Alle wollen in die Kirche. Es ist neun Uhr abends in Rom und die halbe Stadt sitzt nicht etwa gemütlich in der Trattoria, sondern drängelt, schiebt, quetscht sich durch die eiserne Pforte der Papstbasilika Sankt Paul vor den Mauern. Wirklich alle sind da. Aristokraten in Abendrobe, Studenten in Jeans, Ordensmänner in Kutten, aufwendig frisierte Damen, Signorinas auf hauchdünnen Stöckelschuhen und natürlich die  Pilger in praktischen Wetterjacken. Die vorn am Zaun sehen schon den erleuchteten Säulengang und als Wächter den steinernen Apostel mit dem Schwert, doch das Ende der Warteschlange verliert sich im Dunkeln.

Sind das alles Gläubige? Wahrscheinlich nicht, aber sie kommen in dem Glauben, dass hier am heiligen Ort noch immer eine besondere Erfahrung zu machen ist. An diesem Abend spielen die Wiener Philharmoniker Beethovens 8. Sinfonie, aber wem es nur auf musikalische Perfektion ankäme, der wäre nicht hier. Denn keine Kirche kann sich in ihrer Akustik mit einem guten Konzertsaal messen. Auch das riesige Kirchenschiff von San Paolo fuori la mura hat einen Nachhall, selbst die reinsten Töne verlieren sich im Säulenwald – aber darauf kommt es den illustren Gästen nicht an.

Einmal im Jahr gibt es in Rom das Festival Pro Musica e Arte Sacra: Wenn die besten Orchester der Welt in den Papstbasiliken spielen, dann ist aller Kirchenstreit vergessen. Dann zeigt sich: Auch die angeblich so gottlose moderne Gesellschaft hat eine große Sehnsucht nach Transzendenz, nach dem Überschreiten des profanen Daseins durch die Erfahrung des absolut Schönen, vielleicht sogar Göttlichen.

Der Blick nach oben

Schiller nannte es "Freude, schöner Götterfunken". Sein bekanntermaßen unfrommer Dichterkollege Goethe schwärmte vom "Gesang der Erzengel". Und der deutsche Papst Benedikt XVI. drückte es in einem Grußwort zum Festival so aus: "Ich bin überzeugt, dass die Musik wirklich die universale Sprache der Schönheit ist, die auf der ganzen Welt die Menschen guten Willens vereinen kann und sie dazu bewegt, den Blick nach oben zu richten." Deshalb sind also all die Leute hier. Fast jeder, der den weiten Raum der Basilika betritt, hält einen Moment überwältigt inne, ehe er auf die goldene Kuppel mit Jesus und den Evangelisten zuläuft, um den Blick "nach oben" zu richten. Um aus der begrenzten Wirklichkeit hinauszutreten ins Unbegrenzte und Unendliche.

Viele glauben offenbar noch immer, dass die Kirche der richtige Ort dafür ist. Die Kulturpessimisten mögen es bestreiten und die Traditionalisten mögen den Säkularismus unserer Zeit geißeln: die Kirchenaustrittszahlen seien schon wieder gestiegen, die Europäer glaubten an keinen Gott mehr, der Kontinent sei geistig ausgebrannt. Doch in Wirklichkeit sieht die Sache anders aus. 4.000 Gäste haben an diesem Oktoberabend den beschwerlichen Weg an den Stadtrand Roms gemacht, um in Sankt Paul vor den Mauern ein Konzert des Festivals Pro Musica e Arte Sacra zu erleben.

Große Dirigenten in alten Gotteshäusern

Das Festival, erfunden von einem deutschen Katholiken, gibt es nun seit 15 Jahren, aber von Jahr zu Jahr scheint die Begeisterung der Leute zu wachsen. Es mag an großen Dirigenten liegen wie Herbert Blomstedt, Nikolaus Harnoncourt oder Justus Frantz, an Spitzenensembles wie den Wiener Philharmonikern, den Leipziger Thomanern oder dem Chor der Sixtinischen Kapelle. Doch das Beste, das Wunderbare ist eben, dass die großen Musiker der Gegenwart in den alten Gotteshäusern spielen – vor allem in den Papstbasiliken Sankt Paul, Sankt Peter, San Giovanni in Laterano und Santa Maria Maggiore.

Wenn eine Beethoven-Sinfonie anhebt in einem dieser Herzräume der europäischen Kultur, dann weitet sich der Horizont ins Unendliche. Dann versinkt die profane Welt mit ihren Sorgen, und erlebbar wird etwas Höheres: Man kann es Schönheit nennen, Erhabenheit oder eben Gott. Joseph Ratzinger, ein leidenschaftlicher Musikliebhaber und schon vor seiner Wahl zum Papst ein Freund des Festivals,  hat einmal behauptet, dass die Musik Menschen bewege, "sich dem absolut Guten und Schönen zu öffnen, dessen tiefste Quelle Gott selbst ist". Man muss aber nicht an den Christengott glauben und man muss auch kein Fan des emeritierten Papstes sein, um zu spüren, dass er Recht hatte.