Als er Jenny Elvers küsste, war das Schicksal von Max Gruber besiegelt. Es war zwar nur ein Filmkuss, den die Schauspielerin und der Musiker für Grubers Ein-Mann-Band Drangsal austauschten. Ein Kamerateam vom ZDF war aber trotzdem dabei. Später griffen auch andere Medien die Geschichte auf, solche vor allem, die sich eigentlich nur für Musik interessieren, wenn da auch jemand verhaftet wurde oder gestorben ist. Nicht aber, wenn irgendein Hänfling sein erstes Popvideo dreht.

Elvers und Gruber spielen die einzigen Rollen in diesem Video, es untermalt den Song Allan Align von Drangsals Debütalbum Harieschaim. Sie ist darin als Sünderin zu sehen, die ein Hotelzimmer verwüstet hat und anschließend durch den Wald irrt. Er als Priester, der Vergebung und blutrote Hostien austeilt. Irgendwann einmal könnte der verbotene Kuss, in dem die Begegnung von Elvers und Gruber mündet, als Schlüsselmoment für die Karriere von Drangsal gelten. Dabei ist er nur eine von vielen Anekdoten, die sich schon jetzt um den 22-jährigen Pop-Alleingänger ranken.

Max Gruber kommt aus Herxheim in der Pfalz und hat Drangsal nach einem Bestattungsinstitut in der Nähe benannt. Sein Vater nahm ihn mit zu Marilyn Manson, seine Mutter hat irgendwas von den Smiths auf die Füße tätowiert. In Heidelberg studierte Gruber einige Wochen lang diverse Geisteswissenschaften, dann zog er gelangweilt nach Berlin, dann verängstigt nach Leipzig. Inzwischen lebt er doch wieder in der Hauptstadt, bewohnt ein WG-Zimmer mit Laminatboden im Stadtteil Schöneberg und schmiert sich Stylingprodukte von Axe in die Haare.

Der extrovertierteste Introvertierte

All das weiß man, weil Gruber es so will. Er bürstet Drangsal auf maximale Aufmerksamkeit: Noch vor der Veröffentlichung von Harieschaim erschienen Homestorys aus Elternhaus und heutiger Wohnung, gespickt mit meinungsstarken Bonmots über vermeintliche Vorbilder und Konkurrenzbands sowie das von Gruber verhasste Hipstertreiben in Kreuzberg und Neukölln. Der Künstler geriert sich in diesen Geschichten als extrovertiertester Introvertierter aller Zeiten, als Stubenhocker, der mit aller Macht den Mainstream knacken will. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht.

Harieschaim ist sehr Reißbrett, sehr durchgestylt. Ein brachialer Gemeinschaftskraftakt von Drangsal und Markus Ganter. Mit dem Produzenten von Tocotronic, Casper und Sizarr hat Gruber die zehn Songs des Albums aufgenommen – aber mehr noch einen Sound erschaffen, den Drangsal-Sound. Puls und Schlagzeug permanent auf 180, Leidensmännergesang nach britischem Achtziger-Jahre-Vorbild, viel Plastikaroma, an den Ecken immer schön rund geschliffen. Die Fachpresse vergleicht Harieschaim nicht zu Unrecht mit Joy Division, The Cure und den Eurythmics. Strenggenommen klingt das Album aber, als versuche sich die Spider Murphy Gang an den größten Hits dieser Bands.

Joy Division fürs Kirmeszelt

Darin liegt Grubers gelungenste Provokation. Anders als seine strolchigen Interviewsticheleien ist Harieschaim tatsächlich ein riskantes Unterfangen. Indem das Album alle derzeit gültigen Geschmacksgrenzen hinter sich lässt, macht es Drangsal angreifbar, eröffnet aber auch Entfaltungsmöglichkeiten auf einem Feld, das Gruber weitgehend allein beackern kann. Als Gedankenspiel klingt "Joy Division fürs Kirmeszelt" furchtbar. Auf Platte erstaunlich mitreißend.

Harieschaim könnte Drangsal direkt in den Pop-Mainstream spülen, hoch in die Charts, wie es Gruber bereits als Ziel ausgerufen hat. Sein Weg kennt nur eine Richtung, er geht ihn ebenso konsequent, wie seine Songs offenlassen, worum es ihm damit überhaupt geht. Harieschaim reiht klassische Poprollenspiele auf, angelegt zwischen Dominanz und Unterwürfigkeit, in der Wortwahl auffallend gewaltverliebt. Dabei sind es nicht seine Worte, die Drangsal zum Popstar mit Reibungspotenzial machen. Es ist der Überschwang, mit dem er sich in sie hineinwirft. Alles andere wird Max Gruber noch früh genug um die Ohren fliegen.

"Harieschaim" von Drangsal ist erschienen bei Caroline/Universal.