© PIAS/Rough Trade

Trümmer – Interzone (PIAS/Rough Trade)

Wenn deutsche Gitarrenbands lange genug im eigenen Indie-Saft geschmort haben, widmen sie sich meistens den achtziger Jahren. Selten gehen sie dabei jedoch so konsequent vor wie Trümmer aus Hamburg. Die noch immer junge Band wagt sich mit ihrem zweiten Album Interzone sogar an den gefühlsbetonten Pop der New Romantics heran. Trümmer traumwandeln, sie schwelgen und texten mit neuer Leichtigkeit: In verkünsteltem Denglisch feiern sie zwischen "Dandys im Nebel", "betrunkenen Astronauten" und "permanent vacation" den Rausch als letzten verbliebenen Ausweg.

Interzone plädiert für Kontrollverlust und Hingabe, außerdem für die Abkehr von allzu beherzten Plädoyers. Böse Zungen könnten deshalb sagen: Trümmer wärmen die Themen einer achteinhalb Jahre alten Tocotronic-Platte mit den Mitteln einer zweieinhalb Jahre alten Ja,-Panik-Platte auf. Falsch ist das nicht, aber unerheblich. Im Eskapismus der Band steckt, auch ohne Schrammelgitarren-Verstärkung, ein ungebrochener Wille zum Aufruhr. Wo sie bisher unbedarft drauflos polterte, klimpert sie dem vernunftbetonten Zeitgeist nun mit aufreizender Blauäugigkeit entgegen.


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Brian Eno – The Ship (Warp/Rough Trade)

Brian Eno ist ein menschlicher Blitzableiter zwischen Popmusik, Technologie und Klangforschung, der weitgehend unbestrittene Erfinder der Ambient-Musik und immer interessiert daran, wie sich Handwerk, Esoterik und Zufall zu kreativen Prozessen verbinden. Gäbe es das prototypische Gegenteil eines verrückten Professors, dann wäre Eno auch das: ein Wissenschaftler ohne Eitelkeit, der selbst die abgefahrensten seiner Projekte mit klaren Gedanken und Worten erklären kann. Außerdem singt er ziemlich gerne.

Auf seinem 18. Soloalbum The Ship erinnert der Künstler nach sechs Minuten daran. Was wie ein prototypisch dröhnendes Eno-Spätwerk beginnt, wird zu einem in Zeitlupe gesungenen Seefahrerlied, das den Untergang der Titanic als ewig aktuelles Beispiel für Hochmut und Hilflosigkeit der Menschen heranzieht. Danach noch mehr Dröhn und auch etwas Fiep, Streicher, Bläser, Pauken und schließlich I'm Set Free, ein Hochglanz-Cover von The Velvet Underground, mit dem Eno eine Brücke in die Ungewissheit seines nächsten Projekts baut: "I'm set free/To find another illusion."



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Katy B – Honey (Virgin/EMI/Universal)

Als britische Clubmusik und der Pop-Mainstream zu Beginn des Jahrzehnts ihre gemeinsame Zukunft besprachen, gehörte Katy Brien zu den führenden Stimmen am Verhandlungstisch. Auf ihrem Debütalbum On A Mission lieferten Dubstep-, Grime- und Jungle-Produzenten aus dem Underground die Kulisse für Songs über Selbstbewusstsein und -betrug im Londoner Nachtleben. Die Platte warf mehrere Hit-Singles ab und verdarb Katy B schließlich die Lust am Tanzen. Für den Nachfolger Little Red kollaborierte sie mit Robbie Williams' Hilfssheriff Guy Chambers und rückte ihre Stimme in den Fokus eines powerballadigen Neuanfangs.

Katy B hat auch davon schon wieder genug. Ihr drittes Album Honey inszeniert die 26-Jährige als Rückkehr der verlorenen Tochter in den Club: Aktuelle Tonangeber wie Mr. Mitch, MssingNo und Geeneus haben verschachtelte Dance-Tracks dafür produziert, die zugleich das Dilemma der Platte illustrieren. Den distinktiven Pop-Anstrich von Katy B haben diese Stücke gar nicht mehr nötig, da sich Zugänglichkeit und Hitstreben auch im Underground längst eingenistet haben. Honey hat deshalb Momente, in denen Katy B sich auf ihrem eigenen Album im Weg zu stehen scheint.



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Aesop Rock – The Impossible Kid (Rhymesayers/Warner)

Wir schreiben das Jahr 2016, und noch immer gibt es Menschen, die sich aufregen, wenn ein Künstler seine Songs nicht selbst komponiert. Komischerweise nur bei Beyoncé und nicht bei Kendrick Lamar, aber sei's drum. Aesop Rock ist der Mann für diese Menschen, ein Rapper aus Long Island, der nicht nur seine Songs selbst schreibt, sondern sie auch selbst produziert – und überhaupt sein ganzes Außenseiter-Selbstsein mit großem Stolz zelebriert. "Party over here?", fragt er auf seinem sechsten Album The Impossible Kid und gibt die Antwort natürlich selbst: "I'll be over there."

Seit 20 Jahren veröffentlicht Aesop Rock nun Platten und hält sich ansonsten aus allem heraus. Er kann sich das erlauben, denn The Impossible Kid ist Stoff, den man nirgendwo sonst bekommt. Wort- und detailreich gerappt, voller Zwei- und Dreideutigkeiten, zusammengehalten von einer geheimen Logik, die auch den schiefsten Metaphern noch einen Sinn abtrotzt. Mit Rap-Elitarismus hat diese Könnerschaft glücklicherweise nichts zu tun: Aesop Rock ist viel zu sehr mit den eigenen Unzulänglichkeiten und Ängsten beschäftigt, als sich irgendjemandem überlegen zu fühlen.