Hat man eine Frage zur Musik, geht man zu Gereon Klug. Unser Autor kennt jedes Album, jede Band, weiß alles über die Songs und vor allem: Er war dabei, als Musikhistorie geschrieben wurde. Jedes Mal. Rätselhaft, aber wahr. In seiner Kolumne "Klug weiß es" offenbart er die großen Geheimnisse der Popgeschichte.

Thunder! Axl Rose hat ihn, den Satz, den er so lange suchte. "Es gibt Systeme mit der Fähigkeit, Beziehungen zu sich selbst herzustellen und diese Beziehungen zu differenzieren gegen Beziehungen zu ihrer Umwelt." Luhmann, mal wieder, schmunzelt Rose in sein Patschuli-Kopftuch. Der alte Systemrocker Niklas, der erklärt einem das komplizierte Ding mit den Beziehungen einfach immer am besten. Muss man nur lange genug im virtuell komplett aufbereiteten Zettelkasten (50.000 Einträge!) des Lüneburger Soziologen blättern. Easy to navigate, easy to understand.

Gereon Klug arbeitet als Tourmanager (Studio Braun, Rocko Schamoni), Autor (von u. a. dem Deichkind-Hit "Leider geil)" und Erfinder (des ersten essbaren Kochbuchs der Welt). Er betrieb acht Jahre in Göttingen einen Plattenladen und gründete 2007 die Hanseplatte in Hamburg. Seine Newsletter für dieses auf Hamburger Musik spezialisierte Geschäft erschienen als Buch im Verlag Haffmans & Tolkemitt: "Low Fidelity – Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream". © Benjakon

Seit bereits zwölf Jahren beschäftigt sich der ehemalige, aktuelle Ex- oder Wiedermal-Sänger von Guns N' Roses mit Soziologie. Im Fernstudium. Alle zwei Tage kommen inzwischen die Aufgaben, oft im geliebten Multiple-Choice-Verfahren. Bis zur Zwischenprüfung waren es sogar täglich Fragen, die man nach dem morgendlichen Whiskey weggurgeln musste. Interpenetration, Ego und Alter, Kontingenz. Funktionssysteme, lebende Systeme, soziale Systeme. Hat man einmal angefangen, kann man nicht mehr aufhören. Das Soziologiefieber hat Axl Rose längst gepackt. Es hat ihn gerettet in seiner unklaren Phase, die jetzt nun auch schon 22 Jahre andauert.

"Denk über das System nach!"

Nach dem Ende seiner Band steckte er jahrelang im tiefen Graben der Sinnlosigkeit. Er hatte ja alles erreicht: 100 Millionen verkaufte Platten, Rock and Roll Hall of Fame, Alkohol, Drogen mit Frauen nehmen, Frauen mit Drogen nehmen, Gewichtszunahme, Bedeutungsabnahme. Eine normale Superstarkarriere, anklopfend am Himmelstor. Drei Villen in Malibu, dreißig abgebrochene Comebacks, 300 weiche Schanker im harten Rock. Sein Hunger nach Zerstörung war gestillt, nicht einmal sein gepflegter Lockenhass brachte ihn weiter. Slash war irgendwann auch egal.

Lustigerweise brachte ihm, der zeitweise sechs Psychologen gleichzeitig beschäftigte, dann doch ein Besuch bei einem der Seelenklempner Hilfe. Der für die Hauptpsychose zuständige Dr. Mokassin empfahl ihm, mit der Selbstkreiselung aufzuhören: "Lass schlafende Hunde lügen oder lügende Hunde schlafen." – "Was? Ja, genau, beziehungsweise, wie meinen?" Der Doc blieb fordernd, lockte den aufgedunsenen Sänger mit Fragen, die Axl sich so noch nie gestellt hatte: "Wenn Du ein Glas zersingst, woraus willst Du dann trinken?" – "Ja, keine Ahnung, respektive: Einfach ein neues bestellen?" Aber so leicht ließ ihn ein Arzt, der schon Ozzy wieder in Spur gebracht hatte, nicht davon: "Denk über das System nach, in dem du atmest! Entschlüssele deine Matrix. Novemberregen, chinesische Demokratie, Illusionsgebrauch – hat das alles nicht mit allem zu tun?" – "Ja, zweifellos, ist alles von mir", denkt Axl versonnen. "Dann beobachte, nimm wahr, differenziere! Geh rein in die Philosophie! Geh dahin, wo du noch nie warst. Geh zur Uni!"

Erleuchtet durch Eigensophie

Und das hat Axl Rose gemacht. Damit es keiner bemerkt, natürlich nur im Fernstudium. Aber seitdem geht es dermaßen ab in seinem Kopf, als hätte man das ewige Rollo der Selbstzufriedenheit am Bändsel wegschnappen lassen. Axl stellt sich nun jede Frage, die ihm einfällt: Ist Rock ein körperprozessierendes System? Benutze ich die Liebe als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium? Wie kommt der Wurm in den Tequila? Das Licht des Fragestellens erhellt nun die Nächte im Haus des Sängers. Große philosophische Energie strömt ihm durch die Mähne. All seine Tatoos scheinen von innen zu leuchten. Was für ein schöner Zustand. Ein Mann ward neugeboren, erleuchtet durch Eigensophie.

Jahrelang unmöglich Erscheinendes wird nun machbar. Erst die einfachen Sachen: Eine neue Brille kaufen, die dazu passende Schlafbrille, und einen neuen Belag auf der täglichen Pizza wagen. Danach die etwas schwierigeren Dinge: Die Haut auch unter den Klamotten reinigen, die Vegetarier unter den Bediensteten grüßen, mehr ayurvedische Sitzlandschaften bestellen. Und dann sogar ein Comeback von Guns N' Roses! Mit den Feinden aus dem eigenen Bett spielen. Sogar mit dem Typen, dessen Gesicht keine von Axls letzten zwölf Frauen kennt. Eine Welttournee in den größten Stadien wird angesetzt. Axl ist einfach besser drauf als je zuvor. Er pusht sich unaufhörlich redend selbst: "Hohe Kontingenz von Ereignissen bedeutet, dass alles, was ist, auch anders sein könnte!"

Yeah, welcome to the jungle, Axl! Die neue Power wird auch wieder in Richtung seiner Urdomäne, der Musik, gelenkt: Wenn jetzt noch ein Anruf von Queen oder AC/DC käme, ob er nicht bei denen auch noch singen wolle, selbst das würde er machen! Die beiden fand er schon immer gut. Gut gelaunt segwayt Axl die leicht geschwungene Anhöhe zum Helikopterplatz empor. Heute will er sich die besten Philosphiesätze aller Zeiten in Abkürzungen tätowieren lassen. Da hell-bellt das Telefon. Als hätte er es geahnt.