Es ist ein Novum der Musikgeschichte: Zum ersten Mal soll eine Band den Rock 'n' Roll zum zweiten Mal retten. Eigentlich war das immer ein Job für junge Musiker: Sie sind meist verwegener, aufmüpfiger und belastbarer als frühere Retter. Jetzt aber sind The Libertines dran, eine Gruppe, die vor 13 Jahren schon einmal dran war. Anthems For Doomed Youth heißt ihr neues Album, das erste seit 2004. Die Rückkehr des Draufgängertums in die Rockmusik erhofft man sich davon, einen Sieg der Unvernunft über die Spießigkeit. Die Rettung eines Genres – und eigentlich einer ganzen Welt –, die sich zuletzt immer braver und biederer präsentiert hatte.

Gab es jemals eine Strömung in der Unterhaltungsmusik, die nörgeliger und bedürftiger war als der Rock 'n' Roll mit seinen ewigen Rettungsversuchen und -versprechen? Gibt es da überhaupt noch etwas zu retten? Und ausgerechnet von den Libertines? Man stellt sich solche Fragen heute wieder, obwohl sie der Band um Carl Barât und Peter Doherty schon einmal egal waren. In ihrer Sturm-und-Drang-Phase, zwischen 2002 und 2004, gehörte es zu ihren wichtigsten Eigenschaften, dass sie kein Interesse daran hatte, irgendetwas oder irgendwen zu retten. Sich selbst eingeschlossen.

Die Libertines spielten die beste Wegwerfmusik der Welt. Sie verbrauchten Instrumente, Melodien, viel Geld und ihre eigenen Körper, umhüllten sich mit einer Wolke aus Chaos und traten plötzlich daraus hervor, um Songs von kurzlebiger Klarheit und Unbesiegbarkeit zu singen. Gleichzeitig ließen sie keine Mythologisierung ihrer Geschichte zu, weil sie das Aufgebaute immer wieder selbst mit dem Arsch einrissen. Mal gab es zwei Versionen der Band, mal gar keine, mal beklaute einer den anderen. Alles geschenkt. Die Libertines waren glaubhaft und wahrhaftig für den Moment gemacht. Es war vollkommen klar, dass es sie nicht für immer geben könnte.

Unüberhörbar gezähmt

Aber kann es wenigstens diesen Moment noch einmal geben? Anthems For Doomed Youth weiß es auch nicht so recht. Es sind unverkennbar die Libertines, die durch die zwölf Songs des Albums schludern und schrammeln, auf bierschaumglitschigen Umfallrefrains ausrutschen und einmal kurz am Klavier aufschluchzen. Sie klingen jedoch unüberhörbar gezähmt, vielleicht vom Produzenten Jake Gosling, der sonst bei Ed Sheeran und One Direction die Linientreue überwacht. Es ist schwierig, diesen Vollprofi nicht als Aufpasser zu verstehen, den die Plattenfirma der wenig vertrauenswürdigen Band zur Seite gestellt hat.

Erstmals scheinen die Libertines vorauszuplanen. Ihre neuen Lieder kalkulieren ein aktuelles Publikumsaufkommen ein, das die Clubshows ihrer jungen Jahre weit übertrifft. Es gibt Stadiongesänge, Mitklatschpassagen, viel "Lalala", eine holprige Reggaenummer. Außerdem einen Entstehungsmythos: Anthems For Doomed Youth wurde in einem thailändischen Fischerdorf aufgenommen, das Studio stand auf einer Schlangengrube. Die Band ließ ein Motorrad ankarren und aufheulen, sie zog durch das berüchtigte Nachtleben der Region und veranstaltete spontane Sessions, am Strand und im Meer. Man kann das alles nachlesen, aber nur das Motorrad kann man wirklich auf der fertigen Platte hören.

Die Stones machen es seit 53 Jahren so

Stattdessen zeigt sich, dass die Libertines inzwischen genauso spießig unterwegs sind wie die Gitarrenbeamten, denen sie früher auf die Schuhe gespuckt haben. Anthems For Doomed Youth folgt einem Rock-'n'-Roll-Verständnis, das auf der gleichzeitigen Glorifizierung und Verteufelung von Dekadenz und Selbstzerstörung beruht, auf Vergangenheitsverklärung, Realitätsflucht und zerbrechlichen Männerfreundschaften. Nichts daran ist neu oder unvorhersehbar. Die Rolling Stones machen es seit 53 Jahren so.

Rock 'n' Roll war einmal die Musik der jungen Leute. Er erklärte ihre Welt und gestaltete sie zugleich mit. Heute ist Rock 'n' Roll die Musik der Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen. Er beschäftigt sich vor allem mit der Verwaltung seiner Vergangenheit. Im Winter durch Best-of-Alben, Neuauflagen älterer Alben und überwiegend männlich besetzte, häufig von der Musikindustrie gesponserte Jahresbestenlisten. Im Sommer auf Festivals, bei denen sich die immer gleichen, ebenfalls überwiegend männlichen Headliner ihrer scheinbar ungebrochenen Relevanz vergewissern.