Eine dieser Großveranstaltungen ist das Lollapalooza-Festival, das am vergangenen Wochenende auf dem stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof zum ersten Mal in Deutschland stattfand. Der Rockmusiker Perry Farrell rief es zu Beginn der neunziger Jahre ins Leben, eigentlich um seiner Band Jane's Addiction eine einmalige Abschiedstour durch die USA und Kanada zu bereiten. Wie so oft im Rock 'n' Roll blieb es weder bei Einmaligkeit noch Abschied. Lollapaloozas gibt es inzwischen auf drei Kontinenten. Jane's Addiction sind schon seit Jahren wieder sporadisch aktiv.

Beim Berliner Lollapalooza gehörten Muse und die Beatsteaks zu den Hauptattraktionen: verlässliche Arbeitstiere, die den finanziellen Erfolg des Festivals sichern und bestehende Herrschaftsverhältnisse im Rock 'n' Roll zementieren. Für etwas Ruchlosigkeit sollten am Samstagabend die Libertines sorgen. Von ihnen war keines der durchchoreografierten Pyrotechnik- und Laserspektakel zu erwarten, das bei Festival-Headlinern inzwischen zum Programm gehört. Von ihnen wird nur erwartet, dass sie überhaupt auftauchen.

Im Zweitverwertungszirkus angekommen

Zweimal hatte das zuletzt nicht geklappt, Konzerte in London und Manchester mussten wegen eines medizinischen Notfalls ausfallen. In Berlin läuft es nur unwesentlich besser. Während ihrer inkohärenten 90-Minuten-Show ist vom schlampigen Genie der jungen Libertines nur mehr die Schlampigkeit zu sehen. Doherty und Barât singen meist in dasselbe Mikrofon, eine obligatorische Geste, ein Rock-'n'-Roll-Klischee. Es soll den Zusammenhalt einer Band beschwören, in der an diesem Abend jeder für sich selbst spielt.

Die Libertines bekommen dafür, was sie verdienen: Sie werden aufgenommen in den Nostalgie- und Zweitverwertungszirkus des Musikgeschäfts, von Katastrophentouristen beklatscht als Urmels aus dem Eis der Rockmusik. Bestraft wird aber nicht nur die Band, sondern auch der Rock 'n' Roll. Seinen Auftrag als Stimmungsbarometer und Kommentarfunktion erfüllt er nur noch im Umgang mit der eigenen Geschichte. Deshalb klingt er so realitätsfern, selbstbezogen und langweilig wie zuletzt am Anfang der nuller Jahre – als die Libertines der Rockmusik schon einmal die Rettung verweigerten. Damals konnten sie nicht anders. Heute können sie es nicht mehr besser.

 "Anthems For Doomed Youth" von The Libertines ist erschienen bei Virgin/EMI/Universal.