Santi White alias Santigold: Nur fünf Jahre jünger als Missy Elliott, aber das ist im Pop ja mindestens eine Generation. © Warner Music

White spielt mit der Verpackung von Popsongs, sie erlaubt sich Albernheiten und Übertreibungen in der Hoffnung, ihren Hörern zugleich eine Botschaft unterjubeln zu können. Auch damit steht sie in der Tradition von Missy Elliott, deren absurde Inszenierungen immer wieder subversive Absagen enthielten: an den Rap-Stereotyp des allzeit bereiten Muskelprotzes, die Sexualisierung weiblicher Popstars und jede andere Art der Vereinnahmung. Gibt White auf 99c also eine gnadenlos sorglose Version ihrer selbst, versteht sie das als Protestgeste. Sie pocht auf das Recht, sich allein über den eigenen Erfindungsreichtum zu definieren.

Anders als bei Elliott gibt es am Ende des Gedankenspiels jedoch keine aufregenden Popsongs auszupacken. White hat 99c mit aktuellen und ehemaligen Protagonisten des New Yorker Indierock aufgenommen: David Sitek von TV On The Radio und Vampire Weekends früherer Sound-Direktor Rostam Batmanglij produzierten einige Stücke, Nick Zinner von den Yeah Yeah Yeahs spielte Gitarre. Diese Kollaborateure sind nicht neu bei Santigold, ihre Beiträge bleiben berechenbar. Die Chance, auch musikalisch an Missy Elliotts Tüftel-Rap anzuschließen, lässt 99c ungenutzt.

White verpasst damit einen Trend: Junge Künstlerinnen aus England und den USA begründen ihre Karrieren schon seit vergangenem Jahr wieder vermehrt auf Teilaspekten von Elliotts weitreichendem Erbe. Die Londonerin Little Simz verzichtete für ihr Debütalbum auf jeglichen visuellen Schnickschnack und rückte stattdessen die oft unterschätzen Battle-Rap-Talente ihres Vorbilds in den Fokus. Das New Yorker Schandmaul Junglepussy beruft sich auf Elliotts Freude am Obszönen. Tink aus Chicago spürt ihrem R-'n'-B-Riecher nach und knüpft die richtigen Kontakte: Derzeit nimmt sie mit Elliotts Leib-Produzent Timbaland ihre erste Platte auf.

Die junge Kalifornierin Kamaiyah scheint jedoch ein Gesamtpaket im Sinn zu haben. Ihr Garagenupdate von Elliotts verwinkelter Eingängigkeit quillt beinahe über vor abwegigen Prahlereien: In ihrem Eingeweihten-Hit How Does It Feel fordert sie den Rücktritt aller anderen Rapper, trinkt Champagner bis zum Brechen und träumt von Statussymbolen wie einer 20 Jahre alten Spielkonsole in ihrem Einzimmerapartment. Missy Elliotts Humor und Selbstironie sind bei Kamaiyah in guten Händen. Man staunt genauso oft über sie, wie man mit ihr lacht.

Auch die quietschbunte Bildsprache von Elliott beherrscht die 20-Jährige bereits: Ihr Kleidungsstil ist eine abenteuerliche Zusammenstellung aus Ballonseide, Pelzdetails, Gangsta-Rap-Insignien und bequemen Schuhen. Daraus spricht weniger der Modegeschmack eines Kleinkindes als die Suche nach Alternativen zur aufgebrezelten Sexyness, die der US-Rap noch immer von jungen Künstlerinnen erwartet. Überlebensgroß ist bei Kamaiyah nur der Sinn fürs richtige Accessoire. Das backsteinähnliche Mobiltelefon, mit dem sie durch ihre Videos zieht, steht für eine neue Art von Hotline Bling – und stellt direkte Verbindungen zu den ikonisch ausgestatteten Clips von Missy Elliott her.

"99c" von Santigold ist erschienen bei Warner.