© Universal

All Saints: Red Flag (Universal)

Was waren das noch Zeiten, bevor wir anfingen, uns als beziehungsunfähige Individualisten durchs Leben zu ringen. Um etwas zu starten, musste man das Haus verlassen, um es zu beenden wenigstens einen Post-it schreiben, und der Soundtrack dazu kam von geschlechtergetrennten Popgruppen, die ihre Gefühle tanzten. Dann machte die Jahrtausendwende alles kaputt. Wir Millenials feiern seitdem nur noch die Einzelkämpfer, die ihr Bataillon im Stich gelassen haben. Robbie nach Take That. Beyoncé nach Destiny's Child. Zayn nach One Direction.

Seit sich die All Saints 2001 getrennt haben, hat es keine der vier allein geschafft. Die jeweiligen Soloversuche verliefen vielleicht auch deshalb so unspektakulär, weil es nicht viel abzulegen gab. Kein überdrehtes Girlie-Image, keine künstliche Enthaltsamkeit, höchstens die Cargohosen, die man damals eben so trug. Die Engländerinnen galten von Anfang an als die klügere Girlgroup, die ihre soften Beziehungslieder gern durch schwarz-weiße Videos fließen ließ. So jemand muss nicht erst erwachsen werden.

Das neue Album Red Flag setzt deshalb fast nahtlos an, wo die zwei ersten Platten und der erste Comeback-Versuch 2006 aufgehört haben. Vierstimmige Harmonien und sanfte Raps ziehen sich durch Songs, die so klingen, als hätte jemand am Computer eine echte Jazzband im Hinterkopf gehabt. Es gibt Klavierparts und Momente des Afrobeats, Akustikgitarren und Sommernachtsrhythmen, Songs über Liebe und ihr Ende. In Zeiten, in denen Popmusik so viel zu sagen hat, halten sich die All Saints zurück. Ihr Album bleibt die Komfortzone für Momente, in denen man alle Netflixfilme mit Jennifer Aniston durch hat und sich immer noch nicht wieder bereit für die Welt fühlt. Viel zu kompliziert da draußen.




© Naive/Indigo)

M83: Junk (Naive/Indigo)

Die poetischste Albumtitel-Erklärung kommt in dieser Woche von Anthony Gonzalez, der Junk nach dem Weltraumschrott benannt hat, zu dem all unsere Werke irgendwann mal werden. Faszinierend findet er das, beängstigend und irgendwie auch schön. Bis es soweit ist, kreist er schon mal probeweise durch die Galaxie und hat sich dafür all seine liebsten Kuscheltiere mitgenommen.

In den Credits tauchen die schüchternen Monster vom Albumcover zwar nicht auf, ihre quetschigen Stimmen sind zwischen Disco-Groove, Traumsaxofon und halligen Synthies aber gut zu hören, wenn nicht gerade Beck oder Susanne Sundfør in den Weg hauchen. Wer nicht wusste, dass M83 eher Filmmusik für ernstere Sparten macht, würde ihn hinter sämtlichen Kinder-Titelmelodien der Siebziger und Achtziger vermuten, so problemlos kann man Junk auch direkt vorm Einschlafen noch hören, ohne davon Magendrücken zu bekommen. Und dank familienfreundlicher Songtitel wie For The Kids oder Bibi The Dog müssen nicht mal die Zensoren aufstehen.



© Warner

Frightened Rabbit: Painting Of A Panic Attack (Warner)

Das Tröstliche am Liebeskummer ist ja, dass wir irgendwann alle tot sind. Frightened Rabbit überbrücken die Zwischenzeit mit einem Klavier, das sie an eine der pittoreskeren schottischen Klippen gerollt haben. Dort stehen sie, die Augen feucht nicht nur vom Wind, Gitarre, Bass und Schlagzeug auf Lee, und tun sich selbst wahnsinnig leid. Endlich vertont es mal einer, dieses universelle Gefühl von uns Bumble-Opfern, die wir bei allem hoffnungsvollen Swipen nie den Hafen zu unserem Ankertattoo finden. Ist doch alles sinnlos.

"I have a long list of tepid disappointments", singt uns Scott Hutchison beispielsweise in An Otherwise Disappointing Life aus dem ruinierten Herzen, und wenigstens sein Highlander-Akzent bringt noch ein bisschen Sonne auf die Hügel. Ansonsten deprimiert Painting Of A Panic Attack seinen Indierock, wo es nur geht. Der Schlagzeuger muss mit Besen statt Stöcken spielen, brummende Synthies schieben das schöne Klavier noch näher an den Abgrund, und wenn Hutchison von seinen Todesträumen und dem Schmerz nach dem Aufwachen erzählt, löst sich die Membran zwischen Falsettgesang und Tränenausbruch endgültig auf. Es tut so gut, verstanden zu werden.



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Parquet Courts: Human Performance (PIAS/Invada/Rough Trade)

Parquet Courts geht es da am besten, wo andere die Nasen rümpfen. Ihr ultralässiger Retrorock spielt direkt auf der Gentrifizierungsgrenze, die Brooklyns Meinungsmacher mindestens zweimal am Tag auf dem Weg zwischen heruntergekommener Wohnung und aufgemöbelter Agentur im Industrieloft überqueren. Hier die Flohmarktteppiche im Wohnzimmer, bei denen sich die Flecken längst nicht mehr vom Muster unterscheiden lassen; da der Fünf-Dollar-Kaffee, von dem man lieber keinen Tropfen verschüttet. Parquet Courts machen alles dreckig.

Der erste Song Dust handelt ausdrücklich davon, dass wir nirgends sicher vorm Staub sind, der übrigens aus sehr ekligen Partikeln besteht, wenn man mal drüber nachdenkt. Der Rest von Human Performance führt das weiter aus. In fransigem Kifferpop mit Schellenkranz, Swagger-Cowboy-Schnulzen und einer sehr eigenen Version von Lederjackenrock mit Sprechgesang und Bongobong finden Parquet Courts tatsächlich immer genug schmutzige Körnchen, um sich direkt heimisch zu fühlen. Wer sich bei ihnen niederlassen will, macht am besten ganz entspannt die Augen zu.