Wenn alles so einfach wäre, wie AnnenMayKantereit sagen, dann hätte man den Drops schnell zu Ende gelutscht. Die junge Jungsband aus Köln ist gerade überall, sie bewirbt ihr erstes Album, gibt deshalb sehr viele Interviews und sagt in fast jedem sinngemäß: "Sorry Leute, wir sind einfach nur wir selbst." Das ist ihre ultimative Tautologie, ihre Wahrheit, die immer wahr ist. Und darauf könnte man antworten: "Sorry Leute, ihr seid aber schnurzpiepige Langweiler." Alle wären bedient und könnten heute einmal früher nach Hause gehen.

Tatsächlich ist die Lage verzwickter. Es gibt Tausende Menschen, die AnnenMayKantereit schon für eine rockmusikalische Ersatzreligion hielten, als die Band noch gar keinen Plattenvertrag unterschrieben hatte. Diese Menschen warfen Geld in einen Gitarrenkoffer, den die Musikfreunde Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit in Kölner Fußgängerzonen vor sich abstellten. Diese Leute sangen Songs mit, die AnnenMayKantereit auf den nächstgrößeren Konzerten spielten – obwohl man die Lieder nur von selbst produzierten Kleinstauflagen-CDs kennen konnte. Und jetzt werden sie Alles nix Konkretes kaufen, das Debütalbum der Band, die einfach nur sie selbst ist.

Konkret bedeutet das: Einer spielt kapitänsmäßig Klavier, einer unauffällig Gitarre, und die Rhythmusgruppe – inzwischen erweitert um den Bassisten Malte Huck – versucht, nicht im Weg zu stehen. AnnenMayKantereit erinnern an die Beatsteaks, obwohl sie nicht wie die Beatsteaks klingen. Mit den Urgesteinen des Berliner Punk-Establishments teilen sie sich den Wumms und das Bummsfallera, eine gewisse Grobschlächtigkeit, die auf Festivals immer geht. Ihr Sänger Henning May singt auch so reibeisern wie der Typ von den Beatsteaks, und seine Texte sind genauso schlecht, nur auf Deutsch. Man erwartet ein Top-fünf-Album von AnnenMayKantereit, vielleicht sogar Top eins.

Ein Leben zwischen "passt schon" und "weiter geht's"

Das sind große Ziele für eine Band der kleinen Träume. Einmal gibt es Trompete und Posaune auf Alles nix Konkretes, und einmal Mundharmonika, sonst nichts Konkretes, das den üblichen Rockmusikrahmen sprengen würde. May erzählt gluckernd von Bier und Wein und Mitbewohnern, er bringt "gemeinsam einsam" als Schlagreim, reimt außerdem "wohn'n" auf "Balkon" und "Brötchen hol'n". Im Stück Pocahontas wiederholt er zehnmal den Namen Pocahontas, dazu erklingt Mumford-&-Sons-Musik. Es tue ihm leid, singt May noch, und das sollte es auch.

Immer wieder geht es auf Alles nix Konkretes um Bewegung, um Umzüge, Fernbeziehungen und lange Busfahrten. Erste Kritiker hatten deshalb schnell die Annahme zur Hand, AnnenMayKantereit seien harmlose junge Menschen, die Musik für andere harmlose junge Menschen machen. Eine Band für die Nachfahren der Generation Y, die genauso desinteressiert und unpolitisch sind wie ihre Wegbereiter, sich aber nicht mehr dafür schämen. Ist Alles nix Konkretes das Album, das diese Leute verdient haben?

Der Gedanke ist erst einmal befremdlich. Bevor man AnnenMayKantereit mit irgendeiner Form von Jugend in Verbindung bringen möchte, will man sich lieber vorstellen, so alt und verstockt zu sein, dass die Band tatsächlich zu einem sprechen könnte. Aber da tut sich nichts. Aller Bewegung zum Trotz verbreitet Alles nix Konkretes keinerlei Aufbruchsstimmung. Der Rock von AnnenMayKantereit kennt keine Risiken, das Weltbild der Musiker pendelt sich ein zwischen "passt schon" und "weiter geht's".

Sehnsucht nach echten Problemen

Nicht auszuschließen, dass darin schon der ganze Hund begraben liegt. AnnenMayKantereit singen über Veränderung, ohne etwas verändern zu wollen – und landen damit einen zeitgeistlichen Glückstreffer. Sie bezeugen, dass es überhaupt kein Problem ist, wenn man nichts zu sagen hat, solange man es ernst meint. Mit echtem Herzblut und echten Instrumenten besetzen sie ein Bedürfnis nach echten Songs über echte Menschen und deren echte Probleme. Das haut natürlich rein: Wer mittags beim Poached-Eggs-Frühstück in die erste Existenzkrise des Tages rutscht, für den ist das Konzert von AnnenMayKantereit am Abend schon wieder ein Fluchtpunkt.

Es ist nur folgerichtig, dass bei diesem Streben nach echtestmöglicher Echtheit kaum noch ins Gewicht fällt, wie unerheblich die besungenen Probleme sind. Einmal fehlt der Lattenrost unter der Matratze, einmal wird einer misstrauisch, weil es ihm immer gut geht. Alles nix Konkretes findet auch für dieses Lebensgefühl die passenden Worte der Rückversicherung. Es betet sein heimeliges Wir-sind-wir-und-du-aber-auch runter, so allumfassend und vage zugleich, dass es nicht mehr hinterfragt werden muss. Mit den Sorgen dieser Platte kann man leben wie mit einem Leberfleck am Rücken, den ohnehin niemand sieht.

 Auf diese Weise spricht die Band, die einfach nur sie selbst ist, zu Menschen, die sich da nicht mehr ganz sicher sind. Ähnliches war zuletzt vor zweieinhalb Jahren zu beobachten, als der Rapper Casper den kriselnden Großstadthipster ins Hinterland verpflanzte und seine Sehnsucht nach einem Rückzug in die geistige und geografische Provinz artikulierte. Klare Verhältnisse, einfache Antworten und auch damals schon Kratzbürstenstimme zu echten Instrumenten: Für diese Wald- und Wiesenromantik sackte Casper eine Goldene Schallplatte ein.

AnnenMayKantereit verlegen den Ort des Geschehens zurück in die Stadt, ohne das Sturzbiedere von Caspers zwischenzeitlicher Landflucht abschütteln zu können. Weiterhin geht es um hausgemachte Probleme und handgemachte Lösungsvorschläge, eine diffuse Ahnung von Orientierungslosigkeit, in der man sich doch recht gemütlich einrichten kann. Schlauer ist nachher niemand, aber jeder darf bleiben, wer er ist. Irgendwie deprimierend? Die Band der Stunde würde sagen: eigentlich ganz beruhigend.

"Alles nix Konkretes" von AnnenMayKantereit erscheint bei Vertigo Berlin / Universal.