Nicht nur die Menschen im Kongo sind geschockt: Papa Wemba, Kongos bekanntester und wohl auch grandiosester Musiker, war während eines Konzertes in Abidjan (Elfenbeinküste), zusammengebrochen, und ist am frühen Sonntagmorgen im Alter von 66 Jahren gestorben.

Papa Wemba, mit bürgerlichem Namen Jules Shungu Wembadio Pene Kikumba, war ein musikalisches Idol weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Der Sohn einer Pleureuse, einer Klagesängerin, füllte Stadien in Kinshasa, Lubumbashi, Brazzaville oder Johannesburg, aber auch Säle in Paris, Brüssel und London. Seine Platten waren nicht nur in Afrika und Europa, sondern auch in Japan, Sri Lanka und in Lateinamerika populär. Kongolesische Rumba und Soukous, zwei prägende Stile, sind eng mit seinem Namen und dem seiner wichtigsten Band Viva la Musica verbunden. Titel wie L'Esclave, Le Voyageur oder Yolele wurden zu internationalen Hits.

Papa Wemba war im Kongo bereits ein Star, als Kinshasa im Herbst 1974 für einige Wochen Schauplatz eines internationalen Großereignisses wurde: des Boxkampfes zwischen Muhammad Ali und George Foreman um den Weltmeistertitel im Schwergewicht. Im Rahmenprogramm fand ein Musikfestival statt, das Amerikas Soul- und Bluesgrößen mit afrikanischen Musikern zusammen auf die Bühne brachte.

Ein Beispiel der kreativen Kraft des Kongo

In dem wunderbaren Dokumentarfilm Soul Power ist dieser dreitägige Konzertmarathon mit all seinen Höhepunkten und Absurditäten verewigt: angefangen von der haarsträubenden Anreise der Amerikaner in überladenen Flugzeugen über restlos bekiffte Manager, die brutale Hitze in Kinshasa, die schattenhafte Omnipräsenz des Diktators Mobutu Sese Seko bis zu den phänomenalen Auftritten von B.B. King, James Brown, Miriam Makeba, Hugh Masekela, Celia Cruz und den einheimischen Superstars Tabu Ley Rochereau, Franco und Papa Wemba, damals noch Mitglied der Band Zaiko Langa Langa.

Während sein Land in den folgenden Jahrzehnten zwischen Kriegen und Korruption zerrieben wurde, blieben Papa Wemba und die gesamte Musikszene ein Aushängeschild für die kreative Kraft des Kongo. Was wiederum ihre Protagonisten nicht zwangsläufig zu edlen Menschen machte. Kongos Musikstars stehen ihren Kollegen in anderen Nationen an Protzerei, Allüren und Konkurrenzkämpfen in nichts nach. Die Älteren haben außerdem die vielleicht verständliche, aber trotzdem unangenehme Angewohnheit, sich mit den jeweils Mächtigen zu arrangieren und Kritik an den Herrschenden weiträumig zu umsingen.

Mit dem Gesetz kam Papa Wemba trotzdem in Konflikt, allerdings nicht im Kongo, sondern in Europa. 2004 verurteilte ihn ein Gericht in Frankreich wegen Beihilfe zur illegalen Einreise zu 15 Monaten Haft, von denen er drei verbüßen musste. Der Hintergrund: Kongos Superstars verdienten offenbar einiges Geld damit, junge Frauen und Männer als Backgroundsänger mit auf Tourneen zu nehmen, wohl wissend, dass diese in Paris oder Brüssel abtauchen würden. Einen Interviewtermin mit Papa Wemba zu bekommen, war sehr schwierig.

Stets exquisit gekleidet

Er war nicht nur Musiker, Stimme der Nation und Schauspieler, sondern auch der bekannteste Repräsentant der Sapeurs. Hinter diesem Namen steckt die Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes, was keine Organisation, sondern eine Subkultur afrikanischer Dandys ist, die die Armut und Verwahrlosung, in der sie leben, mit Outfits von Armani oder Gaultier, Borsalino-Hüten und Seidenschals ignorieren. Ein kleiner Mann, stets exquisit gekleidet. David Bowie und Prince dürften dabei öfter Modell gestanden haben.

Der ebenfalls dieses Jahr verstorbene Roger Willemsen ist Papa Wemba einmal in Kinshasa begegnet. Der König der kongolesischen Rumba fuhr mit ihm in einer tief gekühlten Limousine durch die chaotische Hauptstadt, winkte gelegentlich seiner jubelnden Anhängerschaft zu und lauschte ansonsten seinem eigenen Album Molokai. Willemsen wusste offenbar nicht so ganz, wie er diesen Mann einzuschätzen hatte. Aber er erkannte, was den Leuten seine Musik bedeutete: "Wenn ich heute aber Molokai auflege, dann sehe ich seine Tänzer wieder im Hinterhof üben, höre die Albinostimmen des Chors, spüre wieder die Befreiung, die diese Musik den Kriegspausen bescherte", schrieb Willemsen in der ZEIT 2007, "und ich verstehe, warum man Papa Wemba den magic touch zuschrieb, einen Ausdruck, der noch heute seine Autogrammkarten ziert".

Vielleicht nicken sich die beiden jetzt zu. Irgendwo auf der anderen Seite.