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Jamie Woon – Making Time (Polydor/Universal)

Jamie Woon klingt immer wie guter alter Freund. Jemand, den man nicht dringend sehen muss, aber auch nicht missen möchte. Ein bisschen farblos. Ein wenig öde. Irgendwie immer da und wenn er da ist, ist es auch gut. Trotzdem ist es, wenn Jamie Woon singt, Soul. Sehr seltsam. Denn im Soul geht es gewöhnlich um die große Liebe zum Menschen oder die noch größere Liebe zum lieben Gott, und deshalb wird da meist gesungen, was das Zeug hält. Woon dagegen klingt auch auf seinem zweiten Album Making Time wieder nicht, als würden seine Hormone Kapriolen schlagen, sondern wie jemand, der nur mal kurz vorbei gucken wollte, um Tach zu sagen und ein bisschen auf der Couch abzuhängen.

Mit sich verrenkender und verknotender, Girlanden bindender, aber trotzdem niemals aufdringlich wirkender Stimme erzählt er dann von gemeinsamen Bekannten, meint, man sollte doch mal drüber nachdenken, was im Jahr 2023 so los sein wird, aber auch, was die Liebste wieder seinem sensiblen Herzen angetan hat.

Soweit also alles beim Alten, ansonsten aber ist Woon kaum wiederzuerkennen. Sein anderthalb Jahre altes, von Burial produziertes Debüt Mirrorwriting definierte – damals zusammen mit James Blake – ein neues Genre, indem es Soul mit avantgardistischen elektronischen Ideen zusammen brachte.

Making Time klingt nun zwar immer noch unfassbar transparent, bisweilen auch unterkühlt, aber mit seinen kräftigen Bläsern, sanften Gitarren und satten Bässe auch viel organischer. Einzelne Songs wie die Single Sharpness, die von seiner fingerschnippenden Funkyness lebt, oder Celebration, ein sehr irdischer Gospel, streifen die für Woon so typische Zurückhaltung sogar versuchsweise ganz ab. Jamie Woon hat die Chill-Out-Zone verlassen, er ist jetzt auf dem besten Wege vom Club in den Jazz-Keller.

Rekorder - Jamie Woon spielt "Sharpness" Diese Soulstimme und eine Gitarre sind genug, um alles in Schwingung zu versetzen: Der 32-jährige Brite Jamie Woon spielt seine Single "Sharpness" exklusiv in einer Akustikversion.



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CeeLo Green – Heart Blanche (Warner)

CeeLo Green hat seit der Zeit, als er zusammen mit dem Produzenten Danger Mouse unter dem Namen Gnarls Barkley die Charts weltweit stürmte, immer  mal ein langes Abendkleid getragen oder sich eine Perücke über die Glatze gezogen. Mit seinem neuen Album Heart Blanche ist die Wandlung zur Disco-Diva nun endgültig abgeschlossen.

Im Song Sign Of The Times erinnert er kaum verklausuliert an den klassischen Prince, und über dem drängenden Rhythmus von Race Against Time verkündet Green unschlagbar schlichte Weisheiten, wie sie für Disco-Hymnen typisch sind: Nobody lives forever, so come on let's have some fun. In Tonight lässt er dann alle Hemmungen fallen: Das feiste, ausladende Streicher-Arrangement und vor allem der stampfende Discofox-Beat zitieren ungebrochen den klassischen Disco-Sound der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, während Green singt: Trying to find a way to live forever. Fehlt nur noch, dass er I Will Survive anstimmt.

Aber auch so ist Heart Blanche eine liebevolle, wenn auch mitunter arg plakative Hommage an eine untergegangene Ära, die nur selten mit dem Humor relativiert wird, für den Green eigentlich bekannt ist. Den überbordenden Respekt erklärt er gleich selbst: Im Song Est. 1980s singt er ein Hohelied auf den Pop der Achtziger, gesteht seine Liebe zu Duran Duran und bittet auch gleich um Entschuldigung: I was made in the eighties.



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Robot Koch – Hypermoment (Monkeytown/ Rough Trade)

Hinter Robot Koch versteckt sich der Musiker und Produzent Robert Koch, der in den Nullerjahren mit Jahcoozi zum in Großbritannien geschätzten Berliner Lokalheroen wurde, bevor er als Produzent deutsche Popprominenz von Marteria über Casper bis Max Mutzke an internationale Standards heranführen sollte. Seit zwei Jahren lebt Koch nun in Los Angeles, bestückt dort TV-Serien wie Game of Thrones mit Songs oder darf Norah Jones remixen.

Auf seinem in seiner neuen Heimat enstandenen Solo-Album ist er dagegen denkbar weit entfernt vom Pop-Mainstream – und auch von allen sonnigen Kalifornia-Klischees. Für Hypermoment hat Koch atmosphärisch dichte Tracks programmiert, die nach Regen schmecken, nach Dunkelheit und Klaustrophobie. Mal ein Schaben, mal ein Klappern, mal pumpt der Rhythmus, dann scheint die Zeit still zu stehen. Melancholisch zerklüftete Klanglandschaften aus Klavier, alten Synthesizern und Field Recordings, durch die sich wie tiefe Täler immer wieder Melodien graben und vereinzelte Stimmen fließen. Eine dieser seltenen Stimmen ist die von Koch selbst. Erstmals singt der Produzent, versteckt sich aber hinter einem Dickicht von Effekten. Wie durch einen Schleier ist er nun zu hören.

Man könnte das psychologisch zu deuten versuchen, aber entscheidender ist: Kaum jemand sonst programmiert so abwechslungsreiche, fantasievolle, detailverliebte Electronica wie Robot Koch.



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Vert – The Days Within (Shitkatapult/ Indigo)

Was macht eigentlich Tom Waits gerade? War kaum noch zu sehen seit Monaten. Was daran liegen könnte, dass er Gestalt als Musiker Adam Butler angenommen hat. Dieser Butler, der jetzt sein neues Album unter dem Künstlernamen Vert veröffentlicht hat, klingt ganz so, als habe der mittlere Waits einen Sampler und einen Computer geschenkt bekommen. Statt schiefen Fiedeln, klapprigen Becken und falsch gestimmten Gitarren marschieren auf The Days Within nun elektronische Klänge auf, die voller Hingabe so tun, als seien sie die digitale Ausgabe von schiefen Fiedeln, klapprigen Becken und falsch gestimmten Gitarren.

In Bury Yourself bläht sich die Kakophonie schließlich zu einem großen Furz auf. Dazu singt der mittlerweile in Berlin lebende Brite zwar nicht mit einem dermaßen alkohol- und nikotingeschädigten Organ wie der Meister, aber müht sich doch um eine zwar sanfte, aber angemessen knittrige Stimme. The Days Within ist eine würdige Wiederkehr nach neun Jahren, in denen Butler der Musik abgeschworen hatte, um einen Roman zu schreiben. Da hat sich wohl einiges geändert, als Tom Waits in ihn gefahren ist – zum Glück.