Das Uh und Ah der Nation

Xavier Naidoo war mal dicke mit Jürgen Klinsmann, nun ist er dicke mit dem Journalisten Jürgen Todenhöfer. Neuneinhalb Jahre liegen zwischen diesen Kapiteln, und viel ist unterdessen geschehen im Leben des Mannheimers, so scheint es jedenfalls. Was hat ihn bloß vom Fanmeilenbarden zum Protestsänger werden lassen, der in seinem neuen Lied dem Krieg den Krieg erklärt? Die Antwort darauf ist einfach kompliziert: sein eigenes Publikum.


Zur Erinnerung: "Dieser Weg wird kein leichter sein / dieser Weg wird steinig und schwer / Nicht mit vielen wirst du dir einig sein / doch dieses Leben bietet so viel mehr." So lautete der semantisch doch recht dürre Refrain, mit dem Naidoo 2006 den Nerv der Männer der Generation Karohemd traf: Vor ihnen lag eine Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land, bei der mit einem frühen, schmachvollen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft zu rechnen war – und mit lauter unangenehmen Begegnungen mit fremden Kulturen, durch die sie sich mit ein paar erbärmlichen Brocken Englisch würden hindurchkämpfen müssen. Klinsmann raus, WM absagen – so der Tenor Anfang Juni jenes Jahres. Bestimmt würde es sowieso die ganze Zeit regnen.

Die Welt war mal zu Gast bei Freunden

Vier nachtlose, heiße Wochen später aber, in denen die Karohemdmänner mit ihren neuen exotischen Kumpels aus Brasilien, Japan, Australien, zum Teil sogar aus Afrika ein einziges bierseliges Schützenfest gefeiert hatten, sah die Sache vollkommen anders aus: Mit einem Mal hatten sie, hatte ihr Land den letzten Schritt aus dem Schatten der dunklen Vergangenheit getan, über die Opa nie und Guido Knopp dafür umso öfter sprach, direkt auf Platz eins der Weltrangliste der friedfertigsten Völker. Mit einem Mal war es ihnen möglich, sich bedenkenlos Deutschlandfähnchen ans Dach ihrer Familienkombis zu klemmen. Die Welt zu Gast bei Freunden: Dieses zunächst nur von Werbestrategen oktroyierte Motto hatte sich aufs Allerkitschigste bewahrheitet, eine heile Welt, wie man sie bis dahin nur aus Imagefilmen des Landes Baden-Württemberg gekannt hatte, war Wirklichkeit geworden.

Und als ganz am Ende, auf dem Höhepunkt dieses neuartigen Musikantenstadlpatriotismus, Jürgen Klinsmann und die Seinen am Brandenburger Tor ihre Bronzemedaillen zeigten und Xavier Naidoo erneut und zum tausendsten Mal sein Lied zum Besten gab von diesem Weg, der kein leichter ist und steinig und schwer, wurde klar: Es war verdammt harte Arbeit, plötzlich so beliebt zu sein. Aber sie geht einem doch gleich viel leichter von der Hand, wenn man, wie Naidoo in seinen Songs, hinter jede Zumutung des Schicksals ein "Uh" und ein "Ah" setzt und sich ganz, ganz fest einbildet, man hätte so was wie Soul. So schien es, als hätte Deutschland 2006 seinen Marvin Gaye gefunden. Zumindest den, den es verdient.

Sind wir immer noch Freunde?

Neuneinhalb Jahre später aber ist eine ganz andere Welt über dieses Deutschland hereingebrochen, und sie taugt so gar nicht für gemeinsame Erinnerungsfotos vor der Spaßtorwand. Die Verzweifelten, die es hierher drängt, haben Meere durchquert, Angehörige darin ertrinken sehen, Zäune niedergewalzt, sie sind beladen mit all ihren Traumata und ihrer Not, und sie wollen nicht Fußball gucken, Bratwurst essen, sie suchen Schutz vor Krieg und Elend. Die große Frage ist nun: Sind wir immer noch Freunde? Schaffen wir das?

