ZEIT ONLINE: Herr Frahm, für den Soundtrack zu Sebastian Schippers Film Victoria und Ihre anderen Alben wurden Sie von der Kritik hoch gelobt. Stört es Sie, dass man Sie nebenbei zur Galionsfigur der Neo-Klassik macht?

Nils Frahm: Stören tut es mich nicht, aber ich kann es nicht so ganz nachvollziehen. Ich spiele Klavier, ja, aber das wird auch im Jazz oder im Rock eingesetzt. Mich wegen des Klavierspielens als Musiker der Klassik zu bezeichnen, ist schwierig. Das Instrument verrät nicht viel über die Musik. Die Klassik ist zwar gewissermaßen meine musikalische Heimat, aber ich beziehe mich genauso auf Jazz oder elektronische Musik. Aus diesen verschiedenen Inspirationsquellen heraus ist etwas Neues entstanden, was die Leute halt Neo-Klassik nennen; das ist auch okay, aber ich selbst würde den Begriff nicht verwenden wollen.

ZEIT ONLINE: Wieso nicht?

Frahm: Man hat schon Strawinsky seinerzeit als Neo-Klassik bezeichnet, und unsere Musik unterscheidet sich grundsätzlich. Ich halte es für schwierig, ein Genre zu bemühen, das es schon vor ungefähr 100 Jahren gab. Neo-Klassik ist vielleicht ein Recherchefehler der Medien, die nicht wussten, dass dieser Begriff schon besetzt ist. Mein Problem mit dem Begriff der Neo-Klassik ist, dass daraus schnell ein Hype wird, der sich genauso schnell wieder auflöst.

ZEIT ONLINE: Der Hype ist Segen und Fluch?

Frahm: Man wird gierig und dann schnell satt. Jeder versucht, auf den Neo-Klassik-Zug aufzuspringen und die Deutungshoheit zu erlangen. Ich weiß aber gar nicht, ob es viel zu deuten gibt. Es gibt ein so großes Angebot an Musikhörern, dass man sich als Musiker für jeden Weg entscheiden kann und sich nicht festnageln lassen muss. Ich spiele heute in Rockclubs, das wäre früher nicht möglich gewesen. Die Bereitschaft, Fremdelemente in der Musik zu akzeptieren, ist deutlich gewachsen.

ZEIT ONLINE: Das ist vielleicht der Vorteil Ihrer Musik. Sie können das Tempo oder die Lautstärke sehr genau an die Umgebung anpassen. Das ist bei anderen Musikstilen schwieriger.

Frahm: Das kann man nicht so verallgemeinern. Nehmen Sie zum Beispiel das legendäre Nirvana-Unplugged-Konzert: Die brachialen und verzerrten Lieder funktionierten auch akustisch enorm gut. Jeder Musiker kann dynamisch sein und versuchen, seinen Sound zu verändern. Das ist auch wichtig – gerade in einer Zeit, in der die Musik so undynamisch ist wie jetzt.

ZEIT ONLINE: Das ist ein harsches Urteil.

Frahm: Die Musiklandschaft ist zu einer gleich lauten und gleich klingenden Suppe geworden. Im Radio hört man nur noch selten etwas Dynamisches. Es ist nur logisch, dass es dann irgendwann Hunger auf mehr gibt.

ZEIT ONLINE: Gibt es diesen Hunger nicht immer? Die Rebellion gegen den Mainstream.

Frahm: Die Beatles haben irgendwann angefangen, die Mikrofone näher an die Verstärker zu rücken und alles zu komprimieren. Das klang dann erst mal neu und innovativ, hat sich dann aber schnell zur gängigen Praxis entwickelt. Durch die 1970er, 1980er, und 1990er Jahre hindurch wurde die Musik dann immer lauter und undynamischer. Es herrschte ein wahrhafter Loudness War, in dem jeder Künstler versuchte, seine Platten noch etwas lauter zu mastern als die anderen. Ich habe recht früh erkannt, dass das nichts bringt und die Soundqualität sehr darunter leidet. Ich habe mich dann dazu entschlossen, genau das Gegenteil zu tun und meine Platten sehr leise aufzunehmen. Ich bin froh, damit den Nerv der Zeit getroffen zu haben.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich diesen Mentalitätswechsel?

"Das Klavier ist mein Freund"

Nils Frahm in seinem Durton Studio in Berlin © Alexander Schneider

Frahm: Die Leute haben dieses "immer lauter, immer schneller" einfach satt. Es gab schon jede erdenkliche Form von Lärm, und nun ist es an der Zeit für die komplette Entschleunigung und Rückbesinnung auf Komponisten wie Arvo Pärt, die erkannten, dass das Langsame das wirklich Radikale ist.

ZEIT ONLINE: Stille ist der neue Lärm?

Frahm: Stille ist heute radikaler als Lärm, ja. Es ist doch schwachsinnig, auf ein Konzert zu gehen und sich durch Ohrstöpsel den Klang kaputt zu machen, nur weil die Musik viel zu laut ist. Hat sich aber so eingebürgert. Für mich war es spannend, das Gegenteil zu probieren und den Leuten während eines Konzertes zu sagen: "Seid halt ruhig, wenn Ihr was hören wollt." Junge Leute mussten plötzlich den Atem anhalten, wie es sonst nur die alten Herren in der Oper tun. Höchstens mal ein Räuspern, aber nicht mehr. Das hat mich an meine Punk-Wurzeln erinnert. Das ist Antiestablishment.

