Der Unterschied zwischen gut gemeint und gut gelungen entscheidet alles. Früher war Nett die kleine Schwester von Scheiße, heute heißt sie Gutgemeint. In meinungsfreudigen Zeiten meinen es doch so viele nur gut, und das haben sie dann davon. Zwei neue Kandidaten: Jean Michel Jarre, der Franzose, der im 20. Jahrhundert die elektronische Popmusik erfand (Oxygène, 1976), und Edward Snowden, der Amerikaner, der im 21. Jahrhundert NSA-Geheimnisse verriet (Prism, 2013). Fraglos zwei Personen der Zeitgeschichte, jede auf ihre Weise zu würdigen.

Snowden meinte es nur gut, als er Jarre in seinem Moskauer Exil empfing, wo er sich seit drei Jahren vor dem Zugriff der US-Behörden versteckt. Wieder wollte ihn jemand in ein Kunstprojekt einbinden. Im vergangenen Jahr war der Whistleblower Teil von Angela Richters Theaterstück Supernerds am Schauspiel Köln. Jetzt kam der Grand­sei­g­neur der Synthesizer und bat um ein bisschen akustisches Datenmaterial. Daraus entstand der Track Exit, der gerade veröffentlicht wurde und am 6. Mai auf dem zweiten Teil eines Doppelalbums erscheint, dessen erster Teil schon, nett gesagt, nicht sehr hörenswert war.

Exit klingt wie der Soundtrack zu einem pizzaschachtelüberladenen Hackerfilm aus den 2000er Jahren. Hui, so schnell rasen die Einsen und Nullen auf der Datenautobahn, buh, so dunkel ist es in diesem Internet. Man wähnt das 56K-Modem zirpen, und man sieht sie vor sich, Dr. Motte und seine orangefarbenen Alarmfreunde aus den Anfangstagen der Love Parade. Sägezähne schneiden durch Kartoffelstampf. So ging doch das Technoeinmaleins, oder?

Whistleblower-Freestyle

Auch Jean Michel Jarre meint es ja nur gut mit den Menschen im digitalen Zeitalter. Mit dem Opus Electronica 1 & 2 will der 67-Jährige das ambivalente Verhältnis der Erdbewohner zu ihren technischen Errungenschaften erkunden: die Welt in der Hosentasche einerseits, die Welt als allgegenwärtiger Spion andererseits. Diese Dialektik dürfte bekannt sein. Jedes Stück ist in Kooperation mit einem Gast entstanden. Pete Townshend, Air, Laurie Anderson und Moby gehörten zum ersten Schwung, beim zweiten sind Jeff Mills, Siriusmo, Peaches oder Yello dabei. Beeindruckende Liste, dennoch überwiegend schrecklich altbackene, uninspirierte Musik. Man stelle sich vor, Rosamunde Pilcher wolle in einem Roman Stellung zum möglicherweise bevorstehenden Brexit nehmen.

Whistleblowing ist noch kein anerkanntes Orchesterregister. Deshalb dürfen wir wohl behaupten, dass Edward Snowden der einzige Nichtmusiker ist, den Jarre eingeladen hat. Ihm ist das ganze Album gewidmet. Im neuen Exit-Track tritt nach drei Minuten binärer Hektik ein großes Ritardando ein, dann ein Gong, Einsatz Whistleblower-Freestyle:

"Why are private details that are transmitted online (...)
any different than the details of our lives that are stored in our private journals? (...)

Saying that you don’t care about the right of privacy,
because you have nothing to hide is no different
than saying that you don’t care for the freedom of speech,
because you have nothing to say.
It’s a deeply anti-social principal,
because rights are not just individual, they’re collective. (...)

And if you don’t stand up for it, then who will?"

Richtige Fragen zum falschen Sound.

Jarre misstraut digitalem Musikkonsum

Es ist grundsätzlich begrüßenswert, wenn Kulturschaffende Kritik an gesellschaftlichen Umständen üben, sei es durch klare Aussagen oder durch die kunstvolle Verweigerung derselben. Wie das gehen kann, hat Jarre Ende der sechziger Jahre in der legendären Groupe de Recherches Musicales in Paris gelernt. Damals trieben Leute wie Pierre Schaeffer, Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen oder Yannis Xenakis die europäische Avantgarde und Elektroakustik voran, Jean Michel Jarre war Teil der Clique.

Irgendwann in den vergangenen 40 Jahren ist ihm das Gespür für musikalische Widerspenstigkeiten ganz offensichtlich abhandengekommen. Er lässt jetzt lieber Snowden für sich sprechen und weiß damit den glaubwürdigsten Kritiker digitaler Verhältnisse auf seiner Seite. Jean Michel Jarre beobachtet die Auswirkungen der Digitalisierung misstrauisch. Vehement hat er sich gegen MP3s, Filesharing und Musikstreaming ausgesprochen, seit 2013 tut er das als Präsident der CISAC, einer Internationalen Vereinigung zur Vertretung der Urheberrechte von Komponisten. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ihm keiner der angefragten Musiker einen Korb geben wollte. Wenn Franz Beckenbauer zum Fußballspielen ruft, sagt man nicht nein.

Im Werbevideo zu ihrer Kollaboration erzählt Edward Snowden, wie ihm Jarres Vorschlag schmeichelte. Der Informatiker habe sich nie cool genug gefühlt für so ein Projekt. Snowden vergisst, dass er längst ein Popstar ist, bloß ohne Musik. Und das ist so viel besser als nur gut gemeint.

Bemerkenswerterweise ist "Exit" von Jean Michel Jarre und Edward Snowden zur Zeit nur bei Spotify oder Apple Music/iTunes zu hören.