Nicht wenige derer, die sich 2006 noch so weltoffen gerierten, klemmen sich jetzt wieder ihre Fahnen sonst wohin, gehen durch Dresden, Leipzig, Köln spazieren und rufen: Bleib mir bloß weg mit dieser Welt, dieser fremden, die uns die innere Sicherheit, die Arbeitsplätze, die Turnhallen und die "Taxis" (Innenminister Thomas de Maizière) wegnehmen will! Gegen die superkomplexe Flüchtlingsproblematik setzen sie ihre unterkomplexe  Abschottungsbockigkeit.

Xavier Naidoo, der Soultribun, ging auch diesen Weg mit: Er trat bereits am 3. Oktober 2014 bei einer "Mahnwache für den Frieden" auf, einer Veranstaltung der rechtsextremen Querfront-Bewegung. Er erklärte dort, er spreche zu den "Menschen der Mahnwachen und zu den Menschen, die sich Reichsbürger nennen, weil es sind alles Systemkritiker so wie ich". Darin zeigte sich erstmals öffentlich sein unbedingter Willen, seinem Publikum treu zu bleiben respektive alles dafür zu tun, dass es ihm treu bleibt: Er folgte ihm auf diese andere Fanmeile, obschon die Bürger hier nicht mehr begeistert, sondern längst besorgt waren.  

Wellness-Buddhismus trifft Verlustangst

Diese Sorgen teilen freilich nicht alle Deutschen. Wegen seiner verbalen Entgleisungen hat ihm erst kürzlich ein anderes Publikum und dann auch die ARD die Eignung als Stellvertreter beim Eurovision Song Contest abgesprochen – wodurch Xavier Naidoo die unangenehme Situation erspart blieb, für ein Land antreten zu müssen, das es laut seiner Vermutung gar nicht gibt, hatte er doch zuvor kundgetan, Deutschland sei kein freies, sondern ein besetztes Land, da der Zwei-plus-Vier-Vertrag kein gültiger Friedensvertrag sei. Ihn nun aber als Soulstimme der Neuen Rechten einzuordnen, wäre falsch: Er ist und bleibt der Mann, der er bereits 2006 war, der die sogenannten Gefühle seiner Fans esoterisch verbrämt – und sie damit in etwas vermeintlich Leichtes, für sie jedenfalls besser Erträgliches verwandelt. Uh. Ah.

Nun sind auch die Gefühle – und Gedanken, so sie denn welche haben – der besorgten Bürger, für die Naidoo zu singen sich nicht zu schade ist, nicht unbedingt immer rechts. Sie sind manchmal sogar links, sie sind, wie so vieles in unserer seltsamen Zeit, alles und nichts zugleich: Regungen eines eklektischen Weltbildes, zusammengeklaubt aus Machwerken, Pamphleten und Facebook-Posts von Matthias Matussek, verfestigt schließlich in einer Cloud, in der nur noch das ausgespielt wird, was man ohnehin schon zu wissen meint: Dass die Welt aber mal so was von untergeht, weil "die da oben" es so wollen. Ein eskapistischer Wellness-Buddhismus trifft auf die kleingeistige Angst vor dem Verlust des so hart erarbeiteten Lebensstandards, wenn auf dem neuen Landlust-Wohnzimmertisch der Stapel mit den Büchern von Sarrazin, Ulfkotte und Pirinçci liegt. Und keine neutrale journalistische Instanz, die ohnehin längst als "Lügenpresse" disqualifiziert wurde, klärt mehr das Gebräu aus Xenophobie, Demokratiefeindlichkeit, Dummheit und wütenden Smileys.

Verirrt in Verschwörungstheorien

Wer erst einmal an Verschwörungstheorien zu glauben begonnen hat, das zeigt ein Experiment der Psychologen Michael J. Wood und Karen M. Douglas von der Universität Kent, der glaubt mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch an weitere, selbst wenn diese einander logisch ausschließen. So funktionieren Kaskaden wie diese: Die Flüchtlinge bringen uns den Terror, ganz klar, eine Armee berittener IS-Milizen wartet, den Koran und die Kalaschnikow im Anschlag, bereits vor den Toren Berlins, aber jetzt Krieg gegen den Terror zu führen, das ist auch nicht gut, weil: Was haben wir mit dem Terror zu tun? Das sollen die Flüchtlinge selber regeln, aber die trinken ja lieber Kaffee in unseren Backshops, während deutsche Soldaten für ihre Freiheit sterben – und eines Tages wir alle. Und schuld daran ist Merkel.

