© Mass Appeal

J Dilla – The Diary (Mass Appeal)

J Dilla ist von allen toten Rappern der gegenwärtigste. Seit er vor zehn Jahren im Alter von 32 an einer Blutkrankheit starb, gilt James Dewitt Yancey aus Detroit als einer der besten Produzenten der Hip-Hop-Geschichte. Posthume Veröffentlichungen erinnern immer wieder an sein schier endloses Talent, aus ein paar Loops und Samples Beats zu bauen, die ohne nerviges Retro-Getue verliebt in Soul und Funk (und Plattenknistern) sind.

J Dilla war immer auch als Rapper aktiv, oft unter dem Namen Jay Dee. Es ist diese Seite, die das lange unveröffentlichte Solo-Album The Diary nun präsentiert. Produziert wurde es bereits zwischen 2001 und 2002 und sollte bei der großen Plattenfirma MCA erscheinen. Das Label allerdings hatte sich von Dilla, der damals vor allem für seine Zusammenarbeit mit D'Angelo und anderen Neo-Soul-Künstlern bekannt war, wohl etwas anderes versprochen. Auch 15 Jahre später mag das Album all jene verschrecken, die Dilla nur als den freundlichen Zuckerbäcker der beinah-posthumen Instrumentalplatte Donuts kennen. Denn er will auf The Diary keine Soul-Skizzen basteln, bloß feiern, Scheiße reden und wütend sein.

Das ist kein Ausverkauf, sondern einfach eine andere Seite von Dilla, die er schon mit seiner Gruppe Slum Village verfolgte. Trotz des Arbeitstitels Pay Jay: Kommerz hört sich anders an. Die vier von ihm selbst produzierten Tracks schweben wie der Rest seines Werks zwischen Reduktion und Komplexität. Am meisten Aufmerksamkeit wird sicher Fuck the Police bekommen, eine nervöse Litanei mit Geigensample über Polizeigewalt, die 2016 genauso aktuell ist wie 2002 und 1988, als N.W.A zum ersten Mal dieselbe Botschaft verkündeten. Zusammen mit seinen Produzenten wie Pete Rock und Madlib dachte Dilla in alle Richtungen. Westküste steckt ebenso in dem Album wie Dirty South und New Yorker Purismus. Dilla konnte alles mit seiner eigenen Handschrift versehen. Sein Einfluss ist bis heute spürbar. Pharrells Beats für die Crack-Rapper Clipse haben hier ebenso ihren Anfang wie das soulige Frühwerk von Kanye West. All das in einem Album, das nie erschienen ist: The Diary hat keine Geschichte geschrieben, es ist einfach selber Geschichte.



© RCA

A$AP Ferg – Always Strive & Prosper (RCA)

In den zehn Jahren seit Dillas Tod hat das Internet den Hip-Hop verändert, und vor allem seine Hype-Zyklen. A$AP Ferg – zusammen mit A$AP Rocky und vielen anderen A$APs Mitglied des, richtig, A$AP Mobs aus New York – lebt seit ein paar Jahren im Zustand permanenten Beinahe-Hypes, ohne wirklich je Feuerwerke anzuzünden. Wie sein Mob-Bruder Rocky versteht er sich darin, Underground-Genres zu polieren (manche sagen auch verwässern dazu), zu mischen und in einem kommerziell ansprechenden Paket auf den Markt zu bringen.

Das neue Album Always Strive & Prosper ist tendenziell Musik für Teenager. Die können sich von der naiven Hymne Strive – "get off your ass/and create your own life" – samt EMD-Pianosample erst anfeuern und dann nach Enttäuschungen von einem düster-paranoiden Track wie World is Mind auffangen lassen. Ferg deckt alles zwischen Hood-Ballade und Liebessong ab. Damit auch für Oldschooler etwas dabei ist, hat er sich Features von Missy Elliot und Chuck D bestellt – von Letzterem für den BlackLivesMatter-Song Beautiful People, auf dem Ferg nicht gelangweilter klingen könnte. Seine Spannbreite ist nicht Eklektik, sondern kommerzielle Beliebigkeit. Nur rappen kann er. Aber das kann heute ja eigentlich jeder.



© Motor

Alice Phoebe Lou – Orbit (Motor)

Ein neuer Monat, ein neuer junger Mensch, der nach einem Aufenthalt in Amsterdam fernab der behüteten Heimat gemerkt hat, dass die moderne Welt ja nur eine Lüge ist. Jemand, der die Fesseln des Kapitalismus abgeworfen hat und jetzt frei wie ein Vogel nur für die Liebe zur Musik lebt. Kandidatin diesmal ist Alice Phoebe Lou aus Südafrika. Im bourgeoisen Bohème-Bingo räumt sie ab: Nach Waldorf-Schule und Europa-Trekking bleibt sie in Berlin hängen und wird Straßenmusikerin. Sie gewinnt sogar den inzwischen selten gewordenen Bonuspunkt für blonde Dreadlocks. Für ihr Debütalbum Orbit hat sie sich Zeit gelassen, nicht einfach das Aufnahmegerät eingeschaltet, sondern sich Gedanken über Klangarchitektur gemacht. Ab und an wirft Alice Phoebe Lou ein paar Sträusel Sixties-Pop oder Jazz in ihre Musik, meistens aber ist das Ergebnis der allseits bekannte leicht verrumpelte Akustiksound. So gefällig die Musik, so haarsträubend die Texte, über Großstadt und Träume und Großstadtträume. Wenn man nicht genau hinhört, dann kann die Platte gut "nebenbei" laufen – und dieses Nebenbei, das ist der Kapitalismus.



© Deutsche Grammophon

Rufus Wainwright – Take All My Love – 9 Shakespeare Sonnets (Deutsche Grammophon)

Wahre Exzentrik reicht nicht in der Fußgängerzone den Hut herum, sondern vertont Shakespeare-Sonette, wie Rufus Wainwright. Der Gedicht-Zyklus verfolgt ihn schon lange, es war dann – wie immer, wenn Popmusiker sich an Hochkultur versuchen – Robert Wilson, der ihn dazu brachte, sich für eine Theateraufführung an Vertonungen im größeren, sprich orchestralen Rahmen zu versuchen. Ein paar Jahre später präsentiert Wainwright mit Take All My Love jetzt die definitive Version dieser neun Adaptionen.

Damit trotz des prominenten gelben Grammophon-Logos niemand eine gewöhnliche – quasi straighte – Shakespeare-Hommage erwartet, erscheint der Künstler selbst als elisabethanische Dame. Der als Liebhaber von Oper und Schubert-Liedern bekannte Wainwright versucht sich an echter klassischer Komposition und lässt Anna Prohaska Arien singen, untermalt von französischem Orientalismus. Dann macht er mit seiner Schwester Martha aus Sonett 23 eine Rockballade und mit Florence Welch (die Maschine ist zu Hause, scheinbar) aus Sonett 29 eine plirrende Folkpopnummer. Zwischendurch rezitieren William Shatner, Carrie Fisher und Inge Keller die Quellentexte, alles grundiert von Wainwrights nicht neuer, aber konsequenter Lesart von Shakespeares Sonetten: ungeheuer merkwürdig, nicht nur unterschwellig erotisch und vor allem queer.