde essen – Besuch von innen (Kreismusik/ Soulfood)

Mit Hits haben Vögel die Erde essen kein Problem. Die Berliner Band wird – da muss man kein allzu talentierter Prophet sein – niemals einen Chart-Erfolg landen. Zu hektisch, zu konfus, zu komplex sind die Stücke auf ihrem Debüt Besuch von innen, irritierend in Struktur und Text. Das Trio aus dem Umfeld von Käptn Peng und die Orakel von Delphi, dem ebenfalls ziemlich durchgeknallten Rap-Projekt des Schauspielers Robert Gwisdek, verkündet Radioaktivität ist gut für mich, während die Gitarren Amok laufen. Gitarrenrock ist es auch nicht, eher schon Metal, aber irgendwie auch nicht richtig. Songs heißen Gotischer Sakralbau und handeln auch tatsächlich davon, klingen dann aber zumindest im Refrain wie ein Protestsong von Ton Steine Scherben. Es kann auch psychedelisch zugehen oder jazzig oder dubbig, manchmal ist es einfach dämlich, dann wieder sehr lustig, zwischendurch auch bloß erwartbar öder Indierock. Keine Ahnung, was das ist, was das soll oder sein will, aber es klingt, äh, so interessant wie eine Reise durch ein zwar nicht sonderlich gastfreundliches, auch nicht immer schönes Land, die aber trotzdem spannend ist, weil man das Land noch nicht kennt. So.