© La Vida Es Un Mus

La Misma: Kanizadi (La Vida Es Un Mus)

In Zeiten, die ein europäisches Bewusstsein beschwören und es gleichzeitig überwinden, gibt es – wie zu allen anderen Zeiten – nichts Wichtigeres als Hardcore-Punk. Der von La Misma orientiert sich grob an italienischen Bands der achtziger Jahre, hält die eigenen Texte konsequent portugiesisch und boxt sich damit seit einigen Monaten von einem New Yorker Kellerclub in den nächsten. Dabei rennen verzerrte bis quietschende Gitarren, mit Gaffa geklebtes Schlagzeug und Nay Vieira-Rosarios Schmerzgrenzen überwindender Gesang zwar meist gefährlich im Kreis und achten dabei weder auf die eigenen noch auf die Körperteile anderer Menschen, aber irgendwie geht immer alles gut aus.

Vielleicht liegt das am vergleichsweise gemächlicheren Jogging-Tempo zwischendurch, vielleicht an den gutgelaunten Ramones-Melodien überall, vielleicht aber auch an all dem Dreck in den Rillen, der grundsätzlich das bestgeschulte Publikum anzieht. Um auf hartnäckige Im-Weg-Steher zu treffen und sich ein paar bös gemeinte Ellbogenstöße zwischen die Rippen abzuholen, geht man heutzutage schließlich in die Arenen; bei den Punks ist ständige Bewegung drin.



© Trailerpark

Alligatoah: Musik ist keine Lösung (Trailerpark/Groove Attack)

Der beste Move von Alligatoah war, den neuen YouTube-Humor noch vor den neuen YouTube-Humoristen zu besetzen, und er bewegt sich bis heute kein Stück weg. Ob er theoretisch mehr Musik kann als Apecrime oder mehr Comedy als DagiBee, spielt keine Rolle. Solange er seine Altherrenwitze und die zahme Gesellschaftskritik in genauso harmlosem Rap-Schlager verpackt wie die übrigen Berufsjugendlichen.

Am besten funktioniert das noch in Denk an die Kinder, das dank des Videos auch noch die honkigsten Kids als Persiflage auf abgehalfterte Promis am Benefiz-Song-Strohhalm verstehen sollten. Dass der Charity-Backlash jetzt bald zum zehnten Mal durch ist und Jan-Delay-Imitationen auch höchstens noch so lustig sind wie Jörg Knör als Boris Becker, kann ja auf Snapchat keiner wissen.

Vermutlich macht sich der Alligatoah Lukas Strobel auch auf dem Rest seines vierten Albums über irgendwelche längst abgehandelten Themen lustig, da müsste man jetzt im Kalender nachschauen, kann aber auch einfach festhalten, dass es nervt. Irgendwas ist jedenfalls mit Wutbürgern, die meisten Witzchen wollte Heinz Erhardt eigentlich mal mit ins Grab nehmen ("Ob ich Empathie habe? Nee, geimpft!") und dass Alligatoah zwischen okayen Rap-Parts immer wieder zu Knödelgesang und mit Straßenmusikinstrumenten (Panflöte, Gniedelgitarre, Marschiertrommel) ironisch vollgestopften Refrains wechselt, muss auch irgendwas mit dem Nerv der Zeit zu tun haben. Viel Spaß dabei.



© ESGN

Freddie Gibbs: Shadow Of A Doubt (ESGN)

Zum Glück gibt es noch echte Rapper. Freddie Gibbs schert sich nicht um deutsche C-Promis, erzählt lieber von blutigen Schießereien und wurde selbst schon mal fast in einer verletzt, hat sich das Gangstertum also redlich verdient. Vor allem aber hält er sich auch auf seinem neuen Album wieder nicht mit Lächerlichkeiten wie allzu großen Hooks auf, sondern konzentriert sich auf einen möglichst untergründigen Flow; ein Schlafzimmersong wie Careless ist die große Ausnahme.

Um für Abwechslung zu sorgen, zieht Gibbs stattdessen je nach Stimmung (Drogen, Deals, Gewalt) ein melancholisches Klavier, schwere Bässe, hoffnungsvolles Vogelgezwitscher oder Gäste wie Gucci Mane, Black Thought und Dana Williams durchs Studio, das er sich von zig verschiedenen Produzenten hat richten lassen. So vielseitig das im Albumverlauf auch klingt: Wer immer noch den tragischen Helden für die Tupac-Lücke sucht, kann mit Shadow Of A Doubt schon ein bisschen was stopfen.



© Sony

Maria Mena: Growing Pains (Sony)

Apropos Lücke: Warum hat noch niemand die ProTools-Funktion erfunden, die Projekte einfach abstürzen lässt, wenn ein bestimmtes Maß an billigen Beats und noch billigerem Selbstmitleid überschritten ist? Hoffentlich ist es Maria Mena spätestens zur Veröffentlichung selbst peinlich, was sie vor lauter feuchtem Herzschmerz nach ihrer Scheidung für albumwürdige Songs gehalten hat: "I don't like being sober / That's when it hits me it's over."

Wer ähnlich verzweifelt ist, findet vielleicht in der kitschigen Klaviersingle I Don't Wanna See You With Her wenigstens einen Grund zum Mittrinken; den Rest soll sie bitte allein durchstehen. Sind schließlich ihre triefenden Streicher, ihre Stimme, die aus jedem "You" acht verschiedene Töne nacheinander rausjodelt und ihr Leben, das nach dem eingänglichen All This Time vor sieben Jahren nur noch die Norweger interessierte. Hat jemand aufgepasst, wie es dort gerade um die ESC-Kandidaten steht? Hier wäre eine Bewerbung.