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Bernd Begemann & Die Befreiung – Eine kurze Liste mit Forderungen (Popup/ Cargo)

Bernd Begemann ist ein Unding. Ein selbstverliebter Schwätzer, der neue Platten herausbringt, auf denen dann Songs sind, die sich genauso anhören wie die auf den alten Platten. Ein aus der Zeit Gefallener, ein Relikt. Auch sein jüngstes Album hat er bloß mit seiner Band Die Befreiung und ein paar nicht allzu bekannten Gästen mit Tonbandtechnik aus der Steinzeit aufgenommen. Keine Entwicklung, keine Innovation, keine Neuigkeiten, nicht mal ein paar mickrige Elektrobeats, wie sie heutzutage doch jeder Achtjährige im Halbschlaf programmiert.

Nein, auch mit Eine kurze Liste mit Forderungen, das kommende Woche erscheint, hat sich Bernd Begemann nicht neu erfunden oder eine andere Agenda entdeckt. Es ist bloß ein neues, weiteres Begemann-Album. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, also: ziemlich viel. Denn niemand sonst in diesem Land beschreibt so pointiert die Alltagsdramen aus dem Leben von "Kleinstadt-Boy" und "Reihenhaus-Girl", die "zwischen Carports und stillen Bäumen" doch noch das Träumen gelernt haben (St. Pauli hat uns ausgespuckt) oder bringt mal schnell die konkreten Auswirkungen des Neoliberalismus auf Arbeitsverhältnisse auf den Punkt (Die Reichen haben gewonnen).

Vor allem aber erkundet der mittlerweile 53-jährige Begemann immer noch so kenntnisreich wie schonungslos die Untiefen der Liebe von der naiven Klarheit eines ersten Verschossenseins (Sie fuhr einen lila Twingo) bis zum Amateur-Porno-Dreh auf dem Parkplatz im Gewerbegebiet (Die stählernen Stufen hinab). Das alles singt Begemann in seiner quengeligen, jederzeit wiedererkennbaren Stimme, die jede eingängige Melodie so lange durchwalkt, bis aus potenziellem Hitparadenfutter garantiert schräge Mauerblümchen geworden sind. Ein Unding eigentlich, aber so wird man eben zum Unikat. Mit Eine kurze Liste mit Forderungen zementiert Bernd Begemann seinen Status als ewiger Geheimtipp und unwahrscheinlichster Popstar dieses Landes.



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David Lynch & Marek Zebrowski – Polish Night Music (PIAS Cooperative/ Sunday Best/ Rough Trade)

Wenn David Lynch Filme dreht, dann nimmt er am liebsten klassische Genre-Klischees und bricht sie so lange, bis der Zuschauer irritiert ist. Wenn David Lynch Musik macht, was regelmäßig vorkommt, wenn er für seine eigenen Filme komponiert, dann verfährt er ganz ähnlich. Auch seine beiden Solo-Alben Crazy Clown Time (2011) und The Big Dream (2013) drehten die Idee Elektropop einmal durch den Fleischwolf.

Mit dem polnischen Komponisten und Pianisten Marek Zebrowski, der als Übersetzer am Set von Lynchs bislang letztem Film Inland Empire (2006) arbeitete, hatte er 2007 Polish Night Music aufgenommen und als CD in stark limitierter Auflage herausgebracht. Nun wird das Album auf fettem Doppel-Vinyl wiederveröffentlicht. Meist verklingen in den vier improvisierten, bis zu 27 Minuten langen Stücken einsame Klavierakkorde in der unendlichen Ferne, aber wie auf der Leinwand setzt Lynch auch in der Musik der scheinbaren Idylle ein fieses Hintergrundrauschen, einen Klang entgegen, den man eher spürt, eher unterschwellig fühlt als bewusst wahrnimmt. Musik, befreit von Popkonventionen. Übrig bleibt – wie in den besten Momenten des Gruselkinos – der Schrecken vor dem Unbekannten.



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Jennylee – Right On! (Rough Trade)

Auch nicht eben allerbeste Laune verbreitet Jenny Lee Lindberg, Bassistin der allseits beliebten Indie-Band Warpaint, auf ihrem Solo-Debüt. Auf Right On! orientiert sich Jennylee – ähnlich wie ihre Stammband – am kalt-metallischen New-Wave-Sound der frühen achtziger Jahre, setzt aber – als Bassistin folgerichtig – auf deutlich diffizilere Rhythmik. Zwar gelingt es ihr meist, eine bedrohliche, mal albtraumhafte, mal eher verlorene Stimmung zu generieren, aber zu viele der Tracks dümpeln eher ereignislos vor sich hin. Wenn da nicht die vier dicken Saiten wären, mit denen Jennylee ausdauernd noch den ödesten Beat liebevoll umspielt oder geduldig knetet. Das hat seinen Reiz, trägt aber nicht unbedingt auf Albumlänge.