ZEIT ONLINE: Wie kam es beim Publikum an?

Frahm: Sehr gut, viele sehnen sich ja nach einem neuen Konzerterlebnis. Es entsteht auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Dieses "wir drehen jetzt mal die Lautstärke hoch, um das Klappern und Scheppern an der Bar zu übertönen" ist ja nicht befreiend, ganz im Gegenteil. Man ist dem Lärm beim Konzert ausgeliefert. Das aktive und kollektive Stillsein fand ich reizend. Es ist auch irgendwie eine Verordnung, aber eine, die dem Konzerterlebnis guttut.

ZEIT ONLINE: Es kommt einem bei Ihrer Musik auch der Gedanke, dass Stille als musikalischer Ausdruck, gar Instrument eingesetzt wird.

Frahm: Töne ohne Pausen existieren nicht. Klingt erst mal nach einer Fluxus-Weisheit oder einem John-Cage-Spruch, aber es ist halt so. Nur durch die Stille können wir Töne überhaupt wahrnehmen. Mit diesem Element zu arbeiten ist also unausweichlich, aber vor allem lohnenswert.

ZEIT ONLINE: Arvo Pärt, den Sie gerade erwähnt haben, hat mal gesagt, dass es ihm genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Was halten Sie von diesem Minimalismus-Credo?

Frahm: Die Frage ist, was er mit "genügt" meint? Das Schöne an der Musik ist ja, dass sie keine Zweckmäßigkeit hat, nicht notwendig ist. Von daher genügt eigentlich alles irgendwie. Eine Brücke muss genügend Stabilität besitzen, um funktionstüchtig zu sein. Bei der Musik ist das anders, es gibt den Druck der Funktion nicht. Vielleicht genügt Pärt ein einziger Ton, andere würden sich da sofort langweilen. Ich mag Minimalismus, aber ich will kein Credo daraus machen – sonst wird es schnell dogmatisch. Vielleicht ist es das ja schon.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Frahm: Dieser Minimalismus ist gerade stark im Trend und die Plattenlabels und PR-Agenturen versuchen natürlich, das ausnutzen. Ich bin Teil einer Musikrichtung, die gerade noch irgendwo zwischen Underground und etablierter Popkultur steckt. Ich finde es spannend, zu beobachten, was dieser Umschwung mit der Musikindustrie anstellen kann. Viele sind aber nur am kommerziellen Aspekt interessiert; denen geht es darum, eine junge Generation für die Klassik zu begeistern. Künstler wie ich oder Ólafur Arnalds sollen junge Leute in die Philharmonie locken und sie an Beethoven und Wagner heranführen. Ich weiß aber nicht, ob ich dafür der Richtige bin.

ZEIT ONLINE: Wieso nicht?

Frahm: Ich bin ja kein Superstar, mein Einfluss ist begrenzt. Und das, was ich mit meiner Musik ausdrücken will, hat auch wenig mit dieser Haltung oder Idee zu tun. Mir geht es eher ums Improvisieren und ums Probieren. Ich bin kein Komponist, sondern Performer. Meine Konzerte sind nicht minutiös getaktet und durchorchestriert, wie es in der Klassik der Fall ist.

ZEIT ONLINE: Der Pianist und Komponist Chilly Gonzales hat einmal gesagt, dass die klassische Musik heute keine lebendige Kunstform mehr sei, weil ihr das Improvisierte fehle. Sie teilen also seine Einschätzung?

Frahm: Da ist etwas Wahres dran, und mir tun die jungen Leute leid, die ihr ganzes Leben damit verbracht haben, sich der Klassik zu widmen, denn es gibt dort weniger Innovation als anderswo. Viele klassische Musiker, mit denen ich im Kontakt stehe, fragen mich nach dem Geheimnis meines Erfolgs. Ich glaube, es geht um Authentizität, und da habe ich einen Vorteil, weil ich meine eigenen Stücke spiele und nicht die eines anderen Komponisten. Die Klassik ist an totes Material gebunden, und das macht sie museumsreif. Bei anderen Musikrichtungen gibt es nicht so viel Fundament, auf das man bauen kann oder muss, und das erlaubt Improvisation und Flexibilität. Es ist spannender, neue Wege zu gehen, als die alten Pfade immer wieder rauf- und runterzulaufen. Ich bin lieber Amateur als Experte – das eine kommt von Herzen, das andere von Erfahrung.

ZEIT ONLINE: Im Mittelpunkt steht aber stets das Klavier. Mit Ihrem World Piano Day, der gerade zum zweiten Mal stattfand, haben Sie ihm sogar ein Denkmal gesetzt.

Frahm: Das Klavier ist mein Freund, und ich will jeden an unserer Beziehung teilhaben lassen.

Nils Frahm ist mit seiner Band nonkeen auf Europatournee. Viele Konzerte sind bereist ausverkauft.