Betrüblich viele unserer Mitbürger haben sich in ihren konspirationistischen Meinungsgebäuden verirrt, und sie brauchen offenbar Xavier Naidoo, den Heino des Jahres 2015, um ihr Gefühlschaos auf einfache Formeln herunterzubrechen, zu denen es sich, untermalt von Synthiestreichern und Beats aus der Mannheimer Schmiede, auf der Autofahrt gut mitsummen lässt. "Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg / Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief", heißt es in Naidoos neuestem Lied, das unlängst auf der Facebook-Seite des journalistischen Freidrehers, selbsternannten IS-Insiders und Assad-Verstehers Jürgen Todenhöfer exklusiv veröffentlicht wurde. "Wer vom Krieg profitiert / Ist irritiert, wenn er sein' Propagandakrieg verliert." Auch hier wieder: Uh. Und natürlich: Ah.

Die Naidoo-Formel

Wer glaubt, dass die große Weltverschwörung im Gange sei und es sich bei der aktuellen Nachrichtenlage um eine einzige Inszenierung der CIA handelt, während wir alle mithilfe von Chemtrails unseres gesunden Menschenverstandes beraubt werden sollen und ohnehin nichts mehr sagen dürfen, der wird aus diesen vagen Zeilen schon das für ihn Richtige heraushören, wenn sein Aluhut ihm nicht die Ohren blockiert. Naidoo zieht also immer noch dieselbe Nummer durch wie 2006: Andeutungsschwangeres Geraune, das eine gesamtgesellschaftliche Stimmung aufzugreifen scheint, jedoch, ganz im Gegenteil, von ihr aufgegriffen wird. Er schreibt den Soundtrack für Leute, die sich ihrer Gefühle schämen und nach Erbauung und Affirmation suchen – und verweist sie zurück an sich selbst. Nach dem Konsum eines Naidoo-Stücks fühlen sie genauso wie zuvor, nur mit noch verheerenderer Wirkung.

Das war bei Dieser Weg noch nicht so wild, dieses Liedlein wurde ja nur mit Fußballmetaphorik aufgeladen. Bei Nie mehr Krieg allerdings soll ein naiver Singsang offenbar allen Ernstes einen Kommentar zum Weltgeschehen darstellen und wird auch so verstanden – Hunderttausende haben das Video auf Todenhöfers Seite bereits geteilt – mit der impliziten Botschaft: Endlich singt es mal einer. Dieser Umstand macht das eigentlich nicht weiter Erwähnenswerte zu einer Metapher für vieles um uns herum: Eine Esoterik der Angst erfüllt die Köpfe. Als dächten die Leute plötzlich, der Herr der Ringe sei eine Dokumentation.

Solidaritätsanzeige in der "FAZ"

Naidoos Texte übersteigen niemals das analytische Niveau nachdenklicher Sinnsprüche, die jemand vor ein Sonnenuntergangsfoto aus dem Norderney-Urlaub montiert hat. So werden sie naturgemäß zur Projektionsfläche für seine Hörer. Dieses Verfahren gilt offenbar auch Fachleuten als in der Popkultur gebräuchliches Stilmittel der Vereinfachung bis hin zur Sinnentleerung. Alles nicht so gemeint, Naidoo sei doch kein Verschwörungstheoretiker, schon gar kein Rechter, sondern ein Künstler, ein großer zumal – das wollte wohl auch die ganzseitige Anzeige aussagen, die sein Konzertveranstalter Marek Lieberberg Ende November nach der Rücknahme der ESC-Nominierung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schaltete. Überschrieben war sie mit "Menschen für Xavier Naidoo", unterschrieben von Zeitgenossen wie Til Schweiger, Mario Adorf, Jan Josef-Liefers, den Prinzen, Jan Delay, Andreas Gabalier und mehr als 100 anderen Künstlern. Als gelte es hier, sich mit einem politisch Verfolgten zu solidarisieren.

Auch wenn es ihm selbst manchmal so erscheint, während er in seinem Mannheimer Musikkeller über Deutschland grübelt: Nein, Xavier Naidoo wird nicht verfolgt, außer von seinem eigenen Publikum. Er darf alles sagen, was er denkt. Er darf es sogar singen. Aber man darf auch sagen: